Paulo Freire

Paulo Freire war ein Pädagoge der Befreiung aus Brasilien. Sein Lebenswerk ist der Versuch, durch Volksbildung einen Beitrag zur Befreiung der Unterdrückten zu leisten.

In den 1960er und 1970er Jahren kämpfte er als Lehrer für Gerechtigkeit und Solidarität und damit gegen Unterdrückung. Er war Teil einer breiten Befreiungsbewegung, einer Volksbewegung, die das bestehende Wirtschaftssystem radikal kritisierte: Erst durch die Befreiung vom Kapitalismus, von einem System, das Gewinn und Egoismus verherrlicht, ist eine andere Welt möglich. In Basisinitiativen, in der Kirche, in Gewerkschaften und Parteien fielen diese Ideen auf fruchtbaren Boden.

Die Reaktion der Macht

1964 übernahm die Armee mit einem Militärputsch die Macht. Freire muss für 16 Jahre ins Exil. Er geht nach Chile, wo 1973 mit Unterstützung der US-Regierung geputscht wird. Seine Methode wird in Nicaragua unter den SandinistInnen angewandt. Die LehrerInnen, die seine Methoden anwenden, werden systematisch von Contras ermordet, die von der US-Regierung Reagan finanziert wurden. Große Sympathien hatte Freire auch für Grenada und deren friedliche Revolution. Auch diese Revolution fällt 1985 einer US-Invasion zum Opfer. In der katholischen Kirche fällt Freires Methode in Ungnade, weil der Papst allerorten konservative Bischöfe ernennt. Kurz, mit einer breit angelegten politischen Strategie der Unterdrückung ist es gelungen, die Befreiungsbewegungen zu besiegen. Das Denken Paulo Freires geriet in Vergessenheit. Auch deswegen waren die 1990er Jahre ein Tiefpunkt für all diejenigen, die an Gesellschaftsveränderung interessiert sind. Entwicklung wurde erneut als ein friedlicher und harmonischer Prozess missverstanden, bei dem die Peripherie sich langsam dem Zentrum annähere. Die Ergebnisse dieser harmonischen Entwicklung sind bekannt: 1,1 Milliarden Menschen leben von weniger als einem US-Dollar täglich, 831 Millionen hungern, über 36 Millionen Menschen jährlich verhungern oder sterben an den Folgen von Unterernährung. (1) Entwicklung für alle ist das uneingelöste Versprechen des 20. Jahrhunderts.

Theorie und Praxis

Jede Praxis von Menschen, die gemeinsam etwas verändern wollen, setzt ein gemeinsames Verständnis und ein gemeinsames Wissen über die Welt voraus. Paulo Freire, der eine Praxis der Freiheit einfordert, betont gerade deshalb die Notwendigkeit von Theorien.

"Wie der Unterdrücker eine Theorie der unterdrückerischen Aktion braucht, um zu unterdrücken, so brauchen die Unterdrückten, um frei zu werden, ebenfalls eine Aktionstheorie." (2)

Forschen ist die Anstrengung, die Welt zu verstehen, geleitet vom Bemühen dazu beizutragen, der Unterentwicklung ein Ende zu machen, Freiheit für alle zu ermöglichen.

Paulo Freire verkörpert den engagierten Intellektuellen, der Denken und Lernen für ein großes Ziel miteinander verbindet: dem immer neuen "Auszug aus dem Status Quo" (3). Seine Methode der Bewusstseinsbildung (conscientizacao) zielte darauf, die Welt lesen zu lernen. Von diesem Zugang kann sowohl etwas über das Lernen als auch über das Forschen gelernt werden. Für Freire ist Forschen kein Privileg weniger Wissender, sondern Grundeigenschaft aller Menschen. Die selbstkritische Reflexion der eigenen Praxis ist immer auch eine Form der Erforschung des eigenen Tuns und der Welt, in der wir agieren. Zu Erfahrungswissen gelangen nicht diejenigen, die im stillen Kämmerchen sitzen, sondern diejenigen, die das Wechselspiel von Subjekt und Welt "erforschen".

Renaissance von Freires Ideen: neue Kraft

Die politische Bildungsprogramme Paulo Freires sind vielfach bekämpft und von oben abgeschafft worden. Paulo Freires Ideen sind politisch besiegt worden, doch sie gewinnen gerade dann wieder an Kraft, wenn klar wird, dass die gesellschaftliche Dynamik in die falsche Richtung geht: Wenn Solidarität und Gerechtigkeit im offiziellen Diskurs keine Rolle mehr spielen, wenn die Kluft zwischen arm und reich, oben und unten immer mehr auseinanderklafft, dann wird Befreiung wieder ein wichtiges Konzept. Die letzten 20 Jahre waren nicht nur in der politischen Entwicklung eine Periode des Rückschritts, auch in der Wissenschaft ist zu beobachten, dass diese immer offener in den Dienst der vorherrschenden Interessen gestellt wird. Goethes Mephistopheles beschreibt diese keineswegs neuen Fallen im Wissenschaftsbetrieb sehr klar: "Ich wünschte nicht Euch irrezuführen. Was diese Wissenschaft betrifft, Es ist so schwer, Den falschen Weg zu meiden" (Faust, Teil 1). Paulo Freire hat diesen falschen Weg gemieden, indem sein Denken immer politisch war und immer eine Reflexion über eine Praxis darstellte, die nach Wegen der Befreiung suchte. Deshalb sind die vielen politischen Niederlagen, die er erleiden musste, kein Zeichen seiner Irrelevanz, sondern im Gegenteil Beweis dafür, dass Volksbildung etwas bewegt.




(1) United Nations Development Programme (Hg.): Human Development Report 2004. Cultural Liberty in Today's Diverse World. New York, NY, 2004, S. 129, United Nations Rapporteur on the Right to Food: http://www.righttofood.org/.
(2) Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei Hamburg, 1984 [1970], S. 157.
(3) Ernst Lange: Einführung. In: Freire 1984, S. 9-23, S. 23.