Alphabetisierung am Rande der Peripherie

Am östlichen Stadtrand São Paulos liegt Guaianazes, eine der ärmsten Regionen der Stadt. Die Kolping-Gemeinde São Francisco kämpft gegen zahlreiche soziale Probleme an. Die Autorin besuchte die Gemeinde und einen Alphabetisierungskurs.Alphabetisierungskurse stellen für viele einen Weg zur Verbesserung ihrer Lebenssituation dar. Rund 400.000 Menschen leben in Guaianazes, über 15% davon in Favelas und damit mehr als im restlichen Stadtgebiet, in dem der Anteil der Favelas rund 11% einnimmt. Fehlende Kanalisation, ungepflasterte Straßen stellen die Stadtverwaltung vor Herausforderungen, soziale Probleme wie Gewalt und mangelnde Bildung sind zahlreich: auch die AnalphabetInnenrate liegt mit 7,7% über dem Stadt-Durchschnitt (4,8%).

In diesem Gebiet liegt die Zentrale der Kolping-Gemeinde São Francisco, die ich besucht habe und die mit unterschiedlichen Programmen gegen diese sozialen Probleme ankämpft. So begleitet das Projekt Liberdade assistida ("Begleitete Freiheit") rund 100 Jugendliche nach einem Gefängnisaufenthalt. Computer- und Handwerkskurse sollen den Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen oder zumindest erleichtern.

Lesen lernen als Weg zur Emanzipation

Eines dieser Programme ist das Projekt Saber mais ("Mehr wissen"), das sich der Alphabetisierung von Jugendlichen und Erwachsenen widmet. In rund 450 Gruppen lernen mehr als 11.000 Menschen Lesen und Schreiben. Jede der Gruppen wird von einem oder einer educador/educadora popular begleitet, 45 KoordinatorInnen unterstützen sie in ihrer Arbeit. Studierte PädagogInnen sind die educadores und educadoras nicht, sie verfügen lediglich über eine höhere Bildung oder einfach mehr Übung im Lesen und Schreiben als die KursteilnehmerInnen.

Interessant ist, wie die Lerngruppen entstehen ich hatte angenommen, dass die Initiative dazu von der Kolping-Gemeinde ausgeht und versucht wird, auf die Leute zuzugehen. Tatsächlich ist es aber genau anders herum: Fatima, die Projektverantwortliche, berichtet, dass die Gruppen in irgendeiner anderen Form schon vor den Alphabetisierungskursen bestünden. Irgendwann entstehe der Wunsch, Lesen und Schreiben zu lernen und die Gruppe suche jemanden, meist ein Mitglied der Gruppe, der oder die das den anderen beibringen kann. João, ein educador, der während meines Besuches zufällig anwesend war, berichtet, dass seine Alphabetisierungsgruppe sich aus einer Volleyballmannschaft entwickelt habe. Der Kontakt zur Kolping-Gemeinde geht also von der jeweiligen Gruppe aus, die sich mit der Bitte um Unterstützung an sie wendet.

Diese Unterstützung ist einerseits finanzieller Natur die educadoras und educadores erhalten eine Art Gehalt in der Höhe von 200 Reais (ca. 75 ) monatlich; andererseits in der didaktischen Unterstützung durch die KoordinatorInnen und in regelmäßigen Treffen mit anderen GruppenleiterInnen, bei denen über Erfahrungen und Probleme diskutiert und gemeinsam nach Lösungen gesucht wird.

Mehr als Alphabetisierung

Weiters verfügt die Kolping-Gemeinde über Bücher zur Anleitung von Alphabetisierungskursen, die inhaltlich sehr interessant sind. So gliedert sich die erste Phase der Kurse in fünf Module, die an die Lebensrealitäten der KursteilnehmerInnen anknüpfen: "Wer sind wir", "Unsere Zeit", "Unsere Lebenswelt", "Unsere Arbeit" und "Unser Lernen". Die weiter Fortgeschrittenen beschäftigen sich mit Themen wie "Ernährung und Konsum" oder "Cidadania und Partizipation". So wird Alphabetisierung mit der Reflexion über Migration, Menschenrechte und politische Partizipation verknüpft.

