Im Rahmen der Eröffnung des C3, Centrum für Internationale Entwicklung, wurden einige AkteurInnen der entwicklungspolitischen Szene eingeladen, ihre persönliche Verbindung zu Bibliotheken zu erzählen. Martin Jäggle vom Institut für Praktische Theologie hat seine Erinnerungen zusammengefasst.
Mein Beruf als Theologieprofessor ist ohne Bibliothek gar nicht möglich. Ich kann sogar sagen, zu jenen Privilegierten zu gehören, die in gewissem Sinne jedenfalls teilweise für die Benützung von Bibliotheken bezahlt bekommen. Alles Berufsspezifische werde ich aber jetzt ausklammern. Erwähnen will ich nur, dass ich in der Maturaklasse, als es in der katholischen Kirche noch den Index Librorum Prohibitorum, also eine Liste der verbotenen Bücher gab, per Dekret die Berechtigung erhielt, alle Bücher lesen zu dürfen. Das waren noch Zeiten.
Im Vordergrund stehen lebensgeschichtliche Erinnerungen, die ich nicht erzählen kann, ohne zuvor kurz die gesellschaftliche, kulturelle und politische Bedeutung einer Bibliothek zu verdeutlichen.
Lang ist es her, doch alle wissen heute noch um die Größe und Bedeutung der Bibliothek von Alexandria, deren Zerstörung zu den größten Verlusten der Kulturgeschichte der Menschheit zählt.
In jeder Hinsicht näher liegend ist die Zerstörung der Nationalbibliothek von Sarajevo vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Damals im Krieg auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien waren die Bibliotheken «beliebte» Ziele der Artillerie mit der erklärten Absicht, historische Dokumente zu vernichten. Mit der Tilgung des historischen Gedächtnisses sollte ein «gesäubertes Gebiet» geschaffen werden, um ihm danach eine neue nationale «Identität» überzustülpen. Am 26. Mai 1994 dirigierte Zubin Mehta die Wiener Philharmoniker und den Chor der Oper von Sarajevo: Unter dem zerbrochenen Auge der Glaskuppel und inmitten angesengter und eingestürzter Säulen der National- und Universitätsbibliothek war Mozarts Requiem zu hören. berichtet Natasa Galob.
Wir sind heute in keiner Nationalbibliothek, sondern im Centrum für Internationale Entwicklung, dessen Mitte seine Bibliothek darstellt. Die Grundlage für ihren Bücherbestand wurde vor einem halben Jahrhundert gelegt. Zu dieser Zeit bewohnte ich damals nicht allzu weit von hier entfernt mit meinen drei Geschwistern ein Zimmer voller Bücher. Sämtliche Wände dieses Zimmers waren auch unter den Fenstern voll mit Bücherregalen. Die Bibliothek meiner Eltern war einige Jahre zugleich auch Kinderzimmer. Einschlafen und munter werden mitten unter Büchern. Ich kann also von mir sagen, in einer Bibliothek aufgewachsen zu sein.
Schon die Schülerbibliothek der Volksschule in Oberösterreich, die ich einige Jahre besuchte, bot mir die Möglichkeit, in einem Horizont aufzuwachsen, der größer war als die Berge ringsum sonst zugelassen hätten. Ich war in ökonomischer Sprache ausgedrückt unter den 44 Mitschülern der wichtigste Kunde des damaligen Schüler-Bibliothekars und späteren Stadtschulratspräsidenten.
Die 7. Klasse Gymnasium brachte mich erstmals in eine richtige, große und bedeutende Bibliothek, in den heute alten Lesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek am Josefsplatz. Wir hatten für Deutsch ein Werk und seinen Schriftsteller näher zu erläutern. Es war die dunkle Jahreszeit, in der ich wochenlang nachmittags beim Licht der Leselampen mit den grünen Lampenschirmen saß. Heute noch ist mir der besondere Geruch des Raumes und der alten Bände vertraut. Das hat man davon, wenn man seine Nase solange in so viele Bücher steckt.
Dann in meiner Studienzeit war neben Hörsaal und natürlich Mensa der große Lesesaal der Universitätsbibliothek nicht nur der wichtigste Aufenthaltsort, sondern auch ein Lebensort. Der Raum war ungleich größer als jener am Josefsplatz. Die Größe des Raumes symbolisierte mir auch die Weite des Geistes der universitas. Viele Kolleginnen und Kollegen waren am Werk in größter Stille. In der Bibliothek war Studieren unglaublich ansteckend. Ein merkwürdiger Kontrast: Die Stille im Raum und der Sturm im Denken. Und jede Menge Bücher. Nur hat die Bibliothek damals für mich jedenfalls stets zu früh geschlossen.
1971 betrat ich zum ersten Mal die ÖFSE-Bibliothek, damals noch in der Türkenstraße. Wer sich mit Entwicklungsfragen befassen wollte, war einfach auf diese Bibliothek angewiesen. Als besonderes Lockmittel fungierten die Zeitschriften, die sich in dieser Fülle niemand privat leisten konnte und kann.
Mit einer Bibliothek und ihrem Leseplatz verbinde ich eine ganz besondere Erfahrung von Zeit. Sie ist ein Ort der Entschleunigung, die Zeit ist merkwürdig aufgehoben und zugleich ist eine frühere Zeit gegenwärtig. Nur einmal war es ganz anders. Da musste ich als Student unfreiwillig in der Bibliothek des Instituts für Dogmatik nächtigen, weil ich aus Versehen eingesperrt worden bin. Damals habe ich als Kopfpolster ein dogmatisches Werk ausgesucht, von dem ich welch revolutionäre Haltung sicher war, es nie zu lesen, aber von dem ich danach sagen konnte: Auch dieses Werk habe ich verwendet.
Ich wünsche allen, die in diese Bibliothek hier kommen, einen hellwachen Geist.
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