ForscherInnen unterwegs – Interkulturelle Dimensionen der Wissenschaften

Was sind mögliche Stärken und Schwächen von Interkulturalität in der Wissenschaft und wie steht es um ihre Rahmenbedingungen in Österreich? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Workshop „Researchers on the Move. Intercultural Dimensions in Science and Humanities“, der am 4. Juni 2009 stattfand.

Das Projekt „Researchers on the Move. Intercultural Dimensions in Science and Humanities“, an dem die Kommission für Entwicklungsfragen, ForscherInnen ohne Grenzen, die Südwind Agentur und das Paulo Freire Zentrum beteiligt sind, startete im Oktober 2008 mit einer Online-Dialogplattform in Form eines Blogs. Im Rahmen des einjährigen Projekts werden Radiosendungen auf dem Community Radio ORANGE 94.0 gesendet und zwei Workshops in Wien und Salzburg organisiert. Die Ziele des zweiten Workshops im Kolpinghaus Salzburg waren der Erfahrungsaustausch und die Vernetzung zwischen den TeilnehmerInnen sowie die Erarbeitung von Verbesserungsvorschlägen für schon bestehende Netzwerke. Der Moderatorin Margarita Langthaler, Forschungsassistentin der ÖFSE für Bildung, Forschung & Entwicklung, gelang es durch den interaktiv aufgebauten Workshop, die Anwesenden zu spannenden Diskussionen anzuregen.

Barrieren und Chancen

Der erste Vortrag der Veranstaltung wurde unter dem Titel „My East – West Research Odyssey“ von Ekaterina Dimitrova gehalten, die über persönliche Erfahrungen während ihres Philologie- und Philosophie-Studiums an der Universität von Sofia und ihres Sanskrit-Studiums an der Universität Dehli berichtete. Während ihrer wissenschaftlichen Ausbildung begegneten ihr sowohl unüberwindbare Barrieren als auch geöffnete Türen. Zwei Kritikpunkte ihrerseits richteten sich erstens an die in London persönlich erlebten „financial barriers“, also die unterschiedlichen Kosten derselben Ausbildung in verschiedenen Ländern und zweitens an einen immer noch stark vorherrschenden Konservatismus an den Hochschulen. Trotzdem betonte sie das Potential interkultureller WissenschafterInnen, solange diese schöpferisch und beharrend bleiben. Die Referentin sieht das Internet als große Chance und wertvolles Instrument, um einfach und wirksam Kulturen kennen zu lernen und an ihnen teilzuhaben. Sie unterstrich die Notwendigkeit und Wichtigkeit, Partnerschaften, Beziehungen, Netzwerke und Brücken während des Forschens aufzubauen, denn „im Zentrum und am Ende jeder Wissenschaft steht der Mensch“, so Dimitrova.

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Arbeitsgruppen (Foto: Maiada Gassan Hadaia)

Im anschließenden „Brain walk“ beschäftigten sich die Workshop-TeilnehmerInnen in drei Gruppen mit verschiedenen Fragen rund um Interkulturalität. Die 25 BesucherInnen des Workshops kamen aus unterschiedlichen Ländern und Kontexten, was teilweise zu hitzigen Diskussionen führte.

Integration und Desintegration im Wechselspiel

Simron J. Singh, der zweite Referent des Tages, Leiter einer Forschungsgruppe und Dozent am Institut für Sozialökologie der Fakultät für Interdisziplinäre Studien an der Universität Klagenfurt, lud die HörerInnen ein, seiner Reflexion über teilnehmende Beobachtungen unter dem Titel „Ten Years of an Indian anthropologist in Austria“ zu folgen. Er beschrieb sich selbst als indischen Forscher, der versuchte, sich in die österreichische Gesellschaft einzuleben und sich die Frage stellte: Was bedeutet es, ein Österreicher zu werden? Auf selbstironische Art und Weise, die das Publikum erheiterte, beschrieb er seine persönlichen Erfahrungen in Österreich als ständiges Wechselspiel zwischen Integration und Desintegration, des Lernens und Verlernens. Österreich stelle sowohl im Alltag als auch im Bereich der Wissenschaft im Vergleich zu Indien einen großen Kontrast dar. Dies machte Singh an den Gegensatzpaaren „Freundschaft vor Beruf“ versus „Beruf vor Freundschaft“, „soft science“ versus „hard science“ sowie „Prozess“ versus „Ziel“ fest. Zwei komplett verschiedene Herangehensweisen des Forschens zeigten sich. Während in Indien der Forschungsprozess an erster Stelle stehe, sei in Österreich das Forschungsziel wichtiger. Der Prozess sei demnach in der österreichischen Forschungslandschaft einzig und allein ein Mittel zum Zweck, der Anthropologe bezeichnete dies als „output-oriented research environment“.

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Publikum (Foto: Maiada Gassan Hadaia)

Nach Simron J. Singhs Erfahrungen wird in Österreich zwischen „guten und schlechten Ausländern“ unterschieden. Während man sich mit den „Guten“ unbeschwert auf Englisch unterhalten kann, zählen jene mit gebrochenem Deutsch zu den „Schlechten“. Je nach Sprachkenntnissen wird den Ausländern also unterschiedlicher Respekt entgegengebracht. Für Singh war dies inakzeptabel und er beschloss deshalb, nur mehr Englisch zu sprechen. Seine Versuche der Assimilation sind gekennzeichnet von der Unterscheidung zwischen Werten und Tätigkeiten. Seine Tätigkeiten, so der Anthropologe, konnte er ändern und anpassen. Die vollständige Transformation in einen Österreicher scheiterte jedoch an der Unveränderbarkeit seiner Wertvorstellungen. Auf die Frage, woher er komme, antwortet Singh heute zufrieden: „Ich komme aus Indien, lebe aber in Österreich“. Abschließend betonte er, dass es in einem interkulturellen Umfeld immer wichtig sei, akzeptiert zu werden und zu akzeptieren, sich gegen Stereotype oder Vorurteile zu wehren sowie offen und ehrlich zu sein.

Im letzten Teil des Workshops wurden Vorschläge gesammelt, wie Netzwerke rund um Interkulturalität in der Forschung geschaffen werden können. Die Ergebnisse waren breit gefächert und reichten von der verstärkten Nutzung elektronischer Medien bis zum Schaffen von Räumen der Begegnung durch Stammtische, Buddynetzwerke, Seminare, Workshops und Konferenzen. Die Herausforderung für die Wissenschaft bestehe darin, so das Credo der Diskussion, ihre Themen einem breiteren Publikum zu vermitteln sowie eine Möglichkeit zu finden, Interkulturalität und Internationalismus den österreichischen Hauptmedien und JournalistInnen attraktiv zu präsentieren.



Für mehr Informationen zur Veranstaltung (Vorträge der ReferentInnen, Eindrücke der Weltcafés und Videodokumentationen) siehe hier.

Zum Artikel des ersten Workshops.

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.