Nun ist es amtlich: Auch HauptschülerInnen können forschen. Dies ist zumindest die Einschätzung einer Jury des Wissenschaftsministeriums. Im Rahmen von Sparkling Science, einer Initiative zur Förderung der Zusammenarbeit von Schule und Universität, prämierte das Ministerium das Projekt "Dialog und Konflikt der Kulturen" mit einer Forschungsprämie von € 5000.
Zum dritten Mal findet im Rahmen von "Hauptschule trifft Hochschule" eine gemeinsame Initiative der Kooperativen Mittelschule (KMS) 18 der Wirtschaftsuniversität Wien und dem Paulo Freire Zentrum statt. Weil es um Dialog aber auch um gemeinsames Forschen geht, haben heuer erstmals die SchülerInnen und Studierenden das letzte Wort gehabt, was und wie geforscht wird.
Die Schule als Schauplatz von Dialog und Konflikt
Dialog von Kulturen ist in aller Munde. Umgekehrt ist der Kampf der Kulturen, der von Samuel Huntington werbewirksam propagiert wurde, zu einem Slogan geworden, mit dem Kulturkonflikte als gefährlich und bedrohlich dargestellt werden: Sei dies die ökonomische Macht Chinas oder das Bevölkerungswachstum islamischer Völker. Dialog und Konflikt der Kulturen ist eines der großen Themen der Weltentwicklung. Doch es ist auch ein Thema alltäglicher Freuden und Unmuts, sei dies beim Kebabstand oder unter randalierenden Fußballfans.
Viele SchülerInnen europäischer Großstädte sind mittlerweile ExpertInnen für interkulturelle Konflikte und Dialog. Sie sind mit einer Fülle an Erfahrungswissen ausgestattet, das für die wissenschaftliche Erforschung dieses gesellschaftlich und politisch wichtigen Themas genutzt werden kann. Doch für die KMS Schopenhauerstraße ist dieses Thema besonders brisant, denn sie weist einen 90%igen SchülerInnenanteil mit Migrationshintergrund auf und 86 % Prozent der SchülerInnen haben nicht Deutsch als Muttersprache. Kinder mit unterschiedlicher kultureller Herkunft treffen sich und kulturelle Unterschiede müssen tagtäglich neu verhandelt und gelöst werden. Verdrängte Kleinigkeiten können langfristig zu echten Problemen werden.
Das Projekt findet erneut im Rahmen einer Lehrveranstaltung von Andreas Novy und Lukas Lengauer statt, bei der die Studierenden eigenständig und dialogisch ein Forschungsprojekt durchführen. Seitens der Schule wird die Arbeit vieler engagierter LehrerInnen von der Direktorin Erika Tiefenbacher, und den LehrerInnen Gerda Reisner und Göksel Yilmaz koordiniert. Die SchülerInnen versuchten in drei Projekttagen im April 2008, das Thema, das ihnen unterbewusst alltäglich begegnet, systematisch zu erfassen und zu reflektieren. Jeweils ein LehrerInnenteam pro Klasse hat mit den Kindern intensiv gearbeitet. In diesem Rahmen ist ein selbst gedrehter Film entstanden, den man auf der Website der KMS Schopenhauerstraße abrufen kann.
Neben zahlreichen Plakaten erarbeiteten die SchülerInnen auch ein mehrsprachiges Kochbuch, indem alle häufig verwendeten Wörter der Küchensprache in unterschiedliche Sprachen übersetzt wurden. Nach den Projekttagen mit den LehrerInnen konnten die Kinder entscheiden, ob sie sich mit StudentInnen intensiver diesen Themen widmen wollen.
Die StudentInnen hatten sich gleichzeitig in Gruppen geteilt, einführende Texte zu Theorie und Methodik gelesen und sich vorläufig auf ein Forschungsthema geeinigt. Mitte April fand dann das erste Zusammentreffen von "HochschülerInnen" und "HauptschülerInnen" statt. Rund vierzig SchülerInnen fanden sich im Turnsaal der Schule ein und eröffneten die Zusammenarbeit mit der Vorführung eines bei den Projekttagen selbst erarbeiteten mehrsprachigen Theaterstücks "Aschenbrödel". Um es den ZuschauerInnen nicht zu schwer zu machen, gab es zuerst einen Durchgang auf Deutsch, ehe alle DarstellerInnen im zweiten Durchgang in ihren jeweiligen Muttersprachen – russisch, serbisch, koreanisch - schauspielten. Angesichts dieser babylonischen Sprachenvielfalt verstanden alle fast gar nichts – wäre der Inhalt nicht vorher schon auf Deutsch vorgetragen worden. Deutsch verbindet! Doch sind deshalb alle anderen Sprachen zweitrangig?
Forschen als spiralförmiger Lernprozess
Im Anschluss präsentierte jede StudentInnengruppe ein allgemeines Forschungsthema – Liebesbeziehungen, Netzwerke, Sprache, usw. - mit Hilfe eines Plakats. Die SchülerInnen suchten das für sie interessanteste Thema aus. Rasch bildeten sich Gruppen aus Haupt- und Hochschule. Von nun an waren die sich zusammengefundenen StudentInnen- und SchülerInnengruppen sich selbst überlassen, mussten sich organisieren und eigenständig Treffpunkte vereinbaren. Das Forschen war als Kreislauf, besser gesagt als Spirale organisiert. Input und Feedback führten in immer neuen Schleifen zum Verfeinern des Problemverständnisses. Die Lehrveranstaltungsleitung übernahmen Coaching-Funktionen und begleiteten die Gruppenarbeit mit regelmäßigem Feedback. Auch durch das Wissen, die Erfahrungen und die Interessen der SchülerInnen änderte sich in mehreren Gruppen der Fokus der Gruppenforschung. Bei einer Exkursion der HauptschülerInnen auf die Wirtschaftsuniversität kamen schließlich alle TeilnehmerInnen des Projekts zusammen.
Kultur verbinden wir mit Altem und Beständigem. So besuchte eine der Gruppen aus Studierenden und SchülerInnen die Tutanchamun-Ausstellung im Museum für Völkerkunde, eine einzigartige Erfahrung für die Kinder, die zwar schon einiges über das alte Ägypten gelernt, aber noch nie in dieser Nähe und Intensität erlebt hatten. Doch ist Kultur nur, was alt ist? Wird Kultur nicht auch tagtäglich gelebt, gesprochen und verändert? Die Erfahrung mit Hochkultur, dem ehrfürchtigen Studium vergangener Glanzleistungen, darf nicht übersehen, dass sich Kulturen bewegen. Aus diesem Grund wurden die Erfahrungen mit Hochkultur dem Erleben von Alltagskultur, wie sie im Park und beim Spielen praktiziert wird gegenübergestellt. Eine andere Forschungsgruppe widmet sich der Frage, ob Mehrsprachigkeit eine Last oder eine Chance ist, wobei in Berufsfeldern, die für HauptschülerInnen in Frage kommen, oft schlechtes Deutsch als negativ, Mehrsprachigkeit aber nicht als Vorteil gesehen wird.
Eine dritte Gruppe beschäftigt sich mit den sozialen Beziehungen und persönlichen Netzwerken der SchülerInnen. Beim Interviewen kam es dann zum Rollentausch, die SchülerInnen wurden zu Forschenden, die Studierenden zu den Befragten. Die Interviewtechnik einmal erprobt, traten die SchülerInnen in Kontakt mit Verwandten oder Freunden und führten selbstständig auch ein Interview durch. Sogar den Besuch eines Filmteams, das für Sparkling Science einen Spot über die Schule gedreht hat, nutzen die SchülerInnen als Gelegenheit und übernahmen die Moderatorenrolle. Aus Forschungsobjekten wurden Forschende. Welche Schule kann das schon berichten?
Die Autorin studiert Sozioökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien und ist als Tutorin der Lehrveranstaltung Praktikantin des Paulo Freire Zentrums.
HauptschülerInnen beginnen zu forschen
26.06.2008 |
Das Kooperationsprojekt "Hauptschule trifft Hochschule" widmet sich heuer dem Thema "Dialog und Konflikt der Kulturen". Gemeinsam erarbeiten Kinder und Studierende Einsichten in die vielfältige Welt der Kulturbegegnungen.







