Dekaden und Paradigmenwechsel der Entwicklungszusammenarbeit (IV)

In einer vierteiligen Serie gibt der Autor einen Überblick über sechs
Jahrzehnte internationaler Entwicklung. Teil IV: Dekaden und Paradigmenwechsel der Entwicklungspolitik im Kontext relevanter internationaler Ereignisse. Eine Chronologie.

1940er Jahre
1950er Jahre
1960er Jahre
1970er Jahre
1980er Jahre
1990er Jahre
2000er Jahre


1940er Jahre

1939/1946
Wachstumstheorie von Roy Harrod und
Evsey Domar wird Grundlage keynesianischer Entwicklungsökonomie.

1940
Colin Clark "Conditions of Economic Progress".

1941
Atlantik-Charta von Roosevelt
und Churchill verkündet vier Freiheiten, aber Uneinigkeit in der
Frage der Entkolonialisierung.

1942/46
Der niederländische Kolonialbeamte Julis H. Boeke formuliert Dualismustheorie. Diese
führt zur Modernisierungstheorie als Strategie zur
Überwindung des Dualismus zwischen taditionellem und modernen Sektor innerhalb der Entwicklungsländer.

1943
Paul Rosenstein-Rodan
formuliert Theorie des Big Push im Hinblick auf die
Industrialisierung in Südosteuropa.

1944
Konferenz von Bretton Woods:
Gründung von Internationaler Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Weltbank) und Internationalem Weltwährungsfonds (IWF).

1945
Konferenz von San Francisco:
Gründung der Vereinten Nationen
(UNO) und
Verabschiedung der Charta der UNO.

1945
Ende des Zweiten Weltkriegs
führt seit 1947 in Asien zur zweiten
Welle der
Entkolonialisierung.

1946
Internationale Arbeitsorganisation
(ILO, gegründet 1919) wird Sonderorganisation der
UNO.

1947
Indien wird unabhängig, orientiert sich in der Folge,
gestützt auf Arbeiten des indischen
Ökonomen P.C. Mahalanobis, an sowjetischer Planwirtschaft.

1947
Eskalation des
Ost-West-Konflikts, George Kennean veröffentlicht
"The
Sources of Soviet Conduct", Präsident Harry Truman formuliert Politik der Eindämmung
(containment) gegen sowjetische Expansion
(Truman- Doktrin).

1947
Konferenz von Havanna zeigt Uneinigkeit in der Gründung
einer
Welthandelsorganisation. Stattdessen wird General Agreement on
Tariffs and Trade

(GATT) verabschiedet.

1948
UNO verkündet "Allgemeine
Deklaration der Menschenrechte".

1948
Gründung der
UNO-Wirtschaftskommission für Lateinamerika
(CEPAL). Unter ihrem 1.
Direktor, Raúl Prebisch, entwickelt sich
CEPAL zum führenden entwicklungstheoretischen
Organ der UNO
und formuliert
Cepalismus als Entwicklungsstrategie zwischen
reiner Außen- und
reiner Binnenorientierung.

1949
Gründung der Volksrepublik
China führt zu Zunahme des sowjetischen Einflusses
in Asien.


1950er Jahre

1949/50
Singer/Prebisch-These über die
säkulare Verschlechterung der Terms
of Trade führt zur
Importsubstitutionsstrategie, abgesichert durch
Protektionismus.
Strategie wird in etlichen lateinamerikanischen
Ländern in den 1950er
bis 1970er Jahren verfolgt.

1950ff
Entwicklungsökonomie, gestützt
auf die Arbeiten der Pioniere P.T
Bauer, Colin Clark, Albert O. Hirschman, W. Arthur
Lewis, Gunnar
Myrdal, Ragnar Nurkse,
Raúl Prebisch, Paul Rosenstein-Rodan, Walt
W. Rostow,
Hans Singer, Jan Tinbergen u.a. bildet sich als eigenständige Disziplin innerhalb der Ökonomie
heraus . Die Generallinie zielt auf
Entwicklung durch Wirtschaftswachstum ab.
Gestützt auf Kuznets‘
U-Hypothese lautet das Motto: Wachstum
zuerst, Umverteilung später. Da eine
Unternehmerschicht fehlt, soll der Staat, ggf. auch das
Militär zum Akteur des Wachstumsprozesses
werden. Deshalb lautet
das weitere Motto: Industrialisierung zuerst,
Demokratisierung
später.

1950-1953
Korea-Krieg, USA intervenieren mit UN-Mandat. Chinas Eintritt in den
Krieg führt zum Patt entlang des 38. Breitengrads.

1951
Gründung des Center for International Studies (CENIS) des MIT
in Cambridge, Mass., soll Konzepte zur Eindämmung des Kommunismus entwickeln. Harvard und MIT werden zum intellektuellen Zentrum der frühen Entwicklungstheorie.

1952
Talcot Parsons begründet mit
"The Social System" den Strukturfunktionalismus.

1954
Französische Niederlage in
Vietnam. USA beginnen sich in Vietnam
zu engagieren.

1955
Konferenz von Bandung
verabschiedet "Fünf Prinzipien der friedlichen
Koexistenz" und ist
Vorläufer der Blockfreien-Bewegung.

1957
Sputnik-Schock markiert den
Auftakt der außenpolitischen Offensive
der Sowjetunion bis zur
Kuba-Krise.

1957
Millikan/Rostow veröffentlichen "A Proposal: Key to an Effective
Foreign
Policy" und "Foreign Aid: Next Phase". Darin wird gefordert,
die Entwicklungspolitik
als Teil der containment-Strategie zu
verstehen. Sie setzten
auf die unvermeidliche Zusammenarbeit mit
autoritären
Systemen/Militärdiktaturen. Rostow berechnet den
notwendigen
Kapitalimport, um im Sinne seiner Stadientheorie das
take off-Stadium zu
erreichen. Das notwendige Kapital soll von den
Industrieländern und
Internationalen Organisationen aufgebracht
werden.

1958
Hirschmans "Strategie der
wirtschaftlichen Entwicklung" fomuliert
Theorie des
ungleichgewichtigen Wachtums und Strategie der
Koppelungseffekte.

1958
Daniel Lerners "The Passing of Traditional Society: Modernizing the
Middle East" begründet
Modernisierungstheorie. Überwindung interner Entwicklungsblockaden
steht im Vordergrund.

1959ff
Kubanische Revolution.
US-amerikanischer Druck führt zur Radikalisierung und
Anlehnung an die Sowjetunion. Versuch des
Revolutionsexports nach
Lateinamerika. ("Eins, zwei, drei viele
Vietnams")

Ende 1950er
Dritte Welle der
Entkolonialisierung in Afrika. Viele arabische und
afrikanische Länder
orientieren sich am Marxismus/Leninismus.


1960er Jahre

1960
Rostow veröffentlicht "Stadien des wirtschaftlichen Wachstums" als
Gegenmodell zur
marxistischen Stadientheorie.

1960
Bruch zwischen China und der
Sowjetunion, China proklamiert
eigene maoistische
Entwicklungsstrategie.

1960
Gründung der Organisation
erdölexportierender Länder (OPEC).

1960-1961
Dillon-Runde des GATT führt zu
Zollsenkungen.

1961
Kennedy wird Präsident der USA,
McNamara Verteidigungsminister,
Rostow
Sicherheitsberater. Die neue Administration begründet die
Entwicklungspolitik als
Teil der Sicherheitspolitik, um dem wachsenden Einfluß der Sowjetunion
in den Entwicklungsländern entgegen zu wirken.

1961
UNO verkündet Erste
Entwicklungsdekade.

1961
Konferenz von Belgrad führt zur
Gründung der Blockfreienbewegung.

1961
US-Aid und Peace-Corps gegründet

1961
Konferenz von Punta del Este
führt zur Gründung der Allianz für den
Fortschritt, um
kubanischem Einfluß in Lateinamerika entgegen zu wirken.

1961
Entwicklungsausschuß (DAC) der
OECD gegründet

1961 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit in der BRD gegründet

1962
Kuba-Krise
("Thirteen Days")

1964
Rostow wird US-Vertreter im "Interamerikanischen Ausschuß der
Allianz für den
Fortschritt" im Rang eines Botschafters.

1964
Gründung der
UN Conference on Trade and Development
(UNCTAD) in Genf:
Zielvereinbahrung 0,7 % des BSP der
Industrieländer soll für
Entwicklungshilfe verwendet werden.

1964-1967
Kennedy-Runde des GATT: lineare
Zollsenkungen, Antidumpingmaßnahmen.

