Eine Präsentation des Buches „Norden. Süden. Cyberspace. Text und Technik gegen die Ungleichheit.“ Von Hanna Hacker.

Hanna Hacker hat ein neues Buch geschrieben. Hannes Hofbauer hat es
verlegt. Sabine Prokop hat es gelesen. Gemeinsam präsentierten sie es
am 23. April 2007 im Wiener Depot.
"Hanna Hackers Buch thematisiert die Machtverhältnisse zwischen
‚Norden‘ und ‚Süden‘, es ist ein feministisches Buch und es übt Kritik
an der technischen Lösbarkeit sozialer Probleme." Mit diesen Worten eröffnete Moderator Hannes Hofbauer (Promedia Wien) die "Podiumsdiskussion mit Buchpräsentation" im vollbesetzten Depot, die nebenbei auch eine Buchbesprechung war. Denn am Podium saßen nicht nur Verleger und Autorin, sondern auch ihre "erste offizielle Leserin".
Im Gespräch über das Buch "Norden. Süden. Cyberspace. Text und Technik gegen die Ungleichheit" legten die Kultur- und Geisteswissenschafterin Hanna Hacker und die feministische Medienwissenschafterin Sabine Prokop ihre jeweiligen Zugänge zu Afrika, Technik und Entwicklung dar.
Informationspolitik statt Anschein von Information
Die Motivation der Autorin Hanna Hacker, das vorliegende Buch zu schreiben, war ein Aufenthalt in Kamerun im Rahmen ihrer Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit. Dort wurde sie mit Fragen wie "Was ist Information und wie funktioniert sie?", "Warum funktioniert sie manchmal nicht?" und "Weshalb sind die Unterschiede hier so gravierend?" konfrontiert.
"Rezipientin" Sabine Prokop hingegen entdeckte durch die Lektüre des Buches ihre eigene Geschichte mit Afrika neu. Sie sprach wenngleich sehr kurzweilig nicht über Inhaltliches, sondern über ihre subjektiven Assoziationen beim Lesen. Spannend war jedoch die Verknüpfung von Theorie und Praxis, die sie in die Diskussion mit einbrachte. Denn während Hanna Hacker Projekte zur Förderung von digitaler Technik in Afrika beleuchtet, führt Sabine Prokop in Österreich Projekte zur Frauen- und Mädchenförderung in der Technik durch. Sie brachte die mitunter philosophisch abdriftende Diskussion ("Diskutieren wir hier überhaupt oder simulieren wir ein Frage-Antwort-Rollenspiel?") immer wieder auf den (österreichischen) Boden zurück und beantwortete Publikumsfragen recht konkret. In ihren feministischen Computer-Workshops legt sie Wert darauf, den Mädchen und Frauen nicht nur den technischen Umgang mit dem Computer beizubringen: "Man muss sie auch lehren, wie man subversiv damit umgehen kann."
Endlich Internet! Jetzt können sich Frauen über Nähkurse informieren …
Zum Buch: Hanna Hacker kritisiert in "Norden. Süden. Cyberspace" diskursive Praktiken zum Thema Medien und Information. Dabei beschäftigt sich die Soziologin mit Strategien von Wissensproduktion, Digitalisierung, feministischer und "queerer" Medienpolitik und argumentiert, wie die Geschlechterhierarchie des Alltags im Cyberspace fortgeschrieben wird. Hacker veranschaulicht dies unter anderem anhand einer Karikatur von Samba Fall (S. 98), die eine afrikanische Frau vor einem Computer zeigt: Auf dem Bildschirm steht "Internet-Nähkurs" … Eigene Kapitel widmet Hacker den Themen Kunst und Kultur in der Entwicklungszusammenarbeit sowie Bildgebrauch und Bildpolitik in den digitalen Medien.
Digitale Mission: Gehet hin und vernetzet Euch!
Denn hinter der Überwindung des "Digital Divide" stehen gegensätzliche Interessen. Hacker untersucht die Argumentationsstrategien, Text- und Bildproduktionen österreichischer EZA-AkteurInnen und nimmt typische österreichisch-afrikanische Internet-und Kulturprojekte unter die Lupe. Hier scheut sie sich nicht, Institutionen und Projekte namentlich zu nennen und scharf Kritik zu üben, wo sie über Widersprüche stolpert. Theoretisch verknüpft die Autorin Ansätze aus kritischer Entwicklungs- und Migrationspolitik.
Bildhafte Sprache
Wie Sabine Prokop treffend bemerkte, geht Hanna Hacker sehr kreativ und "poetisch" mit Sprache um beispielsweise beginnt das Buch nicht mit der traditionellen Einleitung, sondern mit "Hochfahren. Text und Technik gegen die Ungleichheit: Zur Einführung" und endet sinngemäß mit dem "Abschalten". Solche und ähnliche Wortspiele ziehen sich durch das gesamte Buch und lassen oft mehrere Deutungen zu. Obwohl man sie gerne liest und enträtselt, sind nicht alle Anspielungen so einfach zu entschlüsseln wie die ganz selbstverständlich gebrauchten Begriffe aus der Computerwelt auch für jene, die zu den 80 Prozent der ÖsterreicherInnen gehören, die regelmäßig das Internet nutzen (vgl. Hacker, S. 40).
Diskurs über Praxis des Diskurses
Gleichzeitig bewegt sich das Sprachniveau durchwegs auf einem sehr hohen Level Text und Technik gegen die Ungleichheit verlangt hohe Text- und Technikkenntnisse von den LeserInnen. Darüber helfen auch zwanzig Seiten Fußnoten und die lange Abkürzungsliste im Glossar nicht ganz hinweg. Mitunter ist nicht ganz klar, ob die vielen modischen Wörter ("Dotcomcrash", "Cyberphilosophie", "Para-Techies" u.ä.) nicht über einen gewissen Mangel an konkreten Forschungsergebnissen hinwegtäuschen. Erfrischend ist jedoch, dass die theoretischen Ausführungen oft aufgebrochen werden: durch literarische Elemente, tagebuchartige Aufzeichnungen und spannende Erlebnisberichte der Autorin. Fazit: Lesen, aber den Rat der Autorin befolgen und zuerst den Computer hochfahren.
Hanna Hacker: Norden. Süden. Cyberspace. Text und Technik gegen die Ungleichheit. Wien: Promedia, 2007. 208 S. 17,90 Euro. ISBN: 978-3-85371-269-6.