Die imperiale Lebensweise und die Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Transformation

11.04.2017 | Jutta Bichl
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Die Ausbeutung von Mensch und Natur ist nach wie vor im Gange – und sogar im Anstieg. Das kürzlich erschienene Buch „Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“ liefert diesbezüglich nicht nur eine umfassende Krisenbeschreibung, sondern zeigt auch Probleme kapitalistischer Lösungsstrategien auf.


Sozial-ökologische Transformationen jetzt!

Die Autoren Ulrich Brand (Professor für Internationale Politik an der Universität Wien) und Markus Wissen (Professor für Gesellschaftswissenschaften an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin) plädieren in ihrem Buch für eine sozial-ökologische Transformation in Richtung einer solidarischen Lebensweise und geben Anstöße, wie diese geschehen kann. Der Diskurs um einen Wandel bestehender Systeme ist aktuell von großer Relevanz. So befasst sich auch die 7. Österreichische Entwicklungstagung (17. – 19. November 2017 in Graz) mit der Frage nach ökologischer, ökonomischer, kultureller, politischer und sozialer Veränderung. Im Rahmen dieser Tagung sollen einerseits Dialoge und gemeinsame Reflexionen zu Stande kommen und andererseits Netzwerke und Öffentlichkeit für entwicklungspolitische und humanitäre Themenfelder geschaffen werden. Die TeilnehmerInnen sind Personen aus den verschiedensten Bereichen der Entwicklungspolitik sowie globalpolitisch engagierte und interessierte Menschen. Auch Ulrich Brand wird als Referent mitwirken.

Intention des Buches.

Ulrich Brand und Markus Wissen verfolgen mit diesem Buch primär vier Ziele. Sie wollen zeigen, welche problematischen Mechanismen unseren imperialen Produktions- und Konsumalltag überhaupt erst ermöglichen. Außerdem soll erklärt werden, weshalb sich trotz, beziehungsweise aufgrund der aktuellen Probleme und Krisen Stabilität etabliert. Auch wollen die Autoren die Probleme und Krisen als Manifestation der Widersprüchlichkeit unserer imperialen Lebensweise begreifbar machen, da diese gerade im Begriff sei „sich zu Tode zu siegen“.
Die Schlussfolgerung alldessen sei es, radikalere Ansprüche an Alternativen zu stellen, als es derzeit im Mainstream der Ökologiedebatte passiere, so die Autoren.

Imperiale Lebensweise – Was ist das?

Wie der Titel bereits verrät, befasst sich dieses Werk mit der imperialen Lebensweise. Als imperial wird jene Lebensweise bezeichnet, die darauf beruht, dass Ressourcen und in Billiglohnländern produzierte Produkte in kapitalistische Metropolen fließen und dort gesichert bleiben. Dadurch werde ein globalisiertes Produktions- und Konsumationsmodell aufrechterhalten und Wohlstand generiert, der auf massiver Ausbeutung von Ressourcen und billigen Arbeitskräften, sowie Klimabelastung basiere.
Diese Art und Weise zu leben beruhe, aus ökologischer Sicht, auf Exklusivität. Sie erfordere, dass nicht alle Menschen zu gleichen Teilen auf Ressourcen zugreifen. Wird diese exklusive Inanspruchnahme menschlicher und natürlicher Ressourcen in Frage gestellt, kann es zu zunehmend konfliktträchtigen und gewaltvollen Auswüchsen in den internationalen Beziehungen kommen, was aktuell der Fall sei, so die Krisenanalyse des Buches.

Ermöglichen der „imperialen“ Lebensweise.

Die Menschen im globalen Norden, sowie auch immer mehr Personen im globalen Süden, nehmen meist nicht bewusst wahr (geschweige denn reflektieren kritisch darüber) welche gesellschaftlichen internationalen Kräfteverhältnisse ihren Alltagspraxen zugrunde liegen. Die Zerstörung, die durch die damit verbundene Herrschaft über Mensch und Natur erfolgt, ermögliche vielen Menschen erst das Leben, das sie führen, so die These der Autoren.

Etablierung von Stabilität trotz – oder aufgrund – aktueller Krisen.

Die imperiale Lebensweise wirke nicht nur verschärfend auf diverse Krisenphänomene wie etwa Klimawandel, Verarmung von Menschen und Zerstörung von lokalen Ökonomien, sie bringe diese sogar wesentlich mit hervor. Jedoch könne sie dort, wo sich ihr Nutzen konzentriert, auch zur Stabilisierung gesellschaftlicher Verhältnisse beitragen. Ein Beispiel hierfür seien Lebensmittel, die durch Ausbeutung von Mensch und Natur andernorts, im globalen Norden billig verkauft werden. Ohne diese wