Die HerausgeberInnen wollten mit diesem Buch Rassismus nicht nur als vielschichtiges sondern als vielgesichtiges
Phänomen analysieren, erklärte Arno Sonderegger eingangs. Sie seien
bemüht gewesen, wissenschaftliche Beiträge zu Rassismus zu
veröffentlichen, in denen selten betrachtete Räume und AkteurInnen im
Vordergrund stünden.
Dazu zähle der Artikel "Rassismus und
Entwicklungszusammenarbeit" von Aram Ziai, die bislang einzige
veröffentlichte Arbeit zu diesem Thema in deutscher Sprache.
Rasse und Rassismus
Sonderegger präsentierte seinen eigenen Artikel, der den wissenschaftlichen Diskurs über Rasse und Rassismus beleuchtet. Die Hauptschwierigkeit einer Definition von Rassismus komme aus der Geschichte des Begriffs, der als politischer Kampfbegriff seinen Höhepunkt in den 1920/30er Jahren erreicht habe. Dies habe sich im Antisemitismus und dem nationalsozialistischen Rassenwahn, der afroamerikanischen Diskriminierung im US-Amerikanischen Raum, dem südafrikanischen Apartheidsregime und der kolonialen Unterdrückung geäußert. In allen Fällen seien gewisse Segmente der Gesellschaft gesondert behandelt worden, deren prekäre Situation als "natürlich" empfunden worden sei.
Das Phänomen des Rassismus und der Diskriminierung bedeute für bestimmte Menschen den sozialen Ausschluss und eine von der unterdrückenden Macht konstruierte Hierarchie. Letztere legitimierte sich, indem sie bestimmten Menschen bestimmte angeborene oder natürliche Eigenschaften zuschreibt (z.B.: Menschen mit Schwarzer Hautfarbe haben ein angeborenes Talent für rhythmisches Tanzen und Trommeln).
In dieses Schema falle aber auch der "Rassismus ohne Rassen", eine Form des Rassismus, die sich nicht von der Hautfarbe, sondern von Faktoren wie Reichtum/Armut, Analphabetismus usw. herleitet.
Der Begriff "Rasse" sei 1950 von der UNESCO-Arbeitsgruppe als künstlerische Ordnungsidee, die die biologische Realität nicht erfasst, sondern Herrschaftsideen erfasst, definiert worden. Somit wurde die biologische Ungleichheit, der viele Rassentheorien zugrunde liegen, widerlegt. Doch auch damit und mit der Verbannung des Wortes "Rasse" aus dem wissenschaftlichen deutschen Sprachgebrauch verschwand der Rassismus keineswegs. Die zwei Strukturen, die der Begriff bezeichnet, der soziale Ausschluss und dessen Rationalisierung (etwas als natürlich ansehen), seien heute noch prekäre Realität.
Alltag in Brasilien
In Brasilien gibt es den Mythos der brasilianischen Demokracia Racial: die Rassenidee verursache keinen Rassismus, denn der brasilianische Rassismus sei "anders". Was das für die Menschen bedeutet schilderte Bea Gomes. Sie begann ihren Vortrag mit einer detaillierten Beschreibung der brasilianischen Volkszählung. Demnach müssen sich die BürgerInnen aufgrund ihrer Hautfarbe definieren, wobei sie zwischen fünf Definitionen (Parda, Preta, Branca, Amarela, Indigena) wählen müssen, die entweder als "cor" (port.: Farbe; gilt für die ersten vier) oder als "raca" (port.: Rasse; gilt für Indigena) kategorisiert werden. Aufgrund dieser Kategorisierung werden bestimmte "Ethnien" anders behandelt.
Es seien Studien durchgeführt worden, die die Ungleichheit zwischen den kategorisierten Gruppen in Brasilien belegten. Beispielsweise hätten die brancas (übersetzt: "die Weißen") Privilegien in der Hochschulaufnahme. Außerdem würden die Pretas und Pardas, so werden offiziell BürgerInnen mit dunkler Hautfarbe bezeichnet, durchschnittlich die Hälfte ihrer "weißen" MitbürgerInnen verdienen.
Diese Kultur des Rassismus habe in jüngster Zeit zu bedenklichen Entwicklungen geführt, wie Quotenregelung an einigen Universitäten in Brasilien. Dabei verpflichte sich die Universität, eine bestimmte Quote an Pretas aufzunehmen. Müssen etwa grundsätzlich UniversitätsanwärterInnen 120 Punkte beim Einstiegstest erreichen, würde für jene, die sich als Pretas bezeichnen, rund die Hälfte der Punkte ausreichen. Dieses System führe zu weiteren Maßnahmen: da sich einige Studenten als Reaktion auf die Regelung als Pretas bezeichnen wollten, wurde in der Universität von Brasilia eine Kommission eingerichtet, die mit Hilfe eines Fotoapparates die Hautfarbe der Studenten festhält, um "Fehler" zu unterbinden.
Um ähnliche Systeme zu vermeiden, betonte Bea Gomes, sollten antirassistische Maßnahmen zwei Schwerpunkte haben: Entnaturalisierung und affirmative action als Antirassismusstrategie.
Ein heikles Thema
Stellen Sie sich vor, eine Studentin aus Bangladesch käme für ein Jahr nach Österreich, um hier zu studieren. Sie schriebe ihre Dissertation über irgendeinen Aspekt Österreichs, vielleicht eine Gesellschaftsanalyse. Und stellen Sie sich vor, genau diese Studentin werde nach dem Abschluss ihres Studiums in ihrer Heimat, aufgrund dieser Studie zu Österreich, zur Expertin für Europa ernannt. Sie würde auf Grund dessen auf internationale Kongresse eingeladen, um über die europäische Entwicklung zu urteilen. Würde Ihnen das gefallen?
Genau dies, so erklärte Aram Ziai, geschehe derzeit im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit.
Aram Ziai untersucht in seinem Artikel den Zusammenhang von Rassismus und Entwicklungszusammenarbeit im aktuellen Diskurs. Seine These: Rassismus in der EZA ist lange nicht überwunden. Das Thema des Rassismus in der EZA sei in der Öffentlichkeit meist tabu, würden sich die GeberInnen anderenfalls ja selbst als UrheberInnen von Rassismus entlarven. Denn es fänden sich immer wieder rassistische Denkmuster. Der Autor bezeichnete dies als zentralen Dualismus eines überlegenen und unterlegenen Akteurs. Dabei sei die Norm der Minderwertigkeit an ein lineares Entwicklungskonzept gebunden, das von der "Verzeitlichung kultureller Unterschiede" ausgehe. So bezeichnete der Autor jenes Phasenkonzept, das davon ausgeht, Entwicklungsländer befänden sich in verschiedenen Entwicklungsphasen, die mit Phasen der europäischen Geschichte vergleichbar wären (so befänden sich beispielsweise nicht säkularisierte Staaten im "Mittelalter" usw.).
Das Projekt der Zivilisierung der Unzivilisierten werde heute als Entwicklungsprojekt mit Hilfe so genannter ExpertInnen weitergeführt. Man müsse Entwicklungsländern helfen, sich zu entwickeln. Hilfe zur Selbsthilfe und wirtschaftliche Hilfe leisten, sind Konzepte, die unhinterfragt gut gemeint scheinen. Deshalb sei Rassismus in der EZA, entgegen der Mainstream- Literatur, die ihn als überwunden sieht, noch allgegenwärtig.
Zum Nachdenken
Die Veranstaltung verdeutlichte die Wichtigkeit, Rassismus als vielgesichtiges Problem aufzufassen und eine Mitte zwischen konkreten Beispielen und breiter Anschauung zu finden. Die Aufarbeitung eines der folgenreichsten Phänomene der Menschheit und dessen Auswirkungen in der jüngsten Vergangenheit könnten dazu beitragen, die Zukunft anders als bisher zu gestalten.
+ Siehe auch: Rassismus und Integration
Bea Gomes, Walter Schicho, Arno Sonderegger (Hg.): Rassismus. Beiträge
zu einem vielgesichtigen Phänomen. Mandelbaum: Wien, 2007. (=GEP 10) 293 Seiten, 14 EUR.
ISBN: 978-3-85476-238-6
Rassismus. Beiträge zu einem vielgesichtigen Phänomen.
Zwei HerausgeberInnen und ein Autor präsentierten am 20. Mai 2008 im Europasaal des Lateinamerika-Instituts das Buch "Rassismus. Beiträge zu einem vielgesichtigen Phänomen.", herausgegeben von Bea Gomes, Walter Schicho und Arno Sonderegger.
Kategorien:
- Texttyp: Bücher