1965
Gründung des
EntwicklungshilfeProgramms der UNO (UNDP).

Mitte 1960er
Strukturalistische Dependenz-Theorie in Lateinamerika
thematisiert
Weltmarkt und
Kolonialismus/Imperialismus/Neoimperialismus als
entscheidende Ursachen
der Entwickklungsproblematik.
Strukturalistisches
Denken in der Tradition von Prebisch und Singer gewinnt großen Einfluß
auf den Nord-Süd-Konflikt.

1966-1969
"Kulturrevolution" in China, Maoismus
wird in den 1970er Jahren als
Entwicklungsmodell
propagiert und nach Afrika (z.B. Ujama-Bewegung in Tanzania exportiert (arbeitsintensiv,
einfache Technologie, agrarorientierte
ländliche Kleinindustrie, Hinterlandorientierung, Barfußärzte, Aufhebung
der Trennung von Kopf und Handarbeit, Autarkie) und hat großen Einfluß auf die
internationale Diskussion, die Viele Elemente in
abgeschwächter Form aufnimmt (Grundbedürfnisse, ländliche Entwicklung,
self reliance, angepasste Technologie etc.).

1967
Gründung der Gruppe der 77
innerhalb der UNCTAD als Forum zur
Vertretung des Südens
im Nord-Süd-Konflikt. WortführerInnen sind
VertreterInnen des Dritten
Wegs wie Algerien, Indien, Jugoslawien,
Tanzania. UNCTAD entwickelt sich zeitweise wegen der
Majorität der
Entwicklungsländer zum
Gegengewicht zu IWF, Weltbank und GATT
bzw. später WTO, wo die
Industrieländer das Sagen haben.

1967
McNamara empfiehlt Deeskalation
des Vietnam-Krieges, von Johnson
abgelehnt.

1968
Myrdal veröffentlicht "Asian
Drama".

1968
Tet-Offensive des Vietcong,
Höhepunkt des Vietnamkrieges,
weltweite Proteste und
wachsende Opposition in den USA,
McNamara tritt als
Verteidigungsminister zurück ("The Fog of War").

1968
McNamara
veröffentlicht "The Essence of Security: Reflections in
Office".

1968
McNamara wird Präsident der
Weltbank, leitet Expansion und
programmatischen
Wandel der Weltbank ein. Weltbank bekommt
entwicklungspolitische
Thematisierungsmacht. McNamaras Wechsel
vom Pentagon zur
Weltbank wird als Wandel vom "Saulus" zum
"Paulus"
interpretiert.

1968
UNCTAD II in Nairobi verlangt "Allgemeines System der
Zollpräferenzen".

1968
US-Aid propagiert "Grüne
Revolution". Steigerung der
Nahrungsmittelproduktion durch Produktivitätssteigerungen bei
den Großbauern. Mit
Hilfe der großen amerikanischen Stiftungen
werden in Mexiko und
Philippinen Forschungsinstitute zur Züchtung
leistungsfähiger
Weizen- und Reissorten gegründet.

1969
Cardoso/Faletto
veröffentlichen "Abhängigkeit und Entwicklung in
Lateinamerika" als
einflussreichstes Buch der Dependenztheorie.

1969
Pearson-Bericht "Partners in Development", durch McNamara
initiiert,
reaktiviert die Terms-of-Trade-Debatte.
Der Report thematisiert die
weltwirtschaftlichen
Rahmenbedingungen der Entwicklung und
empfiehlt neue Weltwirtschaftsordnung (globale
Umverteilung,
Marktöffnung im Norden).
Er ist Reaktion auf die Kritik des
Strukturalismus.


1970er Jahre

1970
UNO verkündet Zweite Entwicklungsdekade.

1970
Bockfreien-Konferenz in Lusaka
fordert "Collective Self-Reliance" als
gemeinsame Entwicklungsanstrengung der Dritten
Welt aus eigener
Kraft. Einfluß Chinas
wird spürbar.

1970
Bela Balassas "Growth Strategies in Semi-industrial Countries"
reflektiert neues
Phänomen der Schwellenländer und bildet Auftakt
des neoliberalen
Angriffs auf den Entwicklungskeynesianismus.

1972
Meadows-Studie "Grenzen des
Wachstums" markiert Beginn der
Umweltdiskussion in
der Entwicklungspolitik auf der Basis von
Weltmodellen.

