Von Zeitreisen und Dekonstruktionen: „Entwicklung“ definieren oder entsorgen?

Uma Kothari (University of Manchester) und Aram Ziai (Universität Hamburg) reflektierten am Morgen des Freitags, 26.
Oktober 2007, im Rahmen des Symposiums Entwicklungsforschung den
Begriff "Entwicklung".
Nachdem die geladenen WissenschafterInnen am Vorabend nach dem persönlichen Zugang zur Entwicklungsforschung befragt worden waren, stand am Freitagmorgen die Fragestellung des Symposiums im Zentrum der Diskussionen: Was ist Entwicklung? Ein Prozess gesellschaftlichen Fortschritts? Bestimmte Methoden zur Produktivitätssteigerung? Oder das Eingreifen von Staaten oder NGOs in soziale und wirtschaftliche Prozesse?

"Nobody wants more poverty or less participation"

Uma Kothari fasste ihre Überlegungen zu Entwicklung in sechs Punkten zusammen:

1. Zentral erscheint ihr die Schaffung und Aufrechterhaltung von Unterschieden, seien sie räumlicher, zeitlicher, ideologischer, politischer oder moralischer Natur. Nur dadurch sei Entwicklung im Sinne eines positiven Fortschritts fassbar. Denn nur die Unterscheidung von "entwickelten" und "unterentwickelten" Staaten aufgrund bestimmter Merkmale biete eine Handlungsgrundlage und/oder Rechtfertigung für Entwicklungspolitik. Ein Problem bestehe in der Hervorhebung bestimmter Merkmale (z.B. Armut) gegenüber anderen, zu denen etwa Machtverhältnisse gehörten.

2. "Over there and back then": Das Konzept "Dritte Welt" werde nur allzu oft rein aufgrund geographischer oder zeitlicher Aspekte erstellt. So stelle der "Westen" die Gegenwart der "Dritten Welt" oft in direkten Bezug zur eigenen Vergangenheit. "Westliche" EntwicklungsforscherInnen könnten, dieser Logik zufolge, in einer Art Zeitreise vergangene Entwicklungsstufen der eigenen Gesellschaften besuchen.

3. Mit dieser Vorstellung nehme man peripheren Ländern die Möglichkeit, selbständig die eigene Zukunft zu bestimmen. Zudem orientierten sich entwicklungspolitische Zielvorstellungen, wie die MDGs (Millennium Development Goals) der UNO, an der Gegenwart des Westens, behaupten für periphere Länder eine ähnliche (mögliche) Zukunft und planten diese dementsprechend.

4. Das im Globalisierungsprozess dominante "neoliberale Projekt" reduziere Entwicklung auf ein rein technisches Unterfangen. Aus neoliberaler Sicht seien nur die richtigen Werkzeuge und Menschen die sie zu verwenden wissen notwendig, um Entwicklung voranzutreiben. Diese Vereinfachung verdränge soziale und kritische Diskurse und limitiere so den Effekt kritischer Stimmen.

5. Entwicklung als moralisches Projekt: Auch wenn das persönliche soziale Engagement im Bereich Entwicklung moralisch oder humanitär motiviert sein möge, müsse man die eigene Rolle auch in einem Zusammenhang sehen, dem vielleicht andere Motivationen zugrunde liegen. Niemand wolle mehr Armut oder weniger politische Rechte, daher gäbe es diesbezüglich keinen kritischen Diskurs. Entwicklung habe sich von jeher als "gut", im Gegensatz zum "bösen" Kolonialismus, konstruiert.

6. Entwicklung als neokoloniales Projekt: Entwicklung beschäftige sich zuwenig mit der eigenen Vergangenheit. Es bedürfe einer Auseinandersetzung mit der Entwicklungspolitik des Kolonialismus und den kolonialen Spuren im heutigen Forschungsfeld.

Abschließend betonte sie noch einmal die Wichtigkeit von fundamentaler Kritik, die sich nicht auf Methoden beschränkt.

