"In eine andere Sozialstruktur hineinschnuppern"

28.06.2007 | Thomas Bernhardt
Seit dem Sommersemester 2006 läuft unter dem Motto "Hauptschule trifft Hochschule" ein Projekt, das SchülerInnen der Kooperativen Mittelschule 18 und StudentInnen der WU Wien zusammenbringt. Im Gespräch erläutert Direktorin Erika Tiefenbacher die Perspektive der Schule.

Wie kam das Projekt zustande?

Das Projekt kam zustande, weil ich Andreas Novy, den wissenschaftlichen Leiter des Freire-Zentrums, aus meiner Zeit bei BAOBAB kenne. Er ist an mich herangetreten, ein Projekt in Zusammenarbeit mit einer Hauptschule, jetzt Kooperative Mittelschule genannt, zu machen. Ziel war es, internationale Entwicklung zu vermitteln. Einen Satz von ihm habe ich noch lebhaft in Erinnerung: "Meine StudentInnen glauben, Entwicklungszusammenarbeit betrifft Afrika, Asien, Lateinamerika, und ich möchte ihnen zeigen, dass sie schon im tiefsten Währing passiert bzw. möglich ist." Ich habe hier an der Schule vor allem MigrantInnenkinder, 85 Prozent von ihnen sprechen zu Hause nicht Deutsch. Das war eine ideale Basis für seine Studienzwecke. Ich habe dann gesagt: Was ich nicht will, ist, dass seine StudentInnen an meinen SchülerInnen Feldforschung betreiben, sondern es muss in irgendeiner Form eine Kooperation sein.

Was ist das Ziel des Projektes und die Intention dahinter? Was erhofften sich Sie persönlich aus dem Projekt?

Voriges Jahr lautete das Thema des Projektes "Heimat". Wenn sie mit SchülerInnen reden, die verschiedene Heimaten haben, kann der Heimatbegriff von den StudentInnen ganz anders erlebt und erforscht werden als rein in der Theorie. Das ist der Aspekt, der eher die Universität betrifft. Für mich als Schulleiterin ist es andererseits eine Bereicherung, wenn StudentInnen zusammen mit den SchülerInnen zu einem Thema arbeiten, weil es den Unterricht auflockert, weil es eine einmalige Kontaktmöglichkeit ist, weil die SchülerInnen wenig Kontakt zu Studierenden haben, weil sie in eine andere Sozialstruktur hineinschnuppern können. Das ist gegenseitig bereichernd. Es bringt den SchülerInnen sehr viel, sich Fragen für Interviews zu überlegen, sich mit den Studierenden zu besprechen und dann auf die Straße zu gehen. Das steigert das Selbstwertgefühl der SchülerInnen. Mit den StudentInnen auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten, etwas gemeinsam zu gestalten, um ein gelungenes Endprodukt zu liefern, und nicht dem/der LehrerIn verpflichtet zu sein, ist eine innovative Methode. Außerdem gibt es immer ein Sommerfest, wo die Produkte dieses Projektes vor einem größeren Publikum präsentiert werden können. Das heißt, das ist auch eine öffentlichkeitswirksame Arbeit. Dieser Standort ist verschrien als "Ausländerschule". Österreichische Eltern schicken ihre Kinder nur ganz selten her. Und wenn, dann sind sie von sozial sehr schwachen Familien. Dieses Image aufzubessern, dass man die KMS Schopenhauerstraße im Bezirksblatt findet oder dass Interessierte kommen, die nachfragen und Interviews machen, schafft einen anderen Zugang, sowohl, wenn man dies als Elternteil oder AnrainerIn liest, als auch für die LehrerInnen hier. Weil hier ist der Frust auch sehr groß.

Zusammenarbeit StudentInnen und SchülerInnen

Die SchülerInnen werden in einer Form ernst genommen, wo ich manchmal das Gefühl habe, das tut niemand mit ihnen zuhause. Über etwas diskutieren, sie irgendwo hinführen, gemeinsam etwas entdecken in einer Kleingruppe. Man hat gemerkt, dass auch SchülerInnen, die in der Schule problematisch sind, die schulisch immer wieder auf dem Abstellgleis stehen, plötzlich Initiative zeigen und von sich aus in ihrer Freizeit zusätzlich etwas machen. In den meisten Fällen sind beide Eltern berufstätig und es kümmert sich niemand um die Kinder. Hier haben sie eine Aufgabe, in der sie Anerkennung finden. Das geschieht ganz selten, auch in der Schule. Wenn man merkt, welchen sozialen Background die Kinder haben, kommen wir uns mit unseren schulischen Forderungen lächerlich vor.