1972
Erste Weltumweltkonferenz der
UNO in Stockholm.

1972
ILO-Bericht "Employment,
Incomes and Equality" leitet Abkehr von
der angebotsorientierten Wachstumsstrategie
ein.

1972
UNCTAD III in Santiago de
Chile (Höhepunkt des Nord-Süd-Dialogs)

1972
O’Donnell "Moderization and Bureaucratic-Authoritarianism"
interpretiert autoritäre politische Systeme in Lateinamerika aus
den Erfordernissen der
Importsubstitutionsindustrialisierung im
Übergang von der
leichten zur schweren Phase (Aufbau der Schwerindustrie).

1973
Yom Kippur-Krieg, Erste
Ölpreiserhöhung der OPEC. Opec setzt Öl
als Waffe im
Nahost-Konflkt ein und erhöht Renteneinkommen mit
Hilfe einer
Kartellpolitik. Diese Strategie wird zum Muster, auch bei
anderen Rohstoffen
höhere Renten durchzusetzen.

1973
Erster Bericht des Club of
Rome "Grenzen des Wachstums"
plädiert für
Null-Wachstum.

1973
Nairobi-Rede von McNamara vor dem Rat der Gouverneure von
Weltbank und WWF,
Finanzministern und Zentralbankpräsidenten
kündigt Strategie der
Armutsorientierung an und leitet Paradigmenwechsel von
der angebotsorientierten Wachstums-
Strategie zur
nachfrageorientierten Strategie: Agrarreformen,
Grundbedürfnisse,
angepasste Technologie etc. Im Zentrum steht die
Absicht, die
Produktivität und damit auch die Einkommen der "absolut
Armen" zu
steigern. Strategiewechsel leitet
projektorientierte
Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ein. EZ wird seitdem stärker um
ihrer selbst willen und nicht nur aus
sicherheitspolitischem Kalkül
betrieben.

1973
McNamara veröffentlicht eine
Sammlung von Reden und Aufsätzen
"Die Jahrhundertaufgabe.
Entwicklung der Dritten Welt" und
identifiziert darin
die drängendsten Entwicklungsprobleme:
Bevölkerungswachstum,
Unterernährung, Arbeitslosigkeit, soziale
Ungerechtigkeit u.a.

1973
Hollis Chenery u.a.
veröffentlichen "Redistribution with Growth". Die
Weltbank-Studie
liefert theoretisches Gegenkonzept zur Strategie der 1950/60er
Jahre "Growth first, Redistribution later"

1973-1979
Tokyo-Runde des GATT führt zu weiteren
Zollsenkungen und dem
Abbau nichttarifärer
Handelshemmnisse.

1974
Zweiter Bericht des Club of
Rome "Menschheit am Wendepunkt" ist
moderater und fordert nur noch kontrolliertes
Wachstum.

1974
Welternährungskonferenz der
UNO in Rom verlangt Internationalen
Fonds für
Agrarentwicklung (IFAD) und die Gründung eines Welt-Nahrungsmittel Rats (WFC).

1974
UNCTAD-Symposium verabschiedet
Erklärung von Cocoyoc, in der
Alternative
Entwicklung als Reaktion auf die Grenzen des
Wachstums gefordert
wird.

1974
29. Generalversammlung der UNO
verabschiedet "Neue
Weltwirtschaftsordnung" (NWO) und "Charta der wirtschaftlichen
Rechte und Pflichten der Staaten". Beide Dokumente verlagen
Globale Umverteilung
und scvhlagen globalen Entwicklungskeynesianismus vor.

1974
China proklamiert Theorie der
Drei Welten und sich selber zum Führer
der Dritten Welt.

1975
Lomé-Abkommen zwischen EWG
und AKP-Staaten (Lomé I)
über
Handelspräferenzen leitet europäische EZ mit den ehemaligen
Kolonien mit Schwerpunkt Afrika ein.

1976
Mahbub Ul
Haqs "The Poverty Curtain" signalisiert mit der
Verwendung des Begriffs "Vorhang", dass der
Nord-Süd-Konflikt
Die gleiche Bedeutung
wie der Ost-West-Konflikt hat.

1976
Dritter Bericht des Club of
Rome "Das Ende der Verschwendung".
Mittels Einsatzes
von Wissenschaft und Technik sollen Engpässe
bei Rohstoffen,
Nahrungsmittel und Energie behoben werden.

