Der Weltfrauentag am 8. März steht für die Gleichstellung von Frauen und Solidarität mit den Frauenbewegungen in aller Welt. Unter diesen Vorzeichen widmete die VHS Wiener Urania mit der Podiumsdiskussion „Frau. Leben. Freiheit. Iranische Frauen im Aufbruch“, den Abend des 8. März den Protesten der iranischen Frauenbewegung. Diese gehen auf den Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini im Gewahrsam der iranischen Sittenpolizei zurück. Amini wurde am 13. September 2022 des falschen Tragens eines Kopftuches beschuldigt und wegen Nichteinhaltung der islamischen Bekleidungsvorschriften in der Öffentlichkeit festgenommen. Während der anschließenden Fahrt und auf der Polizeiwache erlitt sie wiederholt Schläge auf den Kopf; später, als sie bewusstlos schien, unterließen die Polizist*innen die rechtzeitige Hilfeleistung. Amini starb einige Tage später an den Folgen eines Schädeltraumas, sie war bereits bei ihrer Ankunft im Krankenhaus als hirntot erklärt worden.
Seitdem gehen im gesamten Iran, angeführt von Frauen, in den Metropolen wie auf dem Land, hunderttausende Menschen auf die Straße und rufen den Beginn einer neuen Revolution aus. Sie können von ihrem Gegenüber, der iranischen Regierung, nur mit dem Schlimmsten rechnen. Allein am 30. September 2022 starben bei friedlichen Demonstrationen in Zahedan, Belutschistan mindestens 82 Menschen.
Einem Kurzvortrag von Homayoun Alizadeh, Gründer der Mahsa Jina Amini Initiative, folgte eine Diskussion mit Mitra Shahmoradi-Strohmaier, freischaffende Künstlerin, Shiva Badihi, Mitglied des Frauenrechtsnetzwerks von Amnesty International und Shoura Zehetner Hashemi, Juristin im diplomatischen Dienst. Die Moderation übernahm Siobhán Geets, Journalistin im Außenpolitik-Ressort beim Nachrichtenmagazin Profil.
Eine von Frauen angeführte soziokulturelle Bewegung.
Gleich zu Beginn stellte Alizadeh klar, was sich im Laufe der Veranstaltung als Konsens der Podiumsgäste erweisen sollte: die jüngsten Proteste im Iran stellen in mehrerer Hinsicht ein außergewöhnliches Ereignis dar. Dabei sind weder Proteste, noch die systematische und oft gewaltsame Unterdrückung der Frauen im Iran etwas Neues: die Kleiderordnung gibt es bereits seit 1982, eine Sittenpolizei seit 2005, politische Unruhen 2009, 2017/18 und zuletzt 2019. In klarer Abgrenzung zu den Ereignissen vergangener Jahre beziehen sich die aktuellen Proteste nicht auf eine politische, wirtschaftliche oder menschenrechtliche Ausnahmesituation, und, wie Alizadeh ausführt, liegen ihre Hintergründe auch nicht allein im Tod Aminis:
“Der Grund für die landesweiten Proteste im Iran ist nicht nur der Tod von Mahsa Jina Amini oder die Nichtbeachtung der Hijab-Vorschriften, sondern der weit verbreitete Aufschrei der iranischen Bevölkerung, insbesondere der Frauen”.
Es handle sich um eine von Frauen angeführte soziokulturelle Bewegung, die sich vor allem durch den „Aufschrei“, und damit die Ablehnung der politischen Kultur in der islamischen Republik auszeichnet. Ausgelöst durch den Tod Aminis gründe sie sich nicht auf einem einzelnen Ereignis, sondern auf der „unüberbrückbare Distanz“ zwischen autoritärem Regime und großen Teilen Bevölkerung. Exemplarisch dafür stünde nach Alizadeh der hohe Bildungsgrad iranischer Frauen, kontrastiert mit ihrem systematischen Ausschluss auf dem Arbeitsmarkt. So gebe es an iranischen Universitäten seit Jahrzehnten mehr weibliche als männliche Studierende, doch nicht einmal ein Fünftel aller Positionen am Arbeitsmarkt würden letztlich von Frauen besetzt. Mit den Protesten sei das Unvermeidbare eingetreten, denn die Frauen – unabhängig ihrer Ethnie, Konfession oder Klasse – forderten nun erfolgreich ihre Teilhabe an der Zivilgesellschaft ein.
Kampf gegen das Regime des Schah
– Kampf gegen das Regime der Religionsführer.
