Vom Aufbruch zur Krise. Dekaden und Paradigmenwechsel von Entwicklungsdenken und Entwicklungspolitik (I)

In einer vierteiligen Serie gibt der Autor einen Überblick über sechs Jahrzehnte internationaler Entwicklung. Teil I: Von den Ursprüngen zur ersten Entwicklungsdekade.

Die konzeptionelle Entwicklung und politische Umsetzung der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) vollzieht sich in Dekaden. Dabei lassen sich bislang sieben Entwicklungsdekaden – die Formationsphase der 1940er Jahre, die Pionierphase der 1950er Jahre, die erste, zweite und dritte Entwicklungsdekade der 1960er – 1980er Jahre (zugleich die große Zeit der EZ), das verlorene Jahrzehnt der 1990er Jahre und die Krisendekade der 2000er Jahre unterscheiden. In diesen Dekaden bildet sich jeweils, zumindest idealtypisch, ein theoretischer Mainstream heraus, der in der folgenden Dekade in praktische Politik umgesetzt wird. Dieser Mainstream sieht sich jeweils konkurrierenden Paradigmen ausgesetzt, die entweder oppositionelle Gegenströmung bleiben oder zum neuen Mainstream aufsteigen. Für die Paradigmenwechsel sind drei wesentliche Faktoren zu identifizieren: (1) weltpolitische Umbrüche oder besondere Krisensituationen, die für die EZ von Relevanz sind; (2) Erkenntnisfortschritte der Entwicklungstheorie bzw. innerakademische Debatten; (3) Erfolge und Misserfolge der durch die Konzepte geleiteten EZ. Erkennbar wird dabei ein dialektischer Prozess hin zu pragmatischen Mittelwegen und insofern auch eine Entwicklung des Entwicklungsdenkens.

Institutionen

Maßgebliche Institutionen für diese programmatische Entwicklung sind in den 1950er Jahren die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) unter ihrem ersten Direktor Raúl Prebisch und das Center for International Studies (CENIS) am Massachusetts Institute of Technology (MIT), das zusammen mit Harvard eine einzigartige Ansammlung von frühen Koryphäen der Entwicklungsökonomie, der Entwicklungssoziologie und der Entwicklungspolitologie beiderseits des Charles River bildet. Mit Beginn der Präsidentschaft Robert McNamaras übernimmt die Weltbank diese Rolle, die bis heute über ihre jährlichen Weltentwicklungsberichte, die zahlreichen Weltbankstudien und die Zeitschrift "World Development" mit regelrechter Thematisierungsmacht für die internationale entwicklungspolitische Diskussion ausgestattet ist.

Formationsphase

Die Formationsphase der 1940er Jahre wird bestimmt durch die Herausbildung des Keynesianismus, der seit dem New Deal in den USA bzw. nach 1945 in Europa den Neoliberalismus ablöst, und der auf Keynes basierenden Wachstumstheorie von Harrod und Domar. Die Dualismustheorie des Niederländers Julius H. Boeke, der seine Erkenntnisse als Kolonialbeamter in Niederländisch-Indien gewonnen hat, identifiziert den Dualismus zwischen dem modernen Plantagen-/Minensektor und dem traditionellen Subsistenzsektor als wesentliches Entwicklungshindernis. Die Entkolonialisierung seit 1947 und die Eskalation des Ost-West-Konflikts bereiten insbesondere in Asien (Chinesische Revolution, Korea-Krieg, Vietnam-Konflikt) den Weg für die zweite große Konfliktdimension der internationalen Politik, bei der sich Ost-West- und Nord-Süd-Probleme vermischen.

