Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung IV

15.06.2010 | Helmuth Hartmeyer
Für die Entwicklung kritischen Bewusstseins und eigenständigen Denkens sind bestimmte Rahmenbedingungen entscheidend. Die Frage nach der Wirksamkeit von Bildung sollte sich daher mehr mit der Gestaltung solcher Bedingungen auseinandersetzen.

Erkenntnisse aus der Erziehungswissenschaft lassen uns die Annahme in Zweifel ziehen, dass wir über Didaktik direkten Zugriff auf das Bewusstsein von Menschen haben (vgl. Scheunpflug 2007). Hinzu kommt, dass unser Lernen durch mehr geprägt ist, als durch den jeweils unmittelbaren Bildungsvorgang bzw. durch die Bereitstellung von Wissen. So haben auch unsere Veranlagungen, unsere soziale und wirtschaftliche Lage, unsere physischen und psychischen Möglichkeiten und Grenzen, unsere Bedürfnisse, unsere Erwartungen an das Leben entscheidenden Einfluss.

Bedingungen von Lernen

Um die Wirksamkeit eines Bildungsvorhabens einschätzen zu können, ist es deshalb nicht zielführend, das Ergebnis bei den Lernenden selbst messen zu wollen, sondern es macht mehr Sinn, die Bedingungen einzuschätzen, die Lernen fördern:

o    Wenn wir möchten, dass die Anliegen und Interessen aller an einem Bildungsvorgang Beteiligten ernst genommen werden, stehen ihre Lebenswirklichkeiten und lebensgeschichtlichen Erfahrungen im Mittelpunkt?
o    Wenn Bildung ein sozialer Prozess sein soll, mit wem wird zusammengearbeitet und unter welchen Bedingungen?
o    Wenn wir möchten, dass Dialog stattfindet, wird ihm genügend Zeit und Raum gegeben?
o    Wenn sich eine Organisation als lernende Organisation versteht, welchen Stellenwert nehmen Reflexion und Evaluation ein?

Bildung als Ware


Der Erfolg von Bildung wird in der Regel an den Leistungen der Einzelnen, an ihrer Arbeitsmarktfähigkeit, ihren EDV- und Sprachkenntnissen, ihrer Problemlösungskapazität gemessen (vgl. OECD 2005). Bildung soll einen volkswirtschaftlichen Nutzen haben, so lautet die übliche Zielsetzung. Das hat dazu geführt, dass Bildungsorganisationen zu Vertriebsstellen für Produkte, zu Dienstleistern wurden. Bildungsplanung und Kontrolle rücken in den Mittelpunkt. Liessmann bezeichnet solche Schemen als Phantasmen der Effizienz, der Verwertbarkeit, [], der Anpassung Gestalten der Unbildung allesamt (Liessmann 2006).

Kreativität und kritisches Bewusstsein bilden

Gerade angesichts der Komplexität in der Weltgesellschaft und des unsicheren Wissens über die Zukunft (Kontingenz) braucht es aber auch eine Bildung, deren Ecken und Enden unmarkiert sind, die Mut, Empathie, Kreativität und das Denken und Handeln in Alternativen fördert. Bildung würde sich damit als Prinzip definieren, das den lebensgeschichtlichen Erfahrungen aller Beteiligten Raum und Zeit geben will, nicht als neuer Lernstoff. Das Ziel wäre Einsicht statt ausschließlicher Wissensanhäufung, denn es ist absurd anzunehmen, dass sich am Ende von Lernprozessen, deren Ziele und Inhalte fremdbestimmt sind, bei den Lernenden plötzlich Selbständigkeit und Entscheidungsfähigkeit einstellen. Bildung sollte deshalb in seinem Kern nicht nur als Wissensvermittlung über Themen verstanden werden, sondern als kritische Auseinandersetzung mit Interessen, Anliegen und Erfahrungen. Zugegeben: dies ist kaum messbar.
Bildung ist und bleibt ein Wagnis. Bildung soll nicht Wege verschließen, sondern Chancen eröffnen. Es geht um Ent- statt Verdecken, um Suchen und Finden. Die Interessen, Erfahrungen und Kompetenzen aller an einem solchen Lernprozess Beteiligten sollten darin ihren Ort haben. Durch die Einübung von Zusammenarbeit und Zusammenleben können Solidarität und soziale Tugenden gefördert und die Fähigkeit zu einem kooperativen Vorgehen auch im Alltag gestärkt werden. Es sollte somit auf ein Verständnis von Bildung gebaut werden, das den ganzen Menschen mit seinen Möglichkeiten und Grenzen berücksichtigt. Das Ziel wären Bildungsprozesse, die den Menschen Vertrauen, Selbstbewusstsein, Gestaltungswillen und Lebensfreude gewähren. Wie passt das aber in ein Logical Framework?

