Palmöl ist überall: ungefähr jedes zweite Produkt in einem klassischen österreichischen Supermarkt enthält Palmöl, von Nutella über Hautcremes bis zu Reinigungsmitteln. Nach einem enormen Anstieg der Produktion von zwei Millionen Tonnen im Jahr 1970 auf knapp 74 Millionen Tonnen 2022 ist es heute mit Abstand das meistverkaufte Pflanzenöl weltweit. Palmöl stellt auch weiterhin ein boomendes globales Business dar. Dominiert wird der Markt von Indonesien (ca. 58 Prozent der globalen Produktion) und Malaysien (ca. 27 Prozent). Auch Singapur ist ein wichtiger Akteur und fungiert als Finanz- und Handelsdrehscheibe. Die regionale Konzentration des Palmölgeschäfts auf Südostasien ist die Folge von enormen Produktionssteigerungen seit den 1980er Jahren. Während Malaysien dies vor allem durch intensiveren Anbau erreichte, kam es in Indonesien zu einer massiven Ausweitung der Anbauflächen. Damit einher gingen Entwaldung und Biodiversitätsverlust in dramatischem Ausmaß, sowie die Vertreibung der lokalen, oft indigenen Bevölkerung. Die schwerwiegenden Folgen der Expansion werden in einem Bericht von Global2000 und Südwind detaillierter beleuchtet. Doch für ein umfassendes Verständnis der Industrie und ihrer sozialen und ökologischen Auswirkungen ist eine historische Perspektive unverzichtbar.
Eine Geschichte mit vielen Anfängen.
Dieser Artikel beschäftigt sich daher weniger mit den Folgen, sondern blickt zurück in die Geschichte: Wie kam es überhaupt zu einer derartigen Explosion der indonesischen Palmölproduktion? Darauf gibt es wie so oft keine einzelne, klare Antwort. Einerseits kann der Anbau von Ölpalmen um ein Vielfaches effizienter und günstiger sein als vergleichbare Ölpflanzen wie Soja. Andererseits verfügt Indonesien über reichlich Land und hervorragende klimatische Bedingungen für diese Kulturpflanze. Des Weiteren gab es bereits unter niederländischer Herrschaft Palmölplantagen, die im Zuge der Dekolonialisierung verstaatlicht und folglich vom Staat gefördert wurden. Offizielles Ziel dieser Politik war die wirtschaftliche Entwicklung ländlicher Regionen. Vordergründig ging es jedoch um die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die Ausweitung der kapitalistischen Produktionsweise in den Peripherien. Neben der Wirtschaftspolitik des Staates spielten aber auch umfassendere globale Veränderungen eine wesentliche Rolle in der Expansion. Im Zuge der neoliberalen Wende ab den späten 1970er Jahren stieg der Freihandel rasant an, und damit auch die Nachfrage nach billigem Palmöl. Parallel dazu nahm ein weiterer Prozess Fahrt auf, dessen Einfluss auf Palmöl zu selten beleuchtet wird: die Finanzialisierung.
Die Finanzialisierung des globalen Kapitalismus.
Sehr allgemein beschreibt Finanzialisierung den wachsenden Einfluss finanzieller Akteure, Motive, Institutionen und Eliten in globalen Institutionen, Volkswirtschaften und Märkten. Finanzialisierung äußert sich unter anderem in der weltweiten Ausbreitung von Finanzkapital aufgrund freier Geldflüsse, sowie dem Entstehen von Institutionen, die diese Finanzflüsse ermöglichen. Eine zentrale Rolle spielten dabei von Beginn an der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Weiters führten finanzielle Deregulierungen zur Ausbreitung des Finanzmarktes in der Realwirtschaft und zur Erschaffung neuer Finanzdienstleistungen und Investitionsmöglichkeiten. Dies hat vielfältige Auswirkungen: Die Finanzmärkte werden undurchsichtiger und instabiler, was leichter zu Blasen und Crashs führt – wie in der Finanzkrise 2008. Menschliche Grundbedürfnisse werden zu Anlageobjekten und damit immer weniger leistbar, was etwa am Beispiel Wohnraum viele Betroffene derzeit persönlich erleben. Die Finanzialisierung der Nahrungs- und Rohstoffmärkte resultiert in hohen Preisschwankungen und vermehrter Spekulation. Auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten blieb neben Nahrung auch Land nicht verschont. Die Folge ist oftmals gewaltsame Landnahme, Grundstückspekulation, rücksichtslose Inwertsetzung der Natur und das Verdrängen indigener Völker und ihrer Lebensweisen.
Der IWF und die „Öffnung“ Indonesiens.
Doch nun zurück zum Palmöl: 1966 ergriff General Suharto die Macht in Indonesien. Der Diktator pochte auf eine rasante wirtschaftliche Modernisierung des Landes nach westlichem Vorbild. Neben amerikanischen Beratern nutzte er dazu diskriminierende Gesetze aus der Kolonialzeit, welche Land und Wälder der indigenen Völker beinahe vollständig zu staatlichem Eigentum erklärten. Dies waren wichtige Grundpfeiler für die kommende Entwicklung. Die steigenden Energiepreise aufgrund des sogenannten Ölpreisschocks 1973 versetzten Indonesiens Wirtschaftswachstum jedoch einen starken Dämpfer und brachten das Land in eine finanzielle Schieflage. Der IWF und die Weltbank boten Hilfe an, knüpften sie jedoch an Bedingungen: Eine Welle weitgehender finanzieller Deregulierung folgte, und auch die Palmölindustrie wurde erstmals für Privatkapital, wenn auch nur indonesisches, geöffnet.
Die Produktion wuchs fortan rasant, mit dem Ziel, sie schließlich auch für ausländische Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment, FDI) zu öffnen. Dies geschah wenig später im Zuge der Asienkrise der Jahre 1997 und 1998. Abermals kam Indonesien in große Schwierigkeiten, nicht zuletzt wegen der Deregulierungen in den Jahrzehnten davor. Wie auch in der letzten Krise wandte man sich an IWF und Weltbank, deren Einfluss in Zwischenzeit beachtlich gewachsen war. Es wiederholten sich dieselben Abläufe: die Finanzinstitute vergaben Kredite, knüpften diese aber wieder an finanzielle Deregulierungen. Dieses Mal jedoch sollte die gesamte Wirtschaft kompromisslos ausländischen Investor*innen geöffnet werden. In kürzester Zeit flossen enorme Summen ins Land, vor allem in die profitablen Rohstoffsektoren wie eben die Palmölproduktion. Der Großteil dieses Geldes kam aus Malaysien, wo riesige Palmölkonzerne wegen knappen Bodens kaum mehr wachsen konnten und daher im Nachbarland die perfekte Expansionsmöglichkeit sahen. Aber auch Singapur mischte ordentlich mit und entwickelte sich zügig zur Finanzdrehschreibe des Palmölgeschäfts. Die Folge war eine atemberaubende Expansion der Anbauflächen von 1,4 Millionen Hektar 1996 auf 4,11 Millionen Hektar 2006. Die finanziellen Deregulierungen der frühen 80er und späten 90er Jahren auf Druck von IWF und Weltbank trugen damit zu einem Boom bei, der bis heute anhält.
Die Finanzkrise 2008 bringt neue Dynamiken.
Auf globaler Ebene führte die Finanzialisierung schließlich zur Finanzkrise 2008 – die Expansion nahm danach aber nur weiter Fahrt auf. Gerade im Globalen Norden suchten Investor*innen neue, sichere Investitionsmöglichkeiten nach der Krise – und wurden schnell fündig. Die Landwirtschaft und das Land selbst waren zwar wenig profitabel, aber umso sicherer. Innerhalb weniger Jahre flossen enorme Summen in verschiedene landwirtschaftliche Sektoren wie Soja oder auch Palmöl, und dies vor allem im Globalen Süden[1]. Mit neuem Kapital ausgestattet expandierte die regionale Palmölindustrie umso schneller, wohl auch aufgrund der Profitinteressen neuer Anleger*innen. Damit kam es nach dem Crash 2008 es zu einem schlagartigen Anstieg der Anbauflächen von 3,1 Millionen Hektar zwischen 2009 und 2010 allein. Zudem begannen Investor*innen und Konzerne auf Profitsuche vermehrt mit Landkonzessionen zu spekulieren, was die Preise gerade für Kleinbauern in die Höhe trieb. 2021 wurden in Indonesien unglaubliche 15 Millionen Hektar mit Palmöl bepflanzt, das entspricht beinahe der doppelten Fläche des österreichischen Staatsgebietes. Diese Flächen sind zum überwältigen Teil ehemalige Regenwälder, und die Auswirkungen auf lokale Bevölkerung und Natur waren und sind enorm. Die Expansion erfolgte hauptsächlich in Gebieten indigener Völker, trotz vehementen Widerstands. Derzeit sind mehr als 2000 Landkonflikte rund um Palmölplantagen allein in Indonesien bekannt. Wegen diskriminierender Gesetze und der großen politischen Macht der Palmölkonzerne konnten aber bisher nur wenige indigene Gruppen ihre Rechte durchsetzen.
Fazit.
Als Folge mehrerer Wellen finanzieller Deregulierungen wuchs die Palmölindustrie Indonesiens seit den späten 80er Jahren immer rasanter an. Eine zentrale Rolle spielten dabei globale Finanzinstitute, allen voran der IWF und die Weltbank. Auch heute ist Palmöl ein boomendes Geschäft, von dem in erster Linie die riesigen Konzerne Malaysiens, Indonesiens und Singapurs profitieren. Warum die Palmölkonzerne so mächtig sind, wie der südostasiatische Palmölkomplex aufgebaut ist und wie westliche Finanzinstitute darin verstrickt sind, wird Thema eines nächsten Artikels sein.
[1] Diese Entwicklungen wurden von Madeleine Fairbairn eindrücklich in ihrem 2020 erschienen Buch „Fields of Gold: Financing the global Land Grab“ (zu Deutsch in etwa: Felder aus Gold: die Finanzierung globaler Landnahme) verarbeitet.
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Titelbild © unsplash, Mohammad Nazarizal