Fatima berichtet weiter, dass viele Gruppen Aktivitäten entwickelt hätten, die über das Lesen lernen hinausgingen. Eine Gruppe von Frauen habe sich beispielsweise außerhalb des Kurses zusammengetan, um handwerkliche Fertigkeiten zu erlernen und stelle nun kleine Geschenksartikel her, die verkauft würden und den Frauen so ein Einkommen und damit eine größere finanzielle Unabhängigkeit verschafften. Eine andere Gruppe habe sich daran gemacht, ihre Wohngegend vom herumliegenden Müll zu säubern und an den gereinigten Stellen Rosen zu pflanzen. Was früher als camino de lixo (Müllweg) bekannt gewesen sei, werde nun Praça de Roses (Rosenplatz) genannt. In kleinen Schritten führten die Kurse also oft dazu, dass sich TeilnehmerInnen als aktive Subjekte begriffen und die Gestaltung ihres Lebens und ihrer Umwelt in die Hand nähmen.

Schon der Anfang ist schwer

Dabei ist der Eintritt in eine Alphabetisierungsgruppe schon fast der halbe Weg viele Hindernisse muss jede und jeder einzelne bereits vorher überwinden. So berichtet João von einer alten Frau, die Zeit ihres Lebens weder lesen noch schreiben konnte. Sie habe allerdings zahlreiche kreative Fähigkeiten und verdiene sich so ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von Bildern, die sie malt. Als er einmal versucht habe, sie für die Alphabetisierungsgruppe zu begeistern, habe sie nur gemeint: "Sterben müssen wir ohnehin" und sei dem Kurs weiterhin ferngeblieben. Lesen und Schreiben zu können liegt also in der Wahrnehmung vieler Menschen außerhalb ihrer Bedürfnisse. Die Sinnhaftigkeit von Alphabetisierung zu erkennen muss schon als erster Schritt zur Bewusstwerdung betrachtet werden.

Ein weiteres Hindernis stellt verständlicherweise die eigene Scham dar. Viele schämen sich zuzugeben, dass sie AnalphabetInnen sind. Um dieses Manko zu kaschieren, entwickeln sie vielfältige Strategien, sodass die Umwelt oft jahrelang nicht auf das Problem aufmerksam wird. Fatima berichtet von einer Kursteilnehmerin, die einen Job in der Telefonvermittlung einer Wohnhausanlage gefunden habe. Sie habe die Namen der Personen nicht lesen können und daher die jeweiligen Anschlüsse mit Farben markiert. Auf diese Weise habe sie ein halbes Jahr lang gearbeitet, bevor sie schließlich in eine Alphabetisierungsgruppe gekommen sei.

Die Diskriminierung durch die eigenen Mitmenschen zu überwinden erfordert viel Mut und insbesondere Frauen sind es, die sich durch ihre eigene Familie vom lesen lernen abhalten lassen. An dem Kurs, den ich besucht habe, nehmen rund 20 Personen teil ziemlich genau die Hälfte von ihnen sind Frauen, die meisten Hausfrauen. Die educadora berichtet, dass einige von ihnen den zwei Mal die Woche stattfindenden Treffen häufig fernblieben, weil ihre Männer und Kinder ihre Teilnahme nicht schätzten. Mit Kommentaren wie "Jetzt hast du dein ganzes Leben ohne Lesen verbracht, wozu musst du das jetzt lernen?" würden die eigenen Familienmitglieder die Anstrengungen der Frauen verächtlich machen, anstatt sie zur Teilnahme zu motivieren.

Lesen lernen wozu?

Viel zu wenig konnte ich leider über die Motivation der einzelnen KursteilnehmerInnen erfahren. Die Gruppe ist bunt gemischt, Männer und Frauen aller Altersgruppen nehmen teil. Die älteste Teilnehmerin ist bereits Pensionistin, der jüngste, ein Zehnjähriger, kämpft mit Lernschwierigkeiten und nützt die Alphabetisierungsgruppe als eine Art Nachhilfe. Lernen will eben auch gelernt sein… Viele der TeilnehmerInnen haben während der Schulzeit lesen gelernt, es aber durch mangelnde Übung einfach vergessen. Einige erhoffen sich bessere Chancen am Arbeitsmarkt. Viele der Hausfrauen möchten einfach nur die Werbeprospekte mit den Sonderangeboten der Supermärkte entziffern können weshalb die educadora solche auch als "Lehrmittel" im Unterricht einsetzt. Auch ein Weg, an der Lebensrealität der TeilnehmerInnen anzuknüpfen.

Die Autorin ist Koordinatorin des Freire-Zentrums für das Forschungsprojekt in Brasilien.

Veröffentlicht in Paulo Freire, Entwicklungsforschung, Themen.