1976
ILO-Konferenz "Beschäftigung,
Wachstum und Grundbedürfnisse"
formuliert
Grundbedürfnisstrategie.

1976
UNCTAD IV in Nairobi
fordert "Integriertes Rohstoffabkommen"zur Stabilisierung
der Rohstoffpreise.

1976
Tinbergen-Report "Reform der Internationalen Ordnung" (RIO-
Bericht) macht
Vorschläge zur Umsetzung der Neuen Weltordnung (NWO)

1977
Bariloche-Modell "Grenzen der
Armut", benannt nach der
argentinischen
Bariloche-Stiftung kritisiert
Weltmodelle des Club of
Rome. Grenzen des
Wachstums sind nicht natürlich bedingt sondern
Resultat ungleicher Verteilung der Ressourcen
zwischen Nord und
Süd.

1978
1. Weltentwicklungsbericht
der Weltbank, der künftig jährlich
publiziert wird. Weltentwicklungsbereichte werden zu
wichtigen
Dokumenten des
Agenda-Settings in der Entwicklungspolitik.

1978/79
Zweite Preiserhöhung der OPEC.
Anschließende Ölkrise in Europa
verschafft dem
Konzept des nachhaltigen Wachstums Nachdruck.
Petrodollars, von den
Banken recycelt und als Kredite an
Entwicklungsländer
vergeben, führen zur Schuldenkrise seit 1982.

1979
ILO: Folgemaßnahmen zur
Weltbeschäftigungskonferenz.

1979
UNCTAD V in Manila markiert
allmählichen Bedeutungsverlust der
UNCTAD aufgrund
wachsender Opposition des Nordens gegen die
Forderungen aus dem
Süden.

1979
Lomé II setzt Lomé I fort
ohne neue Akzente.

1979
OECD-Studie "Facing the
Future" setzt Grenzen des Wachstums-
Diskussion fort.


1980er Jahre

1980
UNO verkündet Dritte
Entwicklungsdekade.

1980
Weltentwicklungsbericht "Armut und menschliche Entwicklung"

1981
Erster Brandt-Bericht der unabhängigen Nord-Süd-Kommission
"Das Überleben
sichern", initiiert durch MacNamara, ist der Versuch
von "elder
statesmen" aus dem Norden, den Nord-Süd-Dialog trotzt
wachsender
Opposition auf derAgenda zu behalten. Schlüsselbegriff ist das "gemeinsame Interesse" von Norden und Süden an
der Lösung der
Entwicklungsproblematik. Der Bericht eröffnet die
Serie der
Weltberichte der 1980er Jahre.

1981
UNO: Aktionsprogramm für
die am wenigsten entwickelten Länder

1981
Balassa propagiert in "The Newly
Industrializing Countries in the
World Economy" die Strategie Entwicklung durch Außenhandel.
Balassas Forschung
wird von der Weltbank gefördert und bereitet
den
Paradigmenwechsel zum Neoliberalismus vor.

1981
Paul
Streeten u.a. veröffentlichen "First Things First: Meeting Basic
Human Needs" als
theoretisches Gegenkonzept zu Balassas
neoricardianischem
Ansatz. Parallele veröffentlichungen von
Balassa und
Streeten symbolisieren entwicklungsstrategischen
Konflikt innerhalb
der Weltbank.

1981
Clausen löst McNamara als
Weltbankpräsident ab und
orientiert die Bank auf verbessertes Finanzmanagement vor
dem
Hintergrund der
sich anbahnenden Schuldenkrise.

1981
Gipfel von Cancún: Ende des Nord-Süd-Dialogs, Forderungen
des
Südens werden vom
Norden abgelehnt. NWO wird nicht umgesetzt.

1982ff
Schuldenkrise überlagert
andere Fragen.

1983
Zweiter Brandt-Bericht "Hilfe in der Weltkrise"

1983
UNCTAD VI in Belgrad: Der
Norden lehnt die Forderung des
Südens nach
Schuldenerlaß ab.

1983
Weltkommission für Umwelt
und Entwicklung eingesetzt mit dem
Auftrag, bis 1987 einen Bericht zu veröffentlichen.

1984
Lomé III rückt von reinen
Industrialisierungszielen ab und orientiert
auf
Grundbedürfnisse.

1985
Plaza-Accord der G7: Anpassung der Wechselkurse löst große
Kapitalbewegungen
zum Ausgleich der Zahlungsbilanzen aus.
Wird als Auftakt
der Globalisierung bezeichnet.