Diese gründet sich nicht zuletzt aus einer langen, im Westen übersehenen Geschichte der Frauenbewegungen im Iran, welche Shahmoradi-Strohmaier den Zuhörer*innen nahelegt. Seit jeher mit Bezug auf eine alte, persische Tradition, in der Frauen und Männer unter anderem hinsichtlich der Ausübung eines Berufes gleichgestellt waren, hatten sich Frauen an jeder großen politischen Bewegung im Iran beteiligt: 1891 an der Tabakbewegung, 1905 an den Aufständen zur Abschaffung der absolutistischen Monarchie, 1936 im Kampf gegen die Verschleierung, 1963 zur Durchsetzung des Rechts auf Wahlbeteiligung und 1979 im Zuge der iranischen Revolution.
Eine Anekdote Shahmoradi-Strohmaier’s verdeutlicht das Verhältnis zwischen der Revolution von 1979 und den aktuellen Protesten. Erstere kannte als Protestform das freiwillige Tragen eines Kopftuches zur Verschleierung der Gesichter. Heute sehen wir das vermeintliche Gegenteil: Verstoß gegen die Bekleidungsvorschriften, Ablegen, ja sogar verbrennen von Kopftüchern. Doch geht es in beiden Fällen um einen Kampf gegen Unterdrückung: damals die einer nur dem Schein nach liberalen Monarchie, heute die einer nur dem Schein nach islamischen Theokratie. Klarzustellen sei auch, dass ein Kampf gegen Unterdrückung, unabhängig seiner Symbolik, niemals weitere Unterdrückung legitimiert. So lasse sich die freiwillige Verschleierung von iranischen Frauen 1979 nicht als Bekenntnis zum Kopftuchzwang der islamischen Republik verstehen, ebenso wie die aktuellen Proteste keine Nostalgie gegenüber der scheinliberalen Welt des Schah-Regimes bedeuten.
Das Ausmaß der Unterdrückung und somit auch die Bedeutung des aktuellen Kampfes der Frauen im Iran verdeutlichte der Beitrag von Badihi: Ein perfide Rechtsordnung erlaube, dass Frauen für große Teile ihres Lebens der Herrschaft männlicher Oberhäupter ausgeliefert sind. Als Kinder ihren Vätern unterstellt und als Ehefrauen ihren Ehemännern, ergebe sich im besten Fall eine kurze Periode der individuellen Freiheit. Diese würde jedoch ständig durch die gesetzlich verankerte, für Frauen ab 13 und für Männer ab 15 Jahren zulässige Zwangsheirat bedroht. Eine eigenmächtige Befreiung von Frauen aus den gegen ihren Willen geschlossenen Ehen gebe es kaum, denn die Möglichkeit einer einfachen Scheidung sei allein den Männern vorbehalten. Frauen hingegen müssten vor Gericht besondere Gründe anführen und seien zusätzlich auf die Erlaubnis ihres Mannes angewiesen.
Widerstand im Zeichen von Vergangenheit und Gegenwart.
Angesichts solcher ‚alltäglichen‘ Repressionen kam Strohmaier-Shahmoradi auf die zuvor von Alizadeh angesprochene Distanz zwischen Regime und Bevölkerung zurück. Frauen wie Männer im Iran wüchsen heute ähnlich auf wie auch Jugendliche anderswo: mit Internet, Social Media und globaler Popkultur. Dagegen habe sich die für sie angedachte islamische Erziehung nie wirklich durchgesetzt. Stattdessen praktizierten die Jugendlichen seit Jahrzehnten eine “ruhige Revolution”, die sich beispielsweise durch den kalkulierten Verstoß gegen die Kleidervorschriften auszeichne.
Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse verdeutlich Hashemi die strategische Intelligenz der iranischen Frauenbewegung. Diese habe in ihrem Kampf aus den Protesten vergangener Jahre und Jahrzehnte gelernt: Demonstrationen würden geheim organisiert, die Bewegung als Ganzes sei dezentral aufgebaut und dadurch resilient gegenüber der gezielten Verhaftung ihrer Beteiligten. Hinzu komme die strategische Nutzung von Social Media, durch die sich Protestierende die Macht der Repräsentation aneignen könnten. So sei es auch möglich, eine Verbindung zur Außenwelt, der unterstützenden Diaspora, unbeteiligten Bürger*innen und den Regierungen der Welt herzustellen.
Damit verbunden ist letztlich eine Aufforderung der Frauenbewegung, des Podiums und auch eines Teils der anwesenden Zuhörer*innen: Auch im Westen dürfen wir nicht wegschauen und die Aufmerksamkeit absterben lassen, wir müssen Druck auf unsere Regierungen und über diese auf die iranische ausüben. Denn das wird es, so war sich das Panel einig, brauchen, damit dieses Regime fällt. Doch auch wenn die Proteste der iranischen Frauen von 2022/23 nicht erfolgreich sein sollten, so werden, solange sich die Situation im Iran nicht bessert, immer neue Proteste und immer neue Revolutionen entstehen, vor denen wir nicht endlos unsere Augen verschließen können.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © unsplash, Ollie Barker Jones.