Nachbar Afrika – Teil 2

24.11.2010 | Gerald Faschingeder
Welche Entwicklungsstrategie ist heute für Afrika angebracht? Kandeh K. Yumkella, Generaldirektor der UNIDO, plädiert im Sammelband „Nachbar Afrika – Dimensionen eines Kontinents“ für eine Entwicklungsstrategie, die auf integrierte Wertschöpfungsketten setzt.

Integrierte Wertschöpfungsketten

Im Sammelband, hg. von Georg Lennkh und Irene Freudenschuss-Reichl, wird spürbar, dass EZA nicht mehr als der eigentliche Entwicklungsweg Afrikas betrachtet wird. Speziell die Beiträge aus afrikanischer Feder machen dies deutlich: Maxwell M. Mkwezalamba ist Kommissar für Wirtschaft der Afrikanischen Union und skizziert als solcher ein afrikanisches Entwicklungskonzept, das von starken und souveränen Staaten als Trägerinnen von Entwicklung und von wirtschaftlicher Integration als Weg dorthin spricht. Kandeh K. Yumkella, Generaldirektor der UNIDO, führt die Dynamik der Industrialisierung am afrikanischen Kontinent anschaulich vor Augen. Diese Ansätze setzen nicht auf externe Hilfe, sondern auf eine konsolidierte Politik souveräner Staaten, die selbstbewusst die Chance aufgreifen, die durch die bedeutenden Investitionen Chinas nun entstehen. Auch wenn unsicher ist, wie viel industrielle Entwicklung China in Afrika goutieren wird, gibt es bereits jetzt Bestrebungen, Billiglohnindustrien von Ostasien nach Afrika zu verlagern. Aufs Erste mag so etwas entwicklungspolitisch erschaudern lassen – Maquilladoras nun auch in Afrika? Andrerseits begann manche erfolgreiche Entwicklungsstrategie mit solchen Fertigungsstätten – ob in Taiwan, auf Mauritius oder in Vorarlberg.
Yumkella fordert darüber hinaus eine Ausweitung der verarbeitenden Industrie und den Aufbau lokaler Wertschöpfungsketten. Die Rede ist gar von einem „chinesischen Marshallplan" (S. 217), um eine adäquate Infrastruktur zu errichten. Allerdings müsse dieser im Rahmen einer intelligenten industriellen governance verortet sein (S. 220). Nur so könne es zu einem Gleichgewicht globaler, regionaler und lokaler Wertschöpfungsketten kommen (S. 230).  

Absage an liberale Entwicklungskonzepte

Mkwezalamba und Yumkella phantasieren aber nicht von einer exportorientierten Entwicklungsstrategie. Als solche sind sie keine neoliberalen Träumer, sondern wissen, dass diese Strategie Lateinamerika an den Rand des Ruins gebracht hat. Vielmehr sehen sie das Potential des afrikanischen Marktes mit nun einer Milliarde EinwohnerInnen und die Chancen, durch eigenen Rohstoffreichtum selbstgesteuerte Entwicklungspfade zu beschreiten.
Ein solches, im Grunde keynesianisches Entwicklungskonzept braucht freilich entsprechende Rahmenbedingungen. Die afrikanischen Ökonomien waren bislang so stark von äußeren Einflüssen gesteuert und behindert, dass  Entwicklungsanstrengungen nur spärliche Erfolge haben konnten. Nun hat sich aber das globale Kräfteverhältnis geändert: China und Indien im Osten, Brasilien im Westen und natürlich auch Südafrika im Süden sind Entwicklungsstimulanten. Das Buch bemüht allerlei geometrische Metaphern, um diese Veränderung der Machtverhältnisse zu ermessen. Europa und die USA bleiben bedeutsam, doch sie sind nicht mehr die alleinigen potentiellen Gegenüber, haben an hegemonialer Position verloren. Die alten Mächte laborieren an ihrer eigenen Krise. So wird verständlich, wieso EZA an relativem Gewicht verliert. Die Geschichte zeigt, dass Krisen des Zentrums Entwicklungsprozesse an der Peripherie eher stimulieren als hindern.

Auch Biobrennstoffe brauchen den Staat

Dies möge nicht als undifferenzierter Abgesang an EZA missverstanden werden, gibt es doch viele EZA-Maßnahmen, die sinnvoll und notwendig sind. Der Beitrag von Abeeku Brew-Hammond und Francis Kumasuor zum Potential der Biobrennstoffe in einigen afrikanischen Ländern zeigt, wo EZA als Technologietransfer Sinn macht. Dieser Beitrag zeigt auch auf, dass Afrika überproportional vom Klimawandel betroffen ist, obwohl ein geringer Anteil CO2 emittiert wurde. Und doch wird gerade in diesem Text deutlich, dass der Staat der entscheidende Akteur ist, der über die Wahl der Strategie für oder gegen Biobrennstoffe entscheidet.
Wer an einem deutschsprachigen Einblick in aktuelle Diskurse um Entwicklung in Afrika interessiert ist, wird in diesem Buch viel Material finden. Zu den Stärken des Buches gehört die Multiperspektivität, denn Afrika wird nicht aus der Sicht der österreichischen Diplomatie definiert. Doch das Buch hat auch seine Schwächen: Jeder Sammelband ist immer ein Kompromiss und nicht jeder Beitrag wurde vom Rezensenten mit Genuss gelesen. Einigen Beiträgen ist eine diplomatische Ausdrucksweise eigen, sodass auf eine eigenartig konfliktlose Art von den zahlreichen Konflikten die Rede ist, die Afrika herausfordern. Man muss schon zwischen den Zeilen lesen, um die Schärfen der Ansagen herauszulesen.

Wer dies aber vermag, der wird viel über die aktuelle politische und ökonomische Realität dieses Kontinents erfahren. Immerhin plaudern hier DiplomatInnen auch ein wenig aus dem Nähkästchen, wenn auch auf ihre Art.    


Nachbar Afrika. Dimensionen eines Kontinents
Herausgegeben von Georg Lennkh, Irene Freudenschuss-Reichl
ISBN 9783851659290
316 Seiten
Preis 39,- EUR



Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums und Lektor an der Universität Wien.
Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at 

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