Jahresschwerpunkt 2007: Entwicklungsforschung

Im Jahr 2007 konzentriert sich das Freire-Zentrum auf eines seiner
inhaltlichen Schwerpunktthemen: Was bedeutet es, im Sinne Paulo Freires
zu forschen?
"Jede Situation, in der einige wenige andere daran hindern, sich im Prozess der Forschung zu engagieren, ist eine Situation der Gewalt." (Paulo Freire)

Welche Form der Entwicklungsforschung, welches Interesse an welchen Themen resultiert daraus, wenn man im Sinne Paulo Freires forscht? Man könnte auch als "Jahresthema" formulieren:

"Entwicklungsforschung als freireanische Option, die Welt lesen zu lernen."

Höhepunkt der Aktivitäten im Jahr 2007 wird das Symposium "Entwicklungsforschung" sein, das vom 25.-27. Oktober 2007 in Mattersburg stattfinden wird.

Paulo Freire und Entwicklungsforschung

Paulo Freire formuliert in seiner "Pädagogik der Unterdrückung" das Konzept der "problemformulierenden Bildung": Menschen sollen im Bildungsprozess ermächtigt werden, ihre Realität zu hinterfragen und damit zu problematisieren. Dies ist ein wesentlicher Schritt, um den Fatalismus zu überwinden, den Freire bei vielen BewohnerInnen des brasilianischen Nordostens beobachtete. Forschung wird in diesem Lern- und Ermächtigungsprozess zu einem Kernbegriff:

"Diese Bewegung der Forschung muss auf Humanisierung gerichtet sein des Menschen geschichtliche Berufung." (1)

Dahinter steht ein Konzept von Bildung, das mit der "Bankiers-Methode" bricht: Anstelle eines Bildungsverständnisses, bei dem Bildungsinhalt in die Lernenden wie Spareinlagen "eingelegt" werden, versteht Freire die Lernenden als Subjekte ihres Lernprozesses. Dies macht sie auch zu ForscherInnen, die sich durch ihr eigenes Forschen aus der Erstarrung unter unterdrückenden Verhältnissen lösen können:

"Die problemformulierende Bildung ist revolutionäre Zukünftigkeit. Aus diesem Grund ist sie prophetisch (und als solche voller Hoffnung). Insofern korrespondiert sie mit der geschichtlichen Natur des Menschen. Insofern bestätigt sie auch den Menschen als Wesen, das sich selbst transzendiert, das sich nach vorwärts bewegt und vorausschaut, für das Immobilität eine fatale Bedrohung bedeutet, für das die Rückschau auf die Vergangenheit nur ein Mittel dazu sein könnte, noch klarer zu verstehen, was und wer es ist, so dass es die Zukunft noch weiser aufbauen kann. Daher identifiziert sie sich mit der Bewegung, die den Menschen als Wesen engagiert, das sich seiner Unvollkommenheit bewusst ist, die ihren Ausgangspunkt, ihre Subjekte und ihr Ziel hat." (2)

Fragen in der aktuellen Praxis der Entwicklungspolitik

Von einem solchen Verständnis von Bildung und Forschung ausgehend lassen sich folgende Fragen hinsichtlich dessen, was wir heute als Realität der Entwicklungspolitik vor Augen haben, formulieren:

Welche Beiträge können Forschung und Bildungsarbeit füreinander leisten? Können Forschende etwas dazu beitragen, nicht nur Methoden- sondern auch Orientierungsfragen von PraktikerInnen der entwicklungspolitischen und sozialpolitischen Bildungsarbeit zu bearbeiten? Wie können Ergebnisse von Forschung an ein breites Publikum übermittelt werden? Wie muss Forschung organisiert sein, damit einerseits die Bedürfnisse der Volksbildung erfüllt und andererseits die wissenschaftliche Freiheit gewährleistet werden? Wie kann Bildungsarbeit den an sie gestellten Anforderungen (z.B. Lebenslanges Lernen) gerecht werden und trotzdem emanzipatorische Ziele verfolgen?

Diese Fragen könnten aus der Perspektive Paulo Freires gestellt werden und stellen für das Paulo Freire Zentrum daher Ausgangsfragen dar.

Entwicklungsforschung in Österreich

Zwischen an Entwicklung und Entwicklungsforschung interessierten Personen in Österreich gibt es zuwenig Vernetzung. Es wäre sehr wichtig, dass zur Frage, was eigentlich Entwicklungsforschung ist, vor welchen Herausforderungen sie steht und wie zusammengearbeitet werden könnte, gearbeitet wird. Dies ist auch für die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) und der Entwicklungspolitik von Bedeutung. Wissenschaft nimmt seit jeher einen festen Platz in der EZA-Praxis ein, auch wenn dies oft nicht bewusst wird: Sie dient der Legitimation, wirkt als kritischer Widerpart oder wird als Beraterin herangezogen. Es stellt sich daher nicht die Frage, ob Wissenschaft eine Rolle für die EZA spielen kann, sondern vielmehr geht es um die Frage, welche Rolle sie tatsächlich einnimmt oder zugewiesen bekommt.


(1) Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückung. Reinbeck bei Hamburg, 1973, S. 69.
(2) Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückung. Reinbeck bei Hamburg, 1973, S. 68f.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.