"Why do we have to call that development?"

Aram Ziai stellte die Definition von "Entwicklung" ins Zentrum seines Beitrages. Entwicklung könne – abhängig von der jeweiligen Definition – sowohl eine Methode, als auch sozialer Fortschritt, Produktionserhöhung, oder "the enlarging of peoples choices" sein. Es sei bereits häufig versucht worden, neue, fortschrittliche Definitionen von Entwicklung zu etablieren. Jedoch könne man den Begriff nicht von den vorhandenen Assoziationen befreien. Man benötige daher keine neue Definition von Entwicklung, sondern neue Konzepte, Indikatoren und Handlungsweisen. Dafür nannte Aram Ziai drei Gründe:

1. Entwicklung zeige eurozentrische Züge und koloniale Kontinuitäten. So wurde aus der Aufgabe "die Unzivilisierten zu zivilisieren" der Auftrag "die Unterentwickelten zu entwickeln", und geo-kulturelle Unterschiede würden oftmals als historische Phasen der Entwicklung gedeutet.

2. Entwicklung sei autoritär geprägt. Denn wenn Entwicklung als universell gleich ablaufender Prozess gesehen werde, könnten ExpertInnen für sich in Anspruch nehmen zu entscheiden, in welche Richtung Entwicklung gehen müsse. In der Vergangenheit seien viele Entwicklungsprojekte gegen den Willen der Betroffenen durchgesetzt worden.

3. Das aktuelle Konzept von Entwicklung erlaube die Entpolitisierung von Armut und Ungleichheit. So werde Armut als Folge von Unterentwicklung, und nicht von Machverhältnissen gesehen.

Aram Ziai schlägt vor, neue Konzepte zu entwickeln, um wünschenswerten sozialen Wandel zu messen. Denn obwohl der HDI (Human Development Index) der UNO ein Fortschritt gegenüber dem Bruttoinlandsprodukt als Vergleichswert darstelle, sei er doch zu einseitig, und ein rein quantitativer Messwert. Indikatoren sollten beispielsweise auch das Funktionieren sozialer Netzwerke und den Respekt gegenüber der menschlichen Würde beinhalten.

Was den Begriff Entwicklung betreffe, könne man von sozialem Wandel, von Solidarität, von Emanzipation und sozialer Gerechtigkeit usw. sprechen. Der belastete Entwicklungsbegriff sei nicht nötig, und so schloss Aram Ziai seinen Beitrag mit der Frage: "If were interested in fighting poverty, why do we have to call that development?"

Kommentar

Andreas Novy, wissenschaftlicher Leiter des Freire-Zentrums, der eingeladen war, einen kurzen Kommentar zu den beiden Statements abzugeben, plädierte für einen entspannteren Zugang zur Diskussion um Entwicklung. In Bezug auf Uma Kotharis These, der "Westen" setze die Gegenwart der Peripherie mit der eigenen Vergangenheit in Beziehung, wies er auf die Anwendungsmöglichkeiten von Entwicklungsforschung hin. EntwicklungsforscherInnen in den Ländern des Zentrums mögen die eigene(n) Geschichte(n) der Ungleichheit betrachten, um daraus zu lernen.

"Development cant become a discipline without knowing what its about"

In der anschließenden Diskussion wurde der Begriff Entwicklung rekonstruiert, wie Moderator Clemens Six es ausdrückte. So trat Walter Schicho dafür ein, den Begriff nicht jenen zu überlassen, die ihn instrumentalisiert hätten und Irmi Maral-Hanak fragte, ob und wie die Instrumentalisierung neuer Begriffe verhindert werden könne. Uma Kothari verwies auf den Institutionalisierungsprozess der Entwicklungsforschung in England und meinte, es bedürfe einer klaren Definition zur Gründung einer Disziplin.

Der Autor studiert Politikwissenschaft und ist Praktikant des Paulo Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.