Pionierphase

Die Pionierphase der 1950er Jahre führt, gestützt auf die theoretischen Arbeiten der "Pioneers in Development", wie Paul Rosenstein-Rodan, Albert O. Hirschman, Ragnar Nurkse, Arthur W. Lewis u.a., zur Etablierung der Entwicklungsökonomie, der Entwicklungssoziologie und der Entwicklungspolitologie als eigenständige Disziplinen innerhalb der Mutterwissenschaften, wobei Keynesianismus und Strukturfunktionalismus im Anschluss an Talcot Parsons, der wiederum auf Max Weber basiert, die Paradigmen liefern. Entwicklung heißt in erster Linie Wirtschaftswachstum. Dieses wiederum soll durch Kapitalbildung zur Steigerung der Arbeitsproduktivität angeregt werden. Sozialer, politischer und mentaler Wandel sollen der Förderung des Wirtschaftswachstums dienen. Die Voraussetzung funktionierender staatlicher Institutionen wurde zwar erkannt, deren Förderung aber nicht in besonderem Maße betrieben, ein Versäumnis, das sich fünfzig Jahre später bitter rächen sollte.

Kritisch zu diesem Mainstream steht die frühe Terms of Trade-Debatte im Anschluss an Prebisch und Singer, die die weltwirtschaftliche Entwicklungsblockaden thematisiert. Mit Blick auf den Ost-West-Konflikt fordern Walt W. Rostow und Max Millikan, dass die Containment-Politik um die entwicklungspolitische Dimension zu erweitern sei, wobei unklar bleibt, ob ihr entwicklungspolitisches Engagement sicherheitspolitisch motiviert ist oder ob sie sicherheitspolitische Argumente bemühen, um entwicklungspolitische Themen auf die Agenda zu setzen.

Die erste Entwicklungsdekade

Die erste Entwicklungsdekade der 1960er Jahre wird durch den Regierungsantritt der Kennedy-Administration politisch vorbereitet und durch die Kubanische Revolution, deren Ausstrahlung auf Lateinamerika und die außenpolitische Offensive der Sowjetunion seit dem sog. Sputnik-Schock des Jahres 1957 forciert. Anfang der 1960er Jahre kommt es zur Gründung wichtiger entwicklungspolitischer Institutionen (US-Aid, Peace Corps, Allianz für den Fortschritt, Entwicklungsausschuss (DAC) der OECD, BMZ in Deutschland, UNCTAD, UNDP u.a.). Entwicklungspolitik ist seitdem in starkem Maße durch den Ost-West-Konflikt motiviert. Die EZ soll dazu beitragen, der wachsenden Attraktivität des Marxismus/Leninismus und seit Ende der 1960er Jahre auch des Maoismus entgegenzuwirken.

Gestützt auf die Arbeiten der Pioniere wird eine Politik der Importsubstitutionsindustrialisierung (ISI) verfolgt, die durch Protektionismus abzusichern ist. Für den Bereich der Landwirtschaft wird die "Grüne Revolution" propagiert, die durch den Einsatz verbesserten Saatguts auf Produktivitätssteigerungen bei den wohlhabenden Bauern setzt. Da Sparen als Voraussetzung für Kapitalbildung und Wachstum angesehen wird und nur die Wohlhabenden sparen können, lautet das erste Motto: "Wachstum zuerst, Umverteilung später". Simon Kuznets mit seiner U-Hypothese hat dazu das theoretische Argument geliefert. Da eine unternehmerische Schicht als Träger des Industrialisierungsprozesses in der Regel kaum vorhanden ist, wird der Staat, ggf. sogar das Militär, als nahezu unvermeidlicher Akteur des Industrialisierungsprozesses angesehen und auf staatliche Rahmenplanung des Entwicklungsprozesses gesetzt, zumal autoritäre Systeme oder Militärdiktaturen als die beste Garanten gegen kommunistische Machtübernahme gelten. Deswegen lautet das zweite Motto: "Industrialisierung zuerst, Demokratisierung später".

Lesen Sie in Teil II der Serie am 30. Mai 2007: Die zweite und die dritte Entwicklungsdekade.

Der Autor ist Universitätsprofessor am Institut für Sozialwissenschaften der Technischen Universität Braunschweig.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.