Die Sackgasse, auf die das derzeitige Wirtschaftssystem zusteuert, wird immer offensichtlicher. Diese Beobachtung führt unweigerlich zur Frage, ob sich Wirtschaft nicht auch anders sozialer, demokratischer und ökologischer organisieren lässt. Theorie und Praxis solidarischer Ökonomie werden im JEP 2009/3 analysiert.Ein Verweis auf die Widersprüche und Spannungsverhältnisse, in denen sich solidarökonomische Initiativen bewegen, findet sich bereits im Titel des aktuellen Journals für Entwicklungspolitik: Solidarische Ökonomie zwischen Markt und Staat. Gesellschaftsveränderung oder Selbsthilfe? Diese Frage und etliche damit im Zusammenhang stehende Aspekte diskutiert das internationale und interdisziplinäre AutorInnenteam.
Die Beiträge reichen von einer grundlegenden Einführung in die Solidarökonomie (SÖ), über die Betrachtung verschiedener Beispiele, zur kritischen Analyse von Konzepten, wie Partizipation und Demokratisierung.
In der Wissenschaft fristet die SÖ trotz ihrer stark gestiegenen Bedeutung und Aktualität leider momentan noch immer eher ein Nischendasein welchem das JEP entgegentritt.
Gesellschaftsveränderung oder Selbsthilfe?
Markus Auinger bietet eine theoretische Einführung in die SÖ, die den aktuellen Diskurs aufgreift und Orientierung schafft. Nicht alle Unternehmen, die sich als sozial oder solidarisch definieren, entsprächen den fundamentalen Kriterien einer solidarischen Ökonomie, meint Auinger. Diese seien das Demokratieprinzip, das Identitätsprinzip (KapitalbesitzerInnen = ArbeiterInnen) und das Solidaritätsprinzip, wodurch sie sich deutlich von herkömmlichen Betrieben unterscheiden. Die kritische Frage im Titel des Artikels, ob SÖ wirklich der Weg zu einer Gesellschaftsveränderung oder eher eine Form der Selbsthilfe darstellt, kann schon aufgrund der Vielfalt an Projekten nicht eindeutig beantwortet werden. Ein fundamentales Kriterium für das gesamtgesellschaftliche Transformationspotenzial solidarökonomischer Initiativen identifiziert Auinger in der zukünftigen Dimension der Bewegung. Eine intensivere Kooperation zwischen verschiedenen Projekten, Solidaritätsnetzwerken und Produktionsketten sei dringend erforderlich, um größere Wirkung zu erlangen.
Erfahrungen aus Brasilien und dem Baskenland
In Europa aber lässt sich ein Defizit an solchen Netzwerken feststellen, mit Ausnahme der baskischen Industriekooperative Mondragón. In Brasilien hingegen ist der Prozess schon weiter fortgeschritten, wobei die zugespitzte Situation der ArbeiterInnen sowie staatliche und eine starke gewerkschaftliche Unterstützung auch eine Rolle spielen. In Brasilien, wie im Baskenland, ist das Genossenschaftswesen eine Reaktion in Form der Selbsthilfe und -organisation und gleichzeitig eine Aktion des Widerstandes. Maurício Sardá de Faria und Gabriela Cavalcanti Cunha beschreiben die Herausforderungen in Brasilien, wo vom Konkurs bedrohte Betriebe von den ArbeiterInnen besetzt und weitergeführt werden. Während die Organisationsstruktur demokratischer und solidarischer gestaltet wird, bleibt die Produktionsstruktur in der Regel aber unverändert, d.h. der finanzielle Druck, welchem die Firma vorher schon ausgesetzt war, wird auf die ArbeiterInnen übertragen und die kapitalistischen Zwänge, wie einen Mehrwert zu erzeugen, bleiben bestehen.
Ganz ähnlich ergeht es der weltweit größten Kooperative Mondragón, die Astrid Hafner in ihrem Beitrag beschreibt. Auch sie ist den Marktzwängen des kapitalistischen Wirtschaftssystems unterworfen, welche die solidarischen Prinzipien und Sozialleistungen untergraben.
Staatliche und betriebliche Strukturen
Andreia Lemaître behandelt in ihrem Artikel die Auswirkungen der Einbettung sozialökonomischer Unternehmen in staatliche Strukturen. In den 1970er und 1980er Jahren entstanden in Europa soziale Projekte, die sich der Integration von am Arbeitsmarkt benachteiligten Menschen widmeten. Mittlerweile wurden viele davon in den Wohlfahrtsstaat integriert mit wechselseitigen Effekten und Einflüssen, die von der belgischen Sozialwissenschafterin empirisch untersucht und im JEP zusammengefasst wurden.
Im letzten Beitrag stellen Manfred F. Moldaschl und Wolfgang G. Weber die Frage: Trägt organisationale Partizipation zur gesellschaftlichen Demokratie bei? Oft wird ein positiver Zusammenhang angenommen. In diesem Beitrag verwerfen die Autoren Kausalzusammenhänge und zeigen auf, dass sich betriebliche Mitbestimmung unter Umständen auch negativ auf Demokratisierung auswirken kann. Partizipation werde auch instrumentell eingesetzt, um Leistungserhöhung durch MitarbeiterInnenmotivation zu erreichen und führe außerdem oft zur Selbstausbeutung. Dennoch biete aktive Beteiligung Potenzial für eine Demokratisierung der Gesellschaft. Das Ergebnis hänge im Wesentlichem vom Lernprozess ab, der durch Partizipationserfahrungen erreicht wird.
Sämtliche im JEP behandelte Projekte solidarischer Ökonomie befinden sich in einem Spannungsverhältnis, an dem nicht wenige zerreißen: Markt und Staat auf der einen Seite, der Wunsch nach Autonomie und Veränderung kapitalistischer Strukturen, auf der anderen.
Mit dem Aufzeigen dieser Widersprüche, sowie weiterführender Fragen, gelingt dem JEP eine kritische Reflexion der SÖ, die für viele die Hoffnung auf ein gerechteres Wirtschaften birgt. Damit wird das JEP Paulo Freires Vorstellung gerecht, nach der die Praxis der Verwandlung der Welt aus Aktion und Reflexion besteht.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
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