Unter dem Begriff Solidarische Ökonomie werden Alternativen zu den bestimmenden Kräften des freien Marktes und des Wirtschaftsgeschehens diskutiert, die auf alle gesellschaftlichen Bereiche des (Zusammen)Lebens Einfluss haben.
Solidarität, Demokratie und Selbstverwaltung
Die Solidarökonomiebewegung erlebt seit den 1980ern einen Aufschwung in Brasilien, aber auch in anderen Ländern. Die universitären Incubadoras, die in Artikel I vorgestellt wurden, spielen in der Solidarökonomie eine zentrale Rolle. Sie experimentieren mit zahlreichen Initiativen und Projekten. Nicht zuletzt wird mit der Schaffung von Arbeit und Einkommen für und mit benachteiligten Menschen ein Ausweg aus prekären Lebenslagen ermöglicht. Aber was daran ist besonders oder macht den Unterschied aus?
Das Ziel von BesitzerInnen bzw. ManagerInnen kapitalistischer Unternehmen liegt darin, den größtmöglichen Profit im Verhältnis zum investierten Kapital zu erzielen. Bei Unternehmen der solidarischen Wirtschaft wird die Trennung zwischen Arbeit und Besitz der Produktionsmittel abgelehnt. Arbeit und Kapital sind verwoben, weil das Kapital in Besitz derer ist, die in der Kooperative arbeiten. Idealerweise sind alle dort Beschäftigten auch EigentümerInnen und jedes Mitglied hat eine Stimme im Entscheidungsfindungsprozess. Das Unternehmen wird nach Regeln verwaltet, die von den MitarbeiterInnen gemeinsam beschlossen werden. Über die Verwendung der erwirtschafteten Überschüsse und die Kriterien des Auszahlungssystems entscheiden ebenfalls alle MitarbeiterInnen gemeinschaftlich.
Die Arbeitsweise in solidarökonomischen Betrieben weicht damit wesentlich von kapitalistischen Beschäftigungsformen ab. Die in Gesellschaften z.B. des EU-Raums etablierten Werte und Denkmuster sind von Prinzipien des Wettbewerbs, des Individualismus und der Gewinn- und Nutzenmaximierung durchdrungen. Die Grundprinzipien und Werte der Solidarökonomie sind Selbstverwaltung, Autonomie, Selbständigkeit, Gleichheit, Demokratie und Solidarität. Arbeit und die Anerkennung des kollektiven Handelns sind von zentraler Bedeutung. Die solidarische Wirtschaft basiert auf Selbsthilfe und lokaler Wirtschaft. Sie bindet im Produktionsprozess Elemente ein, die über die reine Einkommens- bzw. Gewinnvergrößerung hinausgehen.
Initiativen der Solidarökonomie sind auf die Gesamtheit der wirtschaftlichen Tätigkeiten ausgerichtet, nämlich auf Produktion, Distribution/ Verteilung und Konsum. Tauschringe, Organisationen, die Mikrokredite vergeben und Fairtrade-Zusammenschlüsse bilden ebenfalls Varianten der Solidarökonomie.
Gelebte Beispiele solidarischer Ökonomie
Die Incubadoras erarbeiten, basierend auf einem Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Incubadora-MitarbeiterInnen und Menschen, die Kooperativen gründen wollen, ein Ausbildungsprogramm für die Mitglieder von Cooperativas Populares (selbstverwaltete Unternehmen/Kooperativen). Das Verständnis von Bildung und die Ausbildung durch Incubadoras wurde in Grundzügen schon im letzten Artikel vorgestellt. Was genau produzieren nun aber diese Cooperativas Populares?
Cooperativas Populares können Produktions-, Verteilungs-, Konsum- oder Dienstleistungskooperativen sein. Zum Beispiel gibt es zahlreiche Reinigungs- und Müllverarbeitungskooperativen. Es finden sich solidarische Betriebe im Nahrungs-, Koch- und Gastronomiebereich. Auf künstlerische oder handwerkliche Kooperativen wie z.B. NäherInnen-Kooperativen oder Tischlerei-Kooperativen stößt man immer wieder.

Fotos: Michaela Hauer

Die von den Incubadoras begleiteten Kooperativen und solidarischen Betriebe haben Betätigungsfelder in verschiedensten Bereichen des Lebens. Im Zuge unseres Projektaufenthalts in Brasilien im Rahmen des Projektes Volkbildung heute des Paulo Freire Zentrums haben wir einige davon besucht und auch schon einmal vorgestellt, z.B. die große und gut funktionierende Reinigungskooperative COOPERLIMP, die Tischlerei Madeirarte oder eine Incubadora, die im landwirtschaftlichen Bereich zum Thema ökologischer Landbau und dessen Vermarktung begleitet und unterstützt.
Und die Gemeinsamkeit?
Bei allen Incubadoras reicht das Ausbildungsprogramm von der gemeinsamen Führung bzw. Verwaltung des Betriebes, über den Produktionsprozess und die Vermarktung bis hin zur selbständigen Unternehmensführung. Über Incubadoras wird auch technisches, betriebswirtschaftliches, rechtliches, organisatorisches und fachbezogenes Wissen weitergegeben, das nicht zuletzt marktrelevant ist und ein wirtschaftliches Bestehen der Kooperativen unter den gegenwärtigen Umständen ermöglicht.
Gesellschaft, Familie und Schule prägen allerdings die Menschen, indem sie Werte vermitteln, die allzu oft von den Prinzipien des Wettbewerbs, des Individualismus und der Gewinn- und Nutzenmaximierung geprägt sind. Für den Aufbau und die Erhaltung von solidarökonomischen Betrieben ergeben sich angesichts dieser Ausgangslage manchmal große Schwierigkeiten. So meinten einige MitarbeiterInnen unterschiedlicher Incubadoras, dass sich die Bildung der Mitglieder der (angehenden) Kooperativen in den Grundwerten der Solidarökonomie am schwierigsten gestalte. Dieser Teil der Ausbildung dauere sehr lange. Besonders schwierig sei es zu vermitteln, gemeinsam, gleichberechtigt und solidarisch zu arbeiten. Die Werte der Solidarökonomie wie Selbstverwaltung, Autonomie, Selbständigkeit, Gleichheit und Demokratie sind eben nicht selbstverständlich.
Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.
Die Autorin hat 2008 eine Masterarbeit für den Master of Arts (MA)
in Latin American Studies beim Interdisziplinärer
Universitätslehrgang für Höhere Lateinamerika-Studien
in Wien verfasst. Die Artikelserie fasst die Ergebnisse dieser Arbeit kurz zusammen. Der gesamte Text ist in der Reihe Aktion&Reflexion erschienen.
Lesen Sie auch Teil 3.