1985
Weltwährungskonferenz in
Seoul: Baker-Plan zur Lösung der
Schuldenkrise
scheitert.

1985ff
Neostrukturalismus in
Lateinamerika nähert sich neoliberalen
Positionen an.

1985
Anne Kruegers (amerikanisches National
Bureau of Economic

Research) "The Experience and Lessons of Asia’s Super Exporters"
u.a. neoliberale Positionen führen zum
Washington-Konsensus von
Weltbank, IWF und
US-Administration.

1986-1993
Uruguay-Runde des GATT führt zu
Weltagrarordnung, Liberalisierung
von Dienstleistungen (GATS), Direktinvestitionen (TRIMs), Handel
mit geistigem Eigentum (TRIPs), Ende des Multifaserabkommens und
Gründung der Welthandelsorganisation WTO (alles ab 1995).

1987
Brundtland-Bericht "Unsere
gemeinsame Zukunft", plädiert für nachhaltige
Entwicklung.

1987
Weltentwicklungsbericht "Anpassungs- und Wachstumshemmnisse

in der
Weltwirtschaft" markiert Paradigmenwechsel der Weltbank
zum
Neoliberalismus/Angebotsorientierung: Vorgeschlagen werden
Strukturanpassung,
Deregulierung, Privatisierung; Wachstum über
Außenhandel,
Senkung der Lohnquote und Senkung der Staatsquote, um
internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

1989
Weltentwicklungsbericht "Finanzsysteme und Entwicklung" propagiert
Liberalisierung der Finanzmärkte.

1989
Levy-Report der Weltbank
propagiert ultraliberalen Kurs.

1989
Lomé IV setzt Lomé II fort
und beinhaltet erstmals auch Elemente
der
Strukturanpassung.

1989
Brady-Initiative zur
Lösung der Schuldenkrise.

1989
Ende des
Ost-West-Konflikts eröffnet Hoffnung auf Friedens-
dividende auch in
der EZ, da sicherheitspolitische Motive entfallen
sind.


1990er Jahre

1990
Auflösung der Sowjetunion löst fünfte Welle der
Entkolonialisierung
in Zentralasien
und im Kaukasus aus. In der Folge Abkehr vom
Marxismus/Leninismus in vielen afrikanischen und arabischen
Ländern. Neue
Welle der Demokratisierung.

1990
UNO kündigt Internationale
Entwicklungsstrategie für die vierte
Entwicklungsdekade
an.

1990
Weltentwicklungsbericht "Die Armut": Wendepunkt Richtung
Armutsorientierung.

1990
UNO: Erster Bericht über
die menschliche Entwicklung

1990
Südkommission "Die
Herausforderung des Südens" (Nyerere-
Bericht) wird von politischen Führern des
Südens verfasst.

1990
Weltkindergipfel in New
York ist Auftakt der Weltkonferenzen der
1990er Jahre als
neues Konzept im Sinne von Weltregieren.

1990
Washington-Konsens von
Weltwährungsfonds, Weltbank und
amerikanischen
Regierungsinstitutionen über Neoliberalismus.

1990
Bush-Rede "Towards a New World Order" leitet kurze idealistische
und multilaterale
Phase in der Weltpolitik nach Ende des Ost-West-
Konflikts ein
(Bush’s "vision thing").

1991
Resolution 688
("Kurdenresolution") des UNO-Sicherheitsrats
erkennt "Gefährdung des Weltfriedens" als Folge
von
Menschenrechtsverletzungen im Nordirak und grenzüberschreitenden Flüchtlingsströmen. Resolution legitimiert erstmals seit Beginn des Korea-Kriegs UNO-Missionen
unter Kapitel VII der
Charta unter Verletzung des Souveränitätsprinzips.

1991
Weiterer Bericht des Club
of Rome "Die erste globale Revolution"
fordert
nachhaltige Entwicklung.

1991
Bericht der Kommission für
Weltordnungspolitik "Gemeinsame
Verantwortung in
den 1990er Jahren", initiiert durch Brandt und
unterstützt durch McNamara, propagiert global governance
zur
Lösung der
Weltprobleme.

1991
Weltentwicklungsbericht "Die Herausforderung der Entwicklung"
vertritt nur noch
moderat neoliberalen Kurs.

1991-1993
Japan übt Druck auf Weltbank aus
zur Abkehr vom Neoliberalismus
und Anerkennung
des bürokratischen Entwicklungsstaates als
Entwicklungsagentur in asiatischen Schwellenländern.

