Von Interdisziplinarität und der Brücke zwischen Entwicklungsforschung und den Menschen

Die TeilnehmerInnen des Symposiums "Perspectives on Development
Studies" (Mattersburg, 25.-27. Oktober 2007) starteten mit einem Podium
zum Themenbereich Interdisziplinarität in der Entwicklungsforschung in
den letzten Tag.
Multi-, pluri-, inter-, transdisziplinär

Unter der Moderation von Walter Schicho (Mattersburger Kreis, Projekt Internationale Entwicklung) sollte am Samstag, 27. Oktober 2007, nach den Beziehungen zwischen den an der Entwicklungsforschung teilnehmenden Disziplinen gefragt sowie Möglichkeiten eines inter- oder sogar transdisziplinären Zugangs ausgelotet werden.

oder undiszipliniert?

Frans J. Schuurman vom Centre for International Development Issues Nijmegen (CIDIN, Niederlande) war als Experte für den Hauptvortrag geladen. Er eröffnete dem erstaunten Publikum, nicht wie angekündigt über die Themenstellung des Podiums zu sprechen, sondern seinen Vortrag stattdessen dem "new imperialism" zu widmen. Durch das Einbeziehen von "Globalisierungsrhetorik" habe sich die Entwicklungsforschung, so Schuurman, immer mehr von der kritischen Theorie entfernt. Es stelle sich die Frage, wie sie aus dieser "Sackgasse des Glob-Talk" wieder hinausfinden könne. In "new imperialism" sieht er in diesem Zusammenhang eine neue Perspektive für die Entwicklungsforschung; diese neue Form von kritischer Entwicklungsforschung sei subversiv, kooperiere mit emanzipatorischen Bewegungen und stelle Machtverhältnisse in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen. Als mögliche Nachteile des "new imperialism" als Rahmen für Entwicklungsforschung nennt er seinen hohen Grad an Abstraktion, seine geringe konkrete Anwendbarkeit sowie seinen Ruf als Verschwörungstheorie.

Der unangekündigte Themenwechsel von Seiten Schuurmans ist sehr zu bedauern, zumal sich die drei DiskutantInnen des Podiums, Johannes Jäger (Mattersburger Kreis), Simron Jit Singh (IFF Fakultät für Interdisziplinäre Studien, Wien) und Ulli Vilsmaier (Universität Salzburg), auf eine Diskussion zu Fragen der Interdisziplinarität in der Entwicklungsforschung vorbereitet hatten.

Politische Ökonomie als theoretischer Zugang

Für Jäger ist Entwicklungsforschung keine kohärente Disziplin; es bedürfe daher vieler Herangehensweisen, um sich dem komplexen Gegenstand angemessen zu nähern. Als vielversprechenden Zugang schlägt Jäger Politische Ökonomie vor. Durch ihren Charakter eines vordisziplinären Zugangs verbinde sie Politikwissenschaften, Soziologie und Ökonomie auf optimale Weise und biete so einen geeigneten Startpunkt für Analysen, in denen Strukturen und AkteurInnen im Mittelpunkt stehen. Die methodische Herangehensweise müsse in jedem Fall dialektisch sein und sowohl Konkretes als auch Abstraktes einschließen.

Politische Ökologie: "Man muss sich nicht gegenseitig auf die Füße treten"

Im Hinblick auf FördergeberInnen sei es besser, wie Singh scherzhaft feststellt, wenn die Politische Ökologie weiterhin von der Entwicklungsforschung getrennte Wege gehe. In inhaltlicher Sicht sei die Frage nach möglichen Synergien zwischen Entwicklungs- und Umweltforschung sehr dringlich. Er sieht insbesondere in ungleichen Machtverhältnissen und Verteilungsfragen bedeutende Überschneidungspunkte, an denen Kooperationen ansetzen könnten. Die bisherige Diskussion im Rahmen des Symposiums habe sich in erster Linie auf Zusammenarbeit zwischen sozialwissenschaftlichen Disziplinen konzentriert, er vermisse jedoch eine Beschäftigung mit möglichen Kooperationen zwischen Sozial- und Naturwissenschaften.

Die Unsicherheiten rund um Transdisziplinarität

"Die Debatten um Transdisziplinarität bewirken Unsicherheit und sind gleichzeitig Ausdruck von wissenschaftstheoretischer Unsicherheit, wie man Forschung betreiben solle", meinte Ulli Vilsmaier. Die akademische Diskussion zum Begriff Transdisziplinarität verfolge zwei Linien: Einerseits beziehe sich die Debatte auf interne Wissenschaftsstrukturen und eine Hinterfragung disziplinärer Grenzen; diese Kritik drücke sich in institutionalisierten Kooperationen auf wissenschaftlicher Ebene aus. Andererseits gehe es in einem viel weiteren Sinn um Erkenntnistheorie, Wissensproduktion und das normative Selbstverständnis von Wissenschaft. Vilsmaier stellt die Frage in den Raum, wie eine tatsächliche Integration unterschiedlicher Wissensformen in einem Kontext gelingen kann, in dem nichtakademisches Wissen häufig geringer geachtet wird.

Andreas Novy (Wirtschaftsuniversität Wien, Mattersburger Kreis, Paulo Freire Zentrum, Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung) fügte in der anschließenden Diskussion hinzu, dass eine zentrale Idee hinter Transdisziplinarität die Auswirkungen von Forschung auf die Realität sei. Die große Herausforderung sei aus diesem Grund die Frage nach der Verbindung des alltäglichen Erfahrungswissens mit an der Universität erworbenem Wissen. Auch Jäger unterstrich die Bedeutung eines Nachdenkens über Wissensproduktion; es gelte den globalen "Süden" hier gleichberechtigt einzubeziehen. Entwicklungstheorien müssten über die "Grundsatzfrage" reflektieren, welche Auswirkungen Forschung auf Realität haben könne.

Die Podiumsdiskussion verlief wegen des unerwarteten Themenwechsels durch Schuurman weniger kohärent als die anderen des Mattersburger Symposiums. Dies trug dazu bei, dass eine Diskussion zum Verständnis von Transdisziplinarität im Rahmen der dreitägigen Veranstaltung zu kurz gekommen ist. Auch eine weitere Auseinandersetzung zum Verhältnis zwischen politischer Ökologie und Entwicklungsforschung wäre wünschenswert, ein Dialog, dem hoffentlich im Rahmen der kommenden 4. Österreichischen Entwicklungstagung 2008 größere Aufmerksamkeit geschenkt werden kann.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.