Brasilianische Erfahrungen mit Volksbildung stehen im Zentrum eines von der Kommission für Entwicklungsfragen (KEF) unterstützten Forschungsprojekts.Wie kann Volksbildung zu Emanzipation, politischer Partizipation und
somit demokratischer Entwicklung beitragen? Auf dem im Dezember 2006 abgehaltenen Symposium Volksbildung heute? wurde diese Frage
auf österreichischer Ebene diskutiert.
Bereits seit seiner Gründung beschäftigt sich das Paulo Freire Zentrum mit „educação popular – schließlich war Paulo Freire selbst ein herausragender Volksbildner. In den 1960er Jahren wurde seine „Pädagogik der Unterdrückten weltberühmt und inspirierte verschiedene Volksbildungsinitiativen auf der ganzen Welt. Im Zusammenhang mit der Entstehung der globalisierungskritischen Bewegung und den Weltsozialforen erfährt der Freireanische Bildungsansatz in den letzten Jahren neuerlich Beachtung.
Der Frage nach den Herausforderungen und Problemen, die sich unter den Bedingungen einer zunehmend marktorientierten Bildungslandschaft für AkteurInnen der Volksbildung stellen, widmet sich das Paulo Freire Zentrum. Im Rahmen des Symposiums „Volksbildung heute?“ wurden Erfahrungen und Probleme von volksbildnerischen Organisationen und wissenschaftliche Erkenntnisse miteinander kombiniert und so ein Dialog zwischen Theorie und Praxis hergestellt. Anknüpfend daran wird dieser Dialog nun auf brasilianische AkteurInnen ausgeweitet. Der Grundstein zu diesem transkontinentalen Dialog wurde schon gelegt: Carlos Winckler (Rio Grande do Sul, Brasilien) war als Hauptreferent am Symposium in Wien zu Gast.
Volksbildung in verschiedenen Realitäten
Brasilien kann im Bereich der „educação popular“ auf langjährige Erfahrungen zurückblicken. In unterschiedlichen historischen und geographischen Kontexten sah und sieht es sich aber mit sehr unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Wie haben sich diese im Verlauf der Geschichte verändert? Welche Probleme stellen sich gegenwärtig in unterschiedlichen sozialen, klimatischen und politischen Realitäten und welche Strategien zu ihrer Bewältigung haben die AkteurInnen entwickelt? Um der Beantwortung dieser Fragen näherzukommen und ein gegenseitiges Lernen zu ermöglichen, ist das Projekt in drei sehr unterschiedlichen Regionen Brasiliens angesiedelt.
Pernambuco: Vocational Training und technologische Alphabetisierung
Im Nordosten Brasiliens gelegen ist Pernambuco die Geburtsstadt Paulo Freires eine der ärmsten Regionen Brasiliens. Damit gehen zahlreiche soziale Probleme einher hohe Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, niedriger Bildungsstand der Bevölkerung. Projekte, die sozial benachteiligten Gruppen berufliche Aus- und Weiterbildung ermöglichen, sollen den TeilnehmerInnen eine Basis für ein selbst bestimmtes Leben vermitteln. Dazu muss aber mehr geleistet werden als reine Vermittlung von technischen Fertigkeiten und Skills. Wie kann im Rahmen von Computerkursen oder handwerklicher Ausbildung ein emanzipatorischer Bildungsanspruch erfüllt werden?
Dieses Thema wird im Rahmen eines Workshops, der Ende Juni in Recife, der Hauptstadt Pernambucos, stattfinden wird, erörtert. Auch hier werden praktische Erfahrungen aus dem urbanen wie dem ländlichen Bereich und wissenschaftliche Erkenntnisse zueinander in Beziehung gesetzt. Ein Dialog auf gleicher Augenhöhe, der sich an akuten Fragestellungen und Problemen orientiert, ist das Ziel.
São Paulo: Solidarökonomie als Strategie zur Emanzipation
Wirtschaft muss nicht den Bedingungen eines neoliberalen Kapitalismus gehorchen. Solidarökonomie bricht mit diesen herrschenden Regeln und erhebt statt unbeschränktem Konkurrenzdenken und einer hierarchischen Gesellschaftsordnung die Prinzipien der Kooperation und Solidarität zu ihren Leitmotiven. Um einen solidarökonomischen Betrieb erfolgreich zu führen, bedarf es spezifischer Bildung; in einer durch Solidarökonomie bestimmten Gesellschaft zu leben wiederum bildet bestimmte Fähigkeiten aus. Dazu gehört die Fähigkeit, Urteile und Entscheidungen zu treffen, aktiv in die Gestaltung der eigenen Lebensrealität einzugreifen und so die Welt schrittweise zu verändern.
São Paulo hatte Anfang der 1990er Jahre einen Bildungsstadtrat, dem Erwachsenenbildung und (Re-)Demokratisierung ein besonderes Anliegen waren: Paulo Freire. Durch ihn fanden zahlreiche soziale Bewegungen zur „educaçõ popular“, viele von ihnen sahen in der Solidarökonomie einen Weg aus der herrschenden Armut. Eine davon war die Kolping Gemeinde São Francisco Guaianazes an der Peripherie der Millionenstadt, unter deren Verantwortung ein weiterer transdisziplinärer Workshop stattfinden wird, in dem Theorie und Praxis zueinander gebracht werden.
Rio Grande du Sul: Politische Partizipation als Schule der Demokratie
Der vorläufige Abschluss des Projekts wird in Porto Alegre, der Heimat des Partizipativen Budgets, stattfinden. In Kooperation mit Carlos Winckler nicht erst seit seinem Referat beim Symposium „Volksbildung heute?“ mit dem Paulo Freire Zentrum in Kontakt wird im Rahmen eines Seminars oder einer Tagung einerseits der didaktischen und pädagogischen Dimension partizipativer Demokratie nachgegangen. Andererseits sollen die Erfahrungen der Workshops in Pernambuco und São Paulo in dieses Seminar eingebracht werden.
Ein Anfang…
Das Ziel des Projekts ist es, einen gemeinsamen Reflexionsprozess in Gang zu bringen und den Dialog zwischen unterschiedlichen Initiativen mit Hilfe von Online-Diskussionen, wissenschaftlichen Artikeln und persönlichem Kontakt zu fördern. In diesem Sinne bildet der Abschluss des Projekts keineswegs ein Ende, sondern vielmehr den Anfang eines Prozesses, der durch Informations- und Erfahrungsaustausch und kulturübergreifendes Lernen dazu beitragen soll, die Effektivität von Armutsbekämpfung durch emanzipatorische Bildung zu erhöhen.
Die Autorin ist Koordinatorin des Freire-Zentrums für das Forschungsprojekt in Brasilien.