Das Paradox der Interkulturalität

04.03.2009 | Gerald Faschingeder
Am 3. März 2009 beschäftigten sich 40 WissenschafterInnen aus 30 verschiedenen Ländern mit der Frage, welchen Mehrwert Interkulturalität im Forschungsprozess hat.
Welches Potential haben migrantische ForscherInnen für den Forschungsprozess? Welche Ressourcen liegen hier brach und könnten besser genutzt werden? Der Workshop "ForscherInnen unterwegs. Interkulturelle Dimensionen der Wissenschaft" zielte darauf ab, etwas zur Klärung der aktuellen Lage von ForscherInnen mit Migrationshintergrund in Österreich beizutragen. Dies sollte auch helfen, Netzwerke zwischen den verschiedenen AkteurInnen in diesem Feld zu entwickeln oder bestehende zu stärken.

Der Einladung der Kommission für Entwicklungsfragen in die Neulerchenfelderstraße in Ottakring, Wien 16, folgte eine faszinierend vielfältige Gruppe junger WissenschafterInnen. Von jedem Kontinent waren TeilnehmerInnen dabei, wie eine Kennenlernmethode zu Beginn zeigte. Der Ort selbst repräsentierte den Inhalt der Veranstaltung, ist doch dieser Teil Wiens stark multikulturell geprägt. Der Workshop fand in den Räumen der Roma Direkt-Hilfe statt, in Nachbarschaft zu den Räumen der ForscherInnen ohne Grenzen, die ebenso wie die Südwind Agentur und das Paulo Freire Zentrum als Mitveranstalter des Workshops auftraten.

Keine Interkulturalität ohne Ethik

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Alicia Cabezudo und Helen Nakimbugwe (Foto von Matthias Weissgram)

Im ersten Teil des Workshops lud Alicia Cabezudo aus Argentinien die HörerInnen dazu ein, ihrer Reflexion über ihre eigenen Erfahrungen mit Interkulturalität zu folgen. Alicia Cabezudo arbeitet im Themenfeld Volksbildung und Friedenserziehung und kann auf eine lange Publikationsliste sowie zahlreiche Auslandsaufenthalte zurückblicken. Aus ihrer Sicht ist interkulturelle Arbeit immer ein Lernprozess, niemals ein statischer Zustand. Es ginge dabei nicht nur um den Austausch von Sichtweisen und das wechselseitige Verstehen, sondern im Kern um eine Frage der Ethik. Ohne Werte mache die Frage nach Interkulturalität keinen Sinn, stellte Cabezudo klar.

Forschungsteams seien heute durch ihre oft multikulturelle Zusammensetzung herausgefordert, einen bewussten Umgang mit ihrer Diversität zu finden. Zu einem interkulturellen Dialog komme es nur, wenn solche Teams tatsächlich Teamwork verwirklichten, was starre Strukturen und Hierarchie in Frage stelle. Man tue sich leicht, solches zu fordern und schöne Worte über Respekt und Offenheit zu finden. Ihre Erfahrung zeige aber, dass es immer wieder ein hartes Stück Arbeit sei, zur nötigen Gelassenheit zu finden, mit interkulturellen Differenzen produktiv umzugehen. Sehr oft werden kulturelle Differenzen jedoch verleugnet und abgewehrt. Dies gelte es, durch Akzeptanz und Anpassung zu überwinden, um zu einer Situation der Integration von Differenz zu gelangen. Das Paradoxe an diesem Prozess sei es, sich gleichzeitig für andere zu öffnen und selbst in der eigenen Identität zu wachsen. Das mache es so schwierig, weil hier ein Entweder-oder in die Sackgasse führe.

Bei der anschließenden Auseinandersetzung kam die Methode des Weltkaffees zum Einsatz. Dabei wurde deutlich, dass die Anwesenden nur allzu gut wussten, wovon die Rede ist. Eine Teilnehmerin brachte ein, dass sie die österreichische Kultur als "geschlossene Gesellschaft" erlebt habe. Auch das Erlernen der deutschen Sprache ermögliche es nicht immer, die eigene Ausgeschlossenheit zu überwinden. Viele MigrantInnen mit guten Deutschkenntnissen landeten in HilfsarbeiterInnenjobs, obwohl sie sich um Integration bemühten.

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Weltcafé-Runde (Foto von Matthias Weissgram)


Rassismus im österreichischen Unialltag

Eine etwas optimistischere Einschätzung der Möglichkeiten, einen Zugang zur österreichischen Gesellschaft zu finden, vertrat die zweite Referentin des Tages, Helen Nakimbugwe aus Uganda. Sie hatte bis 2005 in Wien an der Universität für Bodenkultur studiert. Es sei ein Alptraum gewesen, am Beginn Deutsch zu lernen. Aber es habe sich ausgezahlt, sie habe dann sehr viele FreundInnen in Österreich gefunden. Allerdings gab sie sich keinen Illusionen hin: "Rassismus gibt es im österreichischen Universitätswesen. Ein Professor hat mir, als ich gegen eine ungerechte Benotung Einspruch erhob, gesagt, ich sollte fertig studieren und dann schnell wieder dorthin zurückgehen, wo ich herkomme." Gegen solcherlei rassistische Äußerungen habe sie sich immunisiert: "Als man mich an einer Busstation "Nigger" nannte, habe ich zurück geschrieen: "Schweinehäute!"".

Wenn Nord und Süd zusammenarbeiten

Helen Nakimbugwes Vortrag stellte einige wesentliche Unterschiede in der Herangehensweise an wissenschaftliche Projekte dar: Die MitarbeiterInnen aus den Ländern des Nordens hätten in der Regel bereits interkontinentale Erfahrung und brächten eine globale Perspektive ein; jene des Südens hingegen hätten kaum die Möglichkeit gehabt, über ihr Land hinaus zu kommen und seien daher national orientiert. Während jene des Nordens stets über alles und jedes etwas publizieren wollen, und sei der Workshop noch so klein, unternehmen jene des Südens seltener Schreibversuche. Hinter den Differenzen stünde die ökonomische und politische Ungleichheit: Der Norden bringe 70% in die Finanzierung von Forschungsvorhaben ein, der Süden nur 30%. Dazu kommen, dass, wenn SüdpartnerInnen versprechen, 100 EUR einzubringen, es dann oft nur 40 EUR seien. Auch beim Planen gebe es Unterschiede: Wenn Süd-PartnerInnen zwei Schritte im Voraus planen, könnten die Nord-PartnerInnen bereits fünf Planungsschritte vorlegen. Und: Wer im Norden nicht plant zu publizieren, ist (wissenschaftlich) ohnehin tot.

Diese sicherlich nicht ganz unironische Darstellung war so pointiert, dass sie manchen Widerspruch provozierte. Nicht alle Differenzen seien kulturell bedingt, vieles habe mit Personen oder dem jeweils konkreten Zeit und Ort der Vorhaben zu tun. Andere TeilnehmerInnen fanden ihre Erfahrungen aber gut wiedergegeben. Einig war man sich, dass die Herausforderungen groß seien, der Lohn aber ebenfalls. Stets ginge es zwei Schritte vor und einen zurück, so Helen Nakimbugwe. Damit sei man also immerhin einen Schritt weiter zu einer positiv gelebten Form der Interkulturalität gekommen.

Am Donnerstag, 4. Juni 2009 findet dieser Workshop ein zweites Mal in Salzburg statt.

Die Vorträge der Referentinnen, Eindrücke der Weltcafés und Videodokumentationen der gesamten Veranstaltung finden Sie hier.

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