1992
Zweite UNO-Konferenz für
Umwelt und Entwicklung in Rio de
Janeiro
verabschiedet "nachhaltige Entwicklung", Agenda 21
formuliert
Absichtserklärungen für das 21. Jahrhundert zu
Klimaschutz, Biodiversität, Waldschutz. Rio-Gipfel markiert
Höhepunkt des weltweiten Interesses für Weltkonferenzen.

1992
Boutros-Ghali
veröffentlicht "Agenda for Peace", auf Anregung von
Bush, sen. Entstanden.
Auf der Agenda stehen präventive
Diplomatie,
Frieden schaffen, Frieden erhalten und Frieden
Aufbauen in der Phase
nach dem Konflikt.

1992
Scheitern der UNO-Intervention in Somalia führt zur
Skepsis
bezüglich des
Erfolgs humanitärere Interventionen.

1992
UNO: Gründung der
Kommission für Nachhaltige Entwicklung zur
Umsetzung der
Rio-Beschlüsse.

1993
Der von Japan finanzierte
Weltbankbericht "The East Asian
Miracle" ist
Kompromiß zwischen marktfreundlichem und
staatsfreundlichem Ansatz.

1993
Aufhebung der Apartheid
in Südafrika.

1993
UNO-Konferenz über
Menschenrechte in Wien thematisiert
Wahrung der
Menscherechte als Ziel der EZ. Verletzung der
Menschenrechte
wird neues Feld in der Entwicklungspolitik und
führt zur
politischen Konditionierung von Entwicklungshilfe.

1993
Samuel
Huntingtons "The Clash of
Civilizations" löst Debatte aus,
ob der Konflikt
zwischen dem Westen und dem Islam oder China
der neue globale
Konflikt im 21. Jahrhundert wird. Hintergrund ist
neuer Fundamentalismus und asiatischer Verdrängungswettbewerb. Im Kern geht es um die Frage, ob Menschenrechte
universalistische oder nur westliche Werte sind.

1994
Clintons Presidential
Decision Directive 25
(PDD-25) formuliert in
Reaktion auf das
Somalia-Desaster restriktive Bedingungen für US-
Beteiligung an
humanitären Interventionen.

1994
Völkermord in Ruanda ohne
Intervention der UNO, weil der Sicherheitsrat zögert,
ein Mandat zu erteilen.

1994
Weltkonferenz über
Bevölkerung und Entwicklung in Kairo Mitte 1990er Neues Phänomen der schwachen,
versagenden oder
gescheiterten
Staaten und die Herausbildung von
Warlordsystemen
und Gewaltmärkten hat Konsequenzen für EZ:
Wachsende
Notwendigkeit von Katastrophenhilfe, politische
Konditionierung
im Sinne von good governance, Wiederentdeckung der
Bedeutung staatlicher Institutionen. Peace-keeping und EZ
verschmelzen, EZ als Prävention gegen Staatszerfall,
staatlicher
Wiederaufbau in der Post-Konflikt-Phase als
Vorbedingung für
EZ.

1995
Boutros-Ghali "Agenda for Development".

1995
Gründung der WTO mit Sitz in Genf. WTO wird zum
neoliberalen
Gegenstück zur
UNCTAD. WTO wird zum neuen "Schurken" bei
kritischen
EntwicklungstheoretikerInnen.

1995
UNO-Weltkonferenz für
soziale Entwicklung in Kopenhagen.

1995
UNO-Weltfrauenkonferenz
in Peking.

1995
McNamara veröffentlicht
selbstkritische Autobiographie "In Retrospect: The Tragedy and Lessons of Vietnam".

1995
Bericht der Kommission
für Weltordnungspolitik "Nachbarn in einer
Welt" wirbt
weiter für multilaterales global governance zur Lösung
der Weltprobleme.
Bericht markiert Höhepunkt des Interesses in
Europa, während
die USA skeptisch bleiben.

1996
Boutros-Ghali "Agenda for Democracy". Alle drei Agenden geben
eine Vision von Bushs Neuer Weltordnung.

1996
Städtegipfel Habitat II
in Istambul zeigt nachlassendes Interesse
an
Weltkonferenzen.

1996
Chefökonom der Weltbank
Stiglitz fordert Abkehr vom
Neoliberalismus.

1997
UN-Klimakonferenz in
Kyoto verabschiedet Kyoto-Protokoll mit der
Verpflichtung zur Reduzierung von Emissionen.

1997
Weltentwicklungsbericht "Der Staat in einer sich ändernden Welt",
von einer Gruppe "revisionistischer" AutorInnen erarbeitet, markiert
neuerlichen
Paradigmenwechsel der Weltbank vom Neoliberalismus zu einem staatsfreundlichen
Ansatz.