Wie ist das Projekt von den Beteiligten, also von den SchülerInnen, den LehrerInnen, den Eltern, den Behörden aufgenommen worden ist?

Ich fange mit den Behörden an. Der Obmann des Hauptelternverbandes von ganz Wien hat die Zustimmung der Eltern eingeholt und auch der Elternvereinsobmann hat dem Projekt zugestimmt. Die Eltern haben sich schließlich schriftlich einverstanden erklärt. Da sehe ich keine Hürden, weder bei den Behörden, noch bei den Eltern. Von den LehrerInnen gibt es jedoch schon immer wieder Widerstand. Sie meinen, es sei dann nicht die ganze Klasse da, das Projekt dauere nicht nur drei Tage, sondern länger. Ich denke, das gibt es in jedem Betrieb. Es gibt LehrerInnen, die sich gerne daran beteiligen, und LehrerInnen, die sagen: "Dafür bin ich nicht zuständig, das will ich nicht, ich mache meinen Unterricht." Auf Seiten der SchülerInnen herrscht natürlich große Begeisterung. Für ein Projekt zu arbeiten oder für ein Ziel, für das Sommerfest, um dort etwas zu präsentieren, da sind sie immer dabei.

Was wurde und wird gelernt bei dem Projekt? Was haben Sie selbst bisher mitgenommen, was die SchülerInnen, was die LehrerInnen?

Vom aktuellen Projekt "Unser Bezirk Währing" kann ich das noch nicht sagen. Beim ersten Projekt zum Thema "Heimat" habe ich selbst öfter in den Klassen unterrichtet. Das Thema "Heimat" wurde, glaube ich, noch nie so intensiv von den SchülerInnen behandelt. JedeR hatte etwas zu sagen. Nachzufragen, wo ist ihre Heimat oder welche Gefühle sie damit verbinden, hat sie persönlich betroffen gemacht. Das hat für sie selber einen Denkprozess ausgelöst. Das habe ich oftmals erlebt. Sie waren sehr bereit, sich auf das Thema einzulassen.

Gab bzw. gibt es eine Resonanz über die Schule hinaus?

Ja. Ich bin z.B. bei einem Lehrgang, an dem 270 SchulleiterInnen aus ganz Österreich sowie VertreterInnen des Ministeriums und die verschiedenen Landes- und StadtschulrätInnen teilnehmen. Von diesen 270 Projekten sind zehn ausgesucht worden, um im großen Plenum vorgestellt zu werden. Unseres ist offenbar ein so ein interessantes Projekt, allein schon von der Überschrift "Hauptschule trifft Hochschule", dass es ausgewählt wurde. Nachdem es viele gute Projekte gab, hat mich die Resonanz für unser Projekt doch erstaunt. Auch der Stadtschulrat hat positiv zurückgemeldet, dass er sich freut, dass das Projekt so gut läuft. Der Elternvereinsobmann ist ebenfalls ganz angetan.

Zum Abschluss: In welcher Beziehung steht das Projekt zu "Globalem Lernen" und "Entwicklungsforschung"?

Ich glaube, es ist ein wirklich guter Ansatz, StudentInnen darauf aufmerksam zu machen, dass es verschiedene Welten auch in Wien gibt. Das "Globale Lernen" ist für mich ein pädagogisches Prinzip, nach dem ich mich in meiner 20jährigen Tätigkeit als Lehrerin gerichtet habe. Ich glaube, dass hier an der Schule "Globales Lernen" in verschiedenen Bereichen stattfindet, was aber noch gefördert werden muss. Dazu zähle ich zum Beispiel den Perspektivenwechsel, wo LehrerInnen in eine andere Position kommen, wenn sie mit den SchülerInnen über Heimat reden. Oder wenn der Bezirk erforscht wird und da gibt es einen Teppichhändler, mit dem sich der persische Schüler unterhalten kann. Das, was vorher noch negativ war, nämlich der Migrationshintergrund des Schülers, wird plötzlich zum Vorteil, von dem wir profitieren. Das sind Ressourcen, die wir nutzen müssen und da ist etwas in Bewegung geraten. Dieses Miteinander, dieses Zusammenleben, dieses Interkulturelle, diese Akzeptanz füreinander ist auch ein Teil des "Globalen Lernens". Also Akzeptanz wird hier gelebt – da brauche ich nicht viel ändern. Es ist ein starker Drang zur Integration bemerkbar. Der ist sowohl bei den SchülerInnen gegeben, die hier in Österreich Fuß fassen und sich ihre Welt aufbauen wollen, als auch bei den LehrerInnen – das ist unser Hauptauftrag.

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