Funktionalisierung von Bildung


Zu oft wird Lernen als Funktion um zu definiert: Die Instrumentalisierung von Menschen steht dabei im Vordergrund, ihr Regelwissen und Anwendungskönnen. Der Philosoph Wolfgang Müller-Funk nennt den Nutzen den großen Tyrannen unserer Zeit (vgl. Müller-Funk 2005: 27). Markt und Technologie bestimmen den Inhalt. Die Menschen sollen sich an die Veränderungs- und Entwicklungsschübe, die durch sich rasch ändernde Marktverhältnisse und der Rationalisierung dienende technologische Innovationen ausgelöst werden, anpassen. Der Arbeitsmarkt hat dafür schon den Begriff des lebensbegleitenden Lernens gefunden. Dabei geht es jedoch um die Benutzung des Menschen, aber nicht um Selbstbestimmung und eigene Gestaltung. Der Einsatz der Neuen Informationstechnologien verspricht den sicheren, schnellen und bequemen Wissenserwerb ein gegenteiliger Ansatz zu einem Verständnis von Lernen als etwas Langsames, Überraschendes, Mühsames.

selbst bestimmte Bildung

Bildung sollte die Fähigkeit fördern, aus der Sicherheit der eigenen Identität heraus mit anderen Menschen in offenen Kontakt zu treten, dialogfähig zu sein und die Welt aus der Sicht anderer betrachten zu können. Es sollte schließlich ein Ziel sein, auf der Basis verschiedener Betrachtungsweisen sich eine Meinung zu bilden und Handlungen zu setzen (Hartmeyer 2007). Bildung und Kompetenzen können jedoch nicht vermittelt, sondern nur von den Lernenden selbst erworben werden. Erkenntnisse aus der Reformpädagogik haben dazu beigetragen, dass das zunächst fast ungebrochene Vertrauen in die Allmacht von Aufklärung und Informationsvermittlung in Zweifel gezogen und dem eigenständigen Wissenserwerb und der Herausbildung von Kompetenzen seitdem stärker das Wort geredet wird. Dies legt den Schluss nahe, nicht im Menschen selbst eine bestimmte Haltung oder Schlussfolgerung erzeugen zu wollen (Sartre nennt es das Verdauungs- oder Ernährungskonzept der Bildung, nach welchem dem/der SchülerIn die Erkenntnis vom/von der LehrerIn gefüttert wird, Sartre 1965: 106-108), sondern Lernbedingungen zu erschaffen, die den Erwerb jener Orientierung und Kompetenzen ermöglichen, die für die Gestaltung einer sozial gerechten Weltgesellschaft ein Erfordernis sind. Die eingangs erwähnten vier Fragen können helfen, die Wirksamkeit dieser Herangehensweise zu überprüfen.

Der Autor ist Leiter der Abteilung Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung in Österreich der Austrian Development Agency (ADA).  Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.



Literaturhinweise:


Hartmeyer, Helmuth: Die Welt in Erfahrung bringen. Frankfurt am Main-London 2007.
Liessmann, Konrad Paul: Theorie der Unbildung. Wien 2006.
Müller-Funk, Wolfgang: Vom Nutzen und Nachteil der Bildung fürs Leben. In: Der Standard, 31.8.2005, S.27
OECD: Definition und Auswahl von Schlüsselkompetenzen. Paris 2005.
Sartre, Jean-Paul: Situationen. Reinbek 1965, S.106-108.
Scheunpflug, Annette: Die konzeptionelle Weiterentwicklung des Globalen Lernens. In: VENRO (Hg.): Jahrbuch Globales Lernen 2007/2008. Bonn 2007, S.11-27.

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