Madeirarte Frauen spezialisieren sich auf Holz

Im Jahr 2000 begannen die BewohnerInnen des Assentamento (Ansiedlung) Pirituba II mit dem Bau kleiner Häuser, die von einer Forschungsgruppe der Universidade de São Paulo geplant wurden.Für die Produktion von Türen und Fenstern wurde eine kleine Tischlerei eingerichtet, die über den Abschluss der Bauarbeiten hinaus bestehen blieb. Aus einem innovativen Projekt wurde eine Kooperative.

Schon vor 15 Jahren wurde die Forschungs- und Projektgruppe HABIS (Grupo de Pesquisa em Habitação e Sustentabilidade) in der Zweigstelle der USP (Universidade de São Paulo) in São Carlos ins Leben gerufen. Das Ziel war, kleine Wohnhäuser für benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu entwerfen, die zahlreichen Anforderungen genügen sollten: Die Häuser sollen so einfach konstruiert sein, dass sie von ihren künftigen BewohnerInnen selbst gebaut werden können. Die Materialkosten müssen möglichst niedrig gehalten werden, weshalb Rohstoffe aus der unmittelbaren Umgebung verwendet werden sollen. Nicht zuletzt sollen die Häuser auch ökologischen Kriterien entsprechen im Sinne der Nachhaltigkeit werden nur nachwachsende Rohstoffe eingesetzt.

Neue Häuser für Pirituba II

Das Assentamento Pirituba II ist bereits 1985 aus einer Landbesetzung entstanden. Die ehemals Landlosen besiedelten das ihnen zugesprochene Land, indem sie notdürftige Hütten errichteten. In diesem Zustand befand sich die Ansiedlung, als die MitarbeiterInnen von HABIS zum ersten Mal Kontakt aufnahmen und ihre Vorschläge, Häuser zu bauen, präsentierten. Die Assentamento-BewohnerInnen nahmen die Idee begeistert auf und errichteten in gemeinschaftlicher Arbeit insgesamt 42 Häuser.

Alte_huette_w215.jpg Neues_haus_W215.jpg Einst und heute: links zu sehen, ein Beispiel eines Hauses, in dem die BewohnerInnen des Assentamento Pirituba II früher wohnten (heute ein Hühnerstall), rechts eines der neuen Häuser. (Photos: Michaela Hauer und Pia Lichtblau)

Die Baustoffe wurden schnell gefunden: Das Assentamento liegt in einem Gebiet des Bundesstaats São Paulo, in dem exzessiv Eukalyptus angebaut wird. Das für den Export nicht geeignete Holz wird billig abgegeben, die Qualität des Holzes ist aber für die Konstruktion der Türen, Fenster und Dachstühle der kleinen Häuser immer noch bestens geeignet. Den offensichtlichen Widerspruch zwischen dem Gedanken der Nachhaltigkeit und dem intensiven Monokulturanbau von Eukalyptus sehen zumindest einige der MitarbeiterInnen von HABIS. Sie wünschen sich eine kritische Ausweitung der Nachhaltigkeitsdiskussion innerhalb der Gruppe.

Den Anforderungen entsprechend wurden alle Bauarbeiten von den künftigen HausbesitzerInnen selbst durchgeführt ermöglicht wurde dies durch die im Vorfeld durchgeführten Studien der HABIS-MitarbeiterInnen. So hat beispielsweise Thaisa zum Abschluss ihres Architekturstudiums Konstruktionspläne für unterschiedliche Fenster entwickelt; Ivan hingegen hat eine einfache Möglichkeit für den Bau von Dachstühlen erarbeitet. Durch die Zusammenarbeit aller konnten die Kosten für ein Haus auf umgerechnet 3.000 Euro beschränkt werden.

Eine Tischlerei entsteht…

Während ein Teil der Assentamento-BewohnerInnen sich den Maurerarbeiten widmete, waren einige andere mit der Gründung einer eigenen Tischlerei beschäftigt. Mit der Unterstützung der Incubadora von São Carlos wurden Kurse für Holzbearbeitung, Teamarbeit, Organisation und Administration gehalten; ein pensionierter Tischler aus der Region vermittelte die handwerklichen Fertigkeiten und schon konnte die Arbeit losgehen.

…und entwickelt sich weiter

Mittlerweile sind alle 42 Häuser längst fertig die Tischlerei existiert immer noch, sie ist mittlerweile eine gut funktionierende solidarökonomische Genossenschaft und nennt sich stolz Madeirarte. Erkannt wurde die veränderte Nachfrage: gebraucht wurden nach der Fertigstellung der Häuser Einrichtungsgegenstände. Die Werkstatt mutierte von der Bau- zur Möbeltischlerei und produziert heute alle erdenklichen Möbel.


Möbelstücke der …

Bei unserem Besuch in der Tischlerei fällt uns sofort auf, dass ausschließlich Frauen an den großen Maschinen arbeiten. Beth, eine der acht Tischlerinnen, erzählt grinsend: "Am Anfang haben viele Männer mit uns an den Kursen teilgenommen. Sie haben aber bald bemerkt, dass die Tischlerei schwere Arbeit ist, und sind bald einfach nicht mehr gekommen." Im Leben der Frauen hat dieser Einbruch in eine Männerdomäne einige radikale Veränderungen mit sich gebracht. Wie in allen solidarökonomischen Kooperativen lernten auch sie, die eigene Handlungsfähigkeit zu erkennen und im Team zu arbeiten.


… Tischlerinnen von Madeirarte. (Photos: Michaela Hauer und Pia Lichtblau)

Darüber hinaus hat die eigene Berufstätigkeit auch einen Emanzipationsprozess in Gang gebracht. "Ich habe früher nie außerhalb des eigenen Hauses gearbeitet, das Geld hat immer mein Mann heimgebracht. Heute verdiene ich selber und bin damit unabhängig", erzählt die Tischlerin Dora. Die Männer reagierten unterschiedlich auf die veränderten Geschlechterverhältnisse "sie müssen es halt einfach akzeptieren", meinen die Frauen lachend.

Zum Abschluss besuchen wir noch einige der selbst gebauten Häuser im Assentamento. Stolz führen uns die BesitzerInnen durch ihre Wohnräume überall sehen wir liebevolle Einrichtungen mit Möbelstücken von Madeirarte.

Die Autorinnen sind ehrenamtliche
Mitarbeiterinnen des Freire-Zentrums für das Forschungsprojekt in
Brasilien.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.