1997
DAC: "Guidelines on Conflict, Peace and Development" lassen
erkennen, daß
Grenzen zwischen Friedens- und Entwicklungspolitik fließend geworden sind.

1997-1998
Asienkrise, wird von den Neoliberalen
als "Grenzen des bürokratischen
Entwicklungsstates" interpretiert.

1997
Gruppe von Lissabon "Grenzen des Wettbewerbs. Die Globalisierung der
Wirtschaft und die Zukunft der Menschheit" vertritt globalisierungskritische Position.

seit 1998
Neue Serie von Peace-keeping
Missionen der UNO in Sierra
Leone,
Ost-Timor, Kosovo (ohne Uno-Mandat), Kongo, Liberia,
Elfenbeinküste.

1998
Weltbank-Präsident
Wolfensohns "Vorschlag für einen
umfassenden Entwicklungsrahmen".

1999
Kofi Annan verkündet
Global Compact auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und fordert Unterstützung der Ziele der UNO.

1999
Auftakt der
Millenniums-Runde der WTO in Seattle scheitert, starke Proteste
der GlobalisierungsgegnerInnen.

1999
Neue Weltbankstrategie
zur Armutsreduzierung: Poverty Reduction
Strategy Papers (PRSP).

1999
G8-Gipfel in Köln:
HIPC-Entschuldungsinitiative (HIPC = highly indebted poor countries).

1999
Amartya Sen
"Development as Freedom" bedeutet Hinwendung zu mikropolitischem Ansatz.


2000er Jahre

2000
Die acht
Millenniums-Entwicklungsziele fassen die Weltkonferenzen der 1990er
Jahre zusammen und fokussieren in besonderem Maße auf
Armutsreduzierung und Verbesserung des Gesundheitswesens.

2000
UNO-Klima Gipfel in Den
Haag.

2000-2002
Deepa Narayan
u.a. "Voices of the Poor" thematisiert Armut.

2000
"Report
of the Panel on United Nations Peace Operations" (Brahimi-Report) erkennt zerfallende Staaten
als Problem für
Frieden und
Entwicklung und operationalisiert Friedensmissionen.

2001
International Commisssion on Intervention and State Sovereignty
(ICISS) "The Responsibility to Protect": Regelwerk für humanitäre
Intervention.

2001ff
Doha-Entwicklungsrunde der
WTO beginnt und stellt Entwicklungsprobleme
ins Zentrum der Verhandlungen.

2001
11. September führt zu militärischer
Intervention in Afghanistan. Entwicklungspolitik bekommt Präventivfunktion im Kampf gegen
Terrorismus.

2002
Weltentwicklungsbericht "Institutionen für Märkte schaffen"
bedeutet weitere
Hinwendung zur Institutionenökonomik.

2002
UNO-Kommission für
Menschenrechte verknüpft Armutsreduzierung und Wahrung der
Menschenrechte.

2002
Nationale
Sicherheitsstrategie 2002 der USA (NSS 2002) benennt
Schurkenstaaten, Proliferation von Massenvernichtungswaffen und Internationalen Terrorismus als
neue Bedrohungen aus dem Süden.

2003
Weltentwicklungsbericht "Nachhaltige Entwicklung in einer dynamischen Welt".

2003ff
Irak-Krieg

2003
5. WTO-MinisterInnen-Konferenz
in Cancún als Zwischenbilanz zur Doha-Runde verläuft enttäuschend.

2004
US-Aid bezeichnet Entwicklungspolitik als Teil der Sicherheitspolitik gegenüber den neuen Bedrohungen aus dem Süden.

2004
UNCTAD XI in Sao Paulo
sucht nach neuen Funktionen im Schatten der WTO.

2004
Neue Ölpreiserhöhung
führt zu Rekordhoch (über 50 US$ pro barrel).

2005
Millennium + 5 Gipfel
in New York zieht Zwischenbilanz über Millenniumsziele.

Der Autor ist Universitätsprofessor am Institut für Sozialwissenschaften der Technischen Universität Braunschweig.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.