Krieg im Sudan: Wer denkt an die Zivilbevölkerung?

Anlässlich des bewaffneten Konfliktes und der humanitären Katastrophe im Sudan fand am 24. Mai 2023 eine Diskussionsrunde in der Diplomatischen Akademie Wien statt. Das Format sollte allen Afrika-Interessierten den Raum bieten, den Konflikt besser zu verstehen und mögliche Lösungsansätze zu analysieren. Dieser Beitrag basiert auf der Veranstaltung „Fighting in Sudan and the abandoned people“ (Dt. Die Kämpfe im Sudan und die verlassenen Menschen) und wurde auf der Website des VIDC veröffentlicht.

Solidarität mit dem Sudan.

Franz Schmidjell begrüßte zu Beginn der Veranstaltung alle Gäste im Namen des Afrika-Clubs und des Vereines Banat Mendy. Auch wenn es außerhalb unserer Macht stehe, den Krieg zu beenden, so sei diese Runde als ein symbolisches Zeichen der Solidarität zu verstehen.

Denn die aktuelle Situation im Sudan ist katastrophal. Der Machtkampf zwischen dem Militär und den paramilitärischen Kräften hat weitreichende Folgen. Das Land befindet sich inmitten einer humanitären Krise, die dadurch beschleunigt wird, dass bereits vor Kriegsbeginn mehr als 15 Millionen Menschen zu wenig zu essen hatten. Darüber hinaus wurde nahezu das komplette Gesundheitssystem lahmgelegt, sodass auch die meisten Krankenhäuser schließen mussten. Hunderttausende Menschen sind innerhalb des Sudans auf der Flucht oder mussten in die Nachbarländer fliehen. Internationale Hilfsorganisationen haben aus Sorge um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter*innen ihre Unterstützung reduziert oder eingestellt. Daher leisten sogenannte „Nachbarschaftskomitees“ und die Diaspora enorm wichtige Hilfe.

Aktuelle humanitäre Situation, Konfliktanalyse und denkbare Lösungsansätze.

Im Anschluss ergriff die Moderatorin, Melita Šunjić (österreichische Journalistin und Migrationsforscherin), das Wort. Drei wesentliche Punkte sollten durch die gesamte Diskussionsrunde führen. Zunächst sollte die aktuelle humanitäre Situation vertieft werden. In einer zweiten Runde würde es darum gehen, den eigentlichen Konflikt und die Rolle interner und externer Akteur*innen zu analysieren. Um drittens und abschließend mögliche Lösungsansätze und Wege aus der Krise zu diskutieren.

Die leidtragende Zivilgesellschaft.

Die erste Sprecherin, Ishraga M. Hamid (Autorin, Aktivistin und Gründerin von Banat Mendy), hob hervor, dass es sehr schwierig sei, über den Krieg im Sudan zu sprechen. Denn wie könne man diesen überhaupt beenden? Der Krieg selbst sei Resultat von zwei sich gegenüberstehenden Lagern. Die sudanesische Armee und die RSF (Rapid Support Forces) bekriegen sich im Land. Wer am meisten darunter leidet, sei die Zivilgesellschaft. Die Menschen in der sudanesischen Hauptstadt, Khartum, hätten mit Hunger zu kämpfen. Die meisten Geschäfte seien geschlossen. Was bliebe, ist die Entscheidung, zu fliehen oder zu bleiben. Aber selbst die Flucht sei mehr als gefährlich und deshalb eine wirklich schwierige Entscheidung, wie Hamid die Situation schilderte. Auf die Frage, was man tun könnte, antwortet sie, dass wir weiterhin darum bemüht sein sollten, zusammen zu arbeiten. Vor allem Frauen spielten eine entscheidende Rolle. Es gebe eine Menge sudanesische Aktivist*innen, die in der Diaspora leben. Die Vernetzung untereinander und die Bereitstellung von Informationen sei enorm wichtig. Denn auch Österreich könnte humanitäre Hilfe über solche Diasporanetzwerke leisten.

Immer mehr Menschen fliehen.

Daraufhin wurde Christoph Pinter (Leiter des UNHCR Österreich) gebeten, sich zu der Flüchtlingssituation im Sudan zu äußern. Wie er gleich vorwegnahm, sei er selbst noch nie im Sudan gewesen. UNHCR hätte jedoch eine starke Präsenz in der betreffenden Region, sodass er Informationen von Kolleg*innen weitergeben könne. So begann Pinter mit einigen aktuellen Daten und machte im selben Moment darauf aufmerksam, dass diese eher ein fluides Konstrukt darstellten. Trotzdem seien sie für die Planung von weiteren Maßnahmen von großer Bedeutung. Auf den Punkt gebracht, sei die Lage vor Ort aus Sicherheitsgründen sehr instabil. Immer mehr Menschen bräuchten humanitäre Hilfe. Dem steht entgegen, dass es gleichzeitig immer schwieriger werde, diese Hilfe leisten zu können. Aufgrund des Krieges seien weite Teile der Infrastruktur zerstört. Dazu komme, dass aufgrund der Knappheit von Wasser, Lebensmitteln, Energie, etc. der Ausbruch von Krankheiten erleichtert werde. Ungeachtet dessen müssten weitere Neuankömmlinge an den Grenzen (oftmals in abgelegenen Gebieten ohne jegliche Infrastruktur und Unterstützungsangeboten) teils in bereits überfüllten Lagern untergebracht werden.

Die Ursprünge des Krieges.

Mariam Wagialla (Architektin und Stadtplanerin) machte auf die Ursachen des Krieges im Sudan aufmerksam. Sie wies darauf hin, dass die verfeindeten Generäle Al-Burhan und Hemedti im Darfur-Krieg zusammenarbeiteten und nach der Revolution, die Al-Bashir im April 2019 stürzte, zu politischer Berühmtheit gelangten. Der Streit zwischen ihnen begann jedoch nach dem Putsch im Oktober 2021, der zum Ende der Übergangsregierung führte. Al-Burhan versuchte, die Macht des gestürzten Regimes wiederherzustellen. Hemedti hingegen, der aus Darfur stammt, strebte danach den Sudan zu regieren, nachdem er militärisch und wirtschaftlich mächtig geworden war. Trotzdem ging die friedliche Revolution weiter und forderte die Wiederherstellung des demokratischen Übergangs. Daher wurde im Dezember 2022 ein politischer Prozess eingeleitet, der zu einer Machtübergabe an eine zivile Regierung geführt hätte. Der Streit eskalierte allerdings, weil Hemedti zusammen mit den „Forces of Freedom and Change“ das Abkommen unterstützte, während Al-Burhan unter dem Druck von Anhänger*innen des gestürzten Regimes begann, sich vom Abkommen zurückzuziehen.

Darüber hinaus betonte Wagialla, dass Frauen vom anhaltenden Krieg am stärksten betroffen seien. Trotz ihrer führenden Rolle in der Revolution wurden sie während der Übergangszeit an den Rand gedrängt.

Projektionsfläche unterschiedlicher Interessen.

An die Geschichte des Sudans anknüpfend meldete sich Gerald Hainzl (Forscher am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der Landesverteidigungsakademie) zu Wort. Denn rückblickend sei die Revolution dem Volk zweimal gestohlen worden und die Menschen hätten sich entgegen allen Hoffnungen einer Militärdiktatur gegenübergesehen, die ihre Forderungen gewaltsam niederschlug. Angesichts der aktuellen Lage sollte die internationale Gemeinschaft deshalb das Militärregime, das sich an die Macht geputscht hat, nicht einfach akzeptieren. Aber genau an dieser Stelle sieht Hainzl auch die Komplexität des Problems, weil es nicht nur um den Sudan gehe. Die ganze Sahelzone sowie die angrenzenden Staaten seien instabil. So mischten sich eine Menge internationaler Akteur*innen ein, die wiederum unterschiedliche Interessen verfolgten. Daher sei es sehr schwierig, die ganze Situation zu analysieren, geschweige denn zu lösen.

Die Rolle Österreichs.

Walter-Maria Stojan, aus der BMEIA-Abteilung „Afrika südlich der Sahara“, verwies auf den sehr beschränkten Einfluss von Österreich auf die Krise im Sudan. Dieses Forum sei jedoch bereits ein gutes Beispiel für das, was wir tun könnten. Denn die Situation sei eine Katastrophe. Selbst die Evakuierung von Österreicher*innen wäre schwierig gewesen, aber immerhin das Einzige, was im Moment von Seiten Österreichs aktiv unternommen hätte werden können. Daher auch der dringliche Appell, dass die Europäischen Union weiterhin darum bemüht sein sollte, ein Waffenstillstandsabkommen voranzutreiben und Friedensverhandlungen zu fordern. Auch Österreich dürfte nicht aufhören, für eine halbwegs zumutbare Situation im Sudan einzustehen.

Offene Diskussionsrunde – Was bedeutet der Krieg?

Eine Person betonte, dass der Krieg nicht erst mit den Kämpfen in Khartum am 15. April 2023 begann, und wollte wissen, warum also nicht schon früher etwas dagegen unternommen wurde. Zudem beschränke sich der Krieg nicht nur auf den Sudan, sondern wirke sich auf die Sahelregion aus und sei daher als ein internationaler Konflikt zu sehen, an dem unterschiedliche Akteur*innen beteiligt sind. Eine weitere Wortmeldung bezog sich auf die Zustände in der Hauptstadt Khartum. Menschen würden sich gezwungen sehen, zu fliehen. Die Flucht gestalte sich jedoch als überaus schwierig, weil es kaum mehr funktionierende Infrastruktur gebe. Im Zuge dessen verwies die Person auf die traurige Tatsache, dass die finanziellen Ressourcen oftmals entscheidend seien, wer fliehen könne und wer nicht. Des Weiteren wurde der Ruf laut, Druck auf die Länder auszuüben, die immer noch Waffen in das Land exportieren. Ferner sollten die EU und ihre Mitgliedsstaaten reflektieren, inwieweit ihre Außenpolitiken – z.B. die Anti-Migrationspolitik (Khartum Prozess) – zur derzeitigen Krise beigetragen haben.

Die Frage nach Unterstützer*innen für die Generäle sei schwer zu beantworten, aber sicherlich hätten beide Konfliktpartner ihre Anhänger*innen im Sudan wie innerhalb der Diaspora, so eine Teilnehmerin.

Angesichts der fehlenden Grundversorgung im Land leisten sich immerhin die Menschen vor Ort gegenseitig Hilfe. So bemühen sich lokale Widerstandskomitees, Graswurzelbewegungen und einfache Bürger*innen, die wenigen Ressourcen, die noch verfügbar sind, zu teilen. Wichtige Hilfe leiste zudem die sudanesische Diaspora. Und selbst, wenn einer der beiden Konfliktparteien verlieren würde, würden die Menschen im Sudan dann tatsächlich gewinnen?

 

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weitere Informationen:

Sudan: Auswirkungen des bewaffneten Konflikts in einem fragilen Land

von Mariam Wagialla, Zeitschrift International, 25. April 2023

Sudan – Die zweimal gestohlene Revolution

von Gerald Hainzl, IFK Monitor, Mai 2023

The kandakas of Sudan speak up on the country’s plight 

By Nesrein El-Bakhshawangy and with Ishraga Hamid, Al Majalla, May 2023

As aid efforts ramp up in Sudan, local groups must take centre stage

By Bashàïr Ahmed, The New Humanitarian, May 15, 2023

Men Fighting, Women Breaking-up: Sudanese Women’s Movements, the Wing of the Patriarch?

By Reem Abbas, African Arguments, April 13, 2023

How the International Community Failed Sudan

By George Clooney and John Prendergast, Time, April 28, 2023

 

Titelbild © VIDC, Afrika Club Sudan

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Globale Ungleichheiten, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.