Akademisches Wissen für alle

Incubadoras versuchen universitäres Wissen auch den am meisten benachteiligten Gesellschaftsschichten zugänglich zu machen. Die beiden Autorinnen besuchten die Incubadora der Universidade Federal de São Carlos.
Eine der vordringlichen Aufgaben von Universitäten ist es, nicht nur bereits bestehendes Wissen an angehende AkademikerInnen zu vermitteln, sondern durch Forschung auch neues Wissen zu schaffen. Da öffentliche Universitäten durch Steuergelder und damit von der gesamten Gesellschaft finanziert werden, sollten Forschungsergebnisse auch allen Gesellschaftsschichten zugute kommen. Die Incubadoras, die an zahlreichen brasilianischen Universitäten bestehen, sind der Versuch, dieses Wissen auch den am meisten benachteiligten Gesellschaftsschichten zugänglich zu machen.

Incubadoras – universitäre "Brutkästen" für solidarökonomische Betriebe

Die allererste der Incubadoras Tecnicas de Cooperatives Populares wurde 1998 an der Universidade Federal de Rio de Janeiro gegründet. Incubadoras sind Gruppen engagierter ProfessorInnen, StudentInnen und UniversitätsmitarbeiterInnen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Lebenssituation benachteiligter Gesellschaftsschichten zu verbessern. Sie suchen den Kontakt zu Gruppen von Arbeitslosen, BewohnerInnen von Favelas, jungen Frauen und anderen benachteiligten Menschen und unterstützen diese dabei, solidarökonomische Kooperativen zu gründen und zu betreiben.

Diese unterscheiden sich fundamental von herkömmlichen kapitalistischen Unternehmen: demokratische Entscheidungsfindung, Selbstverwaltung und Partizipation aller Mitarbeitenden bestimmen den Arbeitsalltag. Gewinne werden nach einem gemeinsam vereinbarten Schlüssel untereinander aufgeteilt, die Einstellung neuer MitarbeiterInnen hängt nicht unbedingt nur von der Qualifikation, sondern auch von der jeweiligen sozialen Situation ab.

Viele MitarbeiterInnen solidarökonomischer Kooperativen, wie zum Beispiel Beth, die in der Tischlerei-Kooperative Madeirarte arbeitet, betonen immer wieder, dass sie erst durch diese Grundbedingungen gelernt haben, solidarisch in einem Team zu arbeiten und sich selbst als handlungsfähige Individuen zu begreifen.

MitarbeiterInnen von Incubadoras begleiten die Gruppen vom Zeitpunkt ihrer Gründung an und versorgen sie einerseits mit dem nötigen technologischen, juristischen und betriebswirtschaftlichen Wissen. Mindestens so wichtig sind aber hitzige Diskussionen über Werte der Solidarökonomie im Unterschied zur kapitalistischen Wirtschaft, die Reflexion der eigenen Aktivitäten und den damit verbundenen Veränderungen sozialer Beziehungen und die Auswirkungen auf die eigene Lebensrealität. Incubadoras betreiben auf diese Art nicht nur Wissenstransfer, sondern tragen auch – ganz im Sinne emanzipatorischer Erwachsenenbildung – zur Entwicklung eines kritischen Bewusstseins bei.

São Carlos: eine Incubadora im Hinterland von São Paulo

Gestern noch in Wien, heute in São Carlos. Nach einer mehr als 24-stündigen Reise sind wir von der Belegschaft der Incubadora an der staatlichen Universität in São Carlos herzlich begrüßt worden. Insgesamt arbeiten rund zwanzig Personen mit: drei ProfessorInnen und eine ganze Reihe StudentInnen aus verschiedenen Disziplinen und Studienabschnitten. Der Überhang an Frauen ist derart augenscheinlich, dass wir uns die Frage nach dem Grund dafür nicht verkneifen konnten. Die Antworten waren nicht weiter überraschend: Macht, Geld und Prestige spielen keine Rolle, dafür muss viel Engagement, Einfühlungsvermögen und Arbeit aufgebracht werden.

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Der Sitz der Incubadora in São Carlos (links) und (darin) während einer Sitzung (rechts). (Photos: Michaela Hauer und Pia Lichtblau)

Insgesamt wird an sieben Projekten gearbeitet, deren Fokus klar auf der Stärkung der einzelnen Betriebe liegt: Cooperlimp ist eine Gebäudereinigungskooperative mit rund 260 MitarbeiterInnen. Sacoleco verbindet die Stärkung einer kleinen Schneiderei mit einem ökologischen Gedanken: die Kooperative stellt hübsche Einkaufstaschen aus Stoff oder Recyclingmaterialien her, die herkömmliche Plastiksackerl ersetzen sollen. Das Projekt versucht mit ökologischer Bildungsarbeit Umweltbewusstsein zu schaffen. In drei Mülltrennungskooperativen bereiten jeweils rund fünfzehn Personen Plastik- und Papierabfälle für die Wiederverwertung vor. Coopercook ist eine Koch-Kooperative, die demnächst eine eigene Großküche eröffnen wird. Dort soll für das eigene Restaurant und Kantinen in öffentlichen Einrichtungen gekocht werden. Recriart ist eine Gruppe von Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Problemen, die sich auf die Herstellung von handgeschöpftem Papier spezialisiert haben.

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Beim Papierschöpfen in der Initiative Recriart. (Photos: Michaela Hauer und Pia Lichtblau)

Die kooperative Tischlerei Madeiarte stellt neben Fenstern und Türen auch verschiedenste Möbelstücke her. Die Vermarktungsinitiative Consumosol organisiert wöchentlich einen kleinen Markt, auf dem Produkte aus den Kooperativen verkauft werden.

Die MitarbeiterInnen der Incubadora sehen in den Kooperativen in erster Linie eine Möglichkeit, die konkreten Lebenssituationen der jeweiligen Mitglieder wesentlich zu verbessern. Dabei wird immer auch versucht, solidarökonomische Werte zu vermitteln. Dem Anspruch von educação popular, einen Dialog auf gleicher Ebene zu initiieren, wird dabei aber nur in Ansätzen entsprochen. Luciana, eine Leiterin der Incubadora fasst diese Erkenntnis in den Worten zusammen: "Eigentlich betreiben wir Intervention und nicht Interaktion."

Solidarökonomie – eine große Bewegung?

Zehn Tage lang haben wir intensiv mit der Incubadora mitgelebt. Die ständigen Diskussionen rund um das Thema Solidarökonomie, der Kontakt mit MitarbeiterInnen von Kooperativen lassen leicht den Eindruck entstehen, dass die Solidarökonomie in Brasilien tatsächlich eine relevante politische Bewegung ist. Gespräche mit zufälligen Bekanntschaften wirken da aber ernüchternd: Leider mussten wir schnell erkennen, dass die Solidarökonomie in der breiten Bevölkerung noch völlig unbekannt ist.

Die Autorinnen sind ehrenamtliche Mitarbeiterinnen des Freire-Zentrums für das Forschungsprojekt in Brasilien.

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