Vor acht Jahren gründeten acht Frauen die Reinigungs-Kooperative COOPERLIMP. Heute beschäftigt das solidarökonomische Unternehmen rund 260 ArbeitnehmerInnen und hat auch einen wichtigen Beitrag zur politischen Bewusstseinsbildung im Bairro geleistet.
Suzanna, die Leiterin der Reinigungs-Kooperative COOPERLIMP, die wir im Zuge unseres Aufenthalts in São Carlos kennen lernen, war eine der ersten BewohnerInnen der Favela Gonzaga. Vor rund 20 Jahren haben einkommensschwache Menschen dort einfache Hütten gebaut, um zumindest ein Dach über dem Kopf zu haben. Die Lebenssituation war freilich prekär: Es gab weder gepflasterte Straßen, noch Trink- und Abwasserversorgung oder Elektrizität von einem Kindergarten oder einem Freizeitzentrum ganz zu schweigen. "Die einzige Wasserquelle war ein kleiner Bach, ganz unten in der Schlucht. Dort mussten wir jeden Tag Wasser holen, und wenn es ums Wäschewaschen ging, gab es immer Streitereien, wer zuerst waschen darf."
Eine Studie und ihre Folgen
Diese scheinbar ausweglose Situation haben Professor Shimbo und seine KollegInnen von der Universität São Carlos vorgefunden die engagierten ProfessorInnen und StudentInnen waren gerade dabei, eine Incubadora zu gründen und führten eine Studie über die Lebensverhältnisse in verschiedenen Bairros (Stadtteilen) durch. Im ärmsten Stadtteil sollte schließlich eine solidarökonomische Kooperative gegründet werden die Wahl fiel auf die Favela Gonzaga.
Eine Gruppe von Menschen, die sich zum Ziel gesetzt haben, ihre Situation in die eigenen Hände zu nehmen, hat schließlich gemeinsam mit den MitarbeiterInnen der Incubadora die erste Versammlung im Bairro einberufen. Professor Shimbo und seine KollegInnen präsentieren die Werte und Prinzipien solidarökonomischer Kooperativen. Acht tatkräftige Frauen beschließen daraufhin, selbst eine solche zu gründen. Eine Geschäftsidee ist schnell gefunden: Die Frauen bieten Reinigungsdienstleistungen an verschiedenen Abteilungen der Universität an. Die Incubadora unterstützt die Kooperative in ihrer Anfangszeit, indem sie Ausbildungskurse organisiert und die Entwicklung der Gruppe in regelmäßigen Treffen gemeinsam mit den cooperatistas diskutiert und reflektiert.
COOPERLIMP gelebte Solidarökonomie
Heute hat die Kooperative rund 260 MitarbeiterInnen, die in verschiedenen öffentlichen Institutionen ihre Reinigungsdienste zur Verfügung stellen. Die Voraussetzungen für den Eintritt in die Kooperative hängen mit der sozialen Situation zusammen: wie lang ist der oder die Mitarbeitswillige bereits arbeitslos, wie viele Kinder sind zu versorgen, gibt es andere Einkommensquellen in der Familie… Die Aufnahme in die Kooperative soll jenen zugute kommen, die sie am dringendsten brauchen. Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, nach den solidarökonomischen Prinzipien zu arbeiten alle Neulinge müssen neben fachspezifischen Kursen auch eine solidarökonomische Schulung absolvieren, die von der Incubadora angeboten wird. Von der Theorie zur Praxis ist es aber ein steiniger Weg insbesondere die enge Zusammenarbeit in einem gleichberechtigten Team und die aktive Partizipation bei Entscheidungsprozessen entwickeln sich langsam. Das liegt einerseits daran, dass die Prinzipien der Leistungsgesellschaft stark in den Köpfen der Menschen verankert sind; andererseits kommen viele aus Situationen, in denen der individuelle Kampf ums Überleben zum Alltag gehörte.

Die AutorInnen mit Mitgliedern der Kooperative COOPERLIMP. (Photos: COOPERLIMP)
In der Kooperative hingegen werden Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen: An den monatlich stattfindenden Versammlungen nimmt ein Großteil der MitarbeiterInnen teil, entschieden wird zum Beispiel über die Anschaffung eines Computers oder eines Autos sowie über die Aufnahme von neuen Mitgliedern.
Auf unsere Frage, wie sich das Leben in einer Kooperative von der Arbeit in einem kapitalistischen Unternehmen unterscheidet, antworten die anwesenden Frauen wie aus der Pistole geschossen: "In einer kapitalistischen Firma wird man wegen jeder Kleinigkeit rausgeschmissen man ist einmal länger krank und schon ist man seinen Arbeitsplatz los." "Außerdem verdienen die Chefs viel und die ArbeiterInnen fast nichts. Bei uns in Kooperative teilen wir den Gewinn gleichmäßig unter allen auf."
… auf dem Weg zur Selbständigkeit
Eigentlich arbeitet COOPERLIMP heute so gut wie selbständig stabile Geschäftsbeziehungen zur Stadtverwaltung bestehen, die Strukturen innerhalb der Kooperative sind eingespielt und an Aufträgen mangelt es nicht. Um den letzten Schritt in die Unabhängigkeit zu tun, müssen die Mitglieder der Kooperative nur noch die eigene Unsicherheit überwinden. In den Augen der Incubadora wären sie schon längst so weit.
Logo und Auto der Kooperative COOPERLIMP. (Photos: Michaela Hauer und Pia Lichtblau)
Der Bairro heute Jardim Gonzaga
Aber nicht nur die Kooperative, auch der ganze Bairro hat sich prächtig entwickelt. COOPERLIMP ist heute die größte Arbeitgeberin im Bairro. Durch die Mitarbeit in der Kooperative haben viele der BewohnerInnen ihre eigene Handlungsfähigkeit entdeckt und arbeiten nun aktiv an der Gestaltung des eigenen Wohnbezirks mit. Sogar ein partizipatives Budget wurde in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung erstellt. Was früher als "Favela Gonzaga" in der Stadt berüchtigt war wird heute allgemein "Jardim (Garten) Gonzaga" genannt. Und wirklich finden wir bei unserem Besuch einen netten Wohnbezirk vor: Kleine, gepflegte Häuser säumen saubere, gepflasterte Straßen; die comunidade verfügt über einen Kindergarten und ein Freizeitzentrum mit Sportmöglichkeiten. Verarmte Hütten sind so gut wie aus dem Stadtbild verschwunden.
Die Autorinnen sind ehrenamtliche
Mitarbeiterinnen des Freire-Zentrums für das Forschungsprojekt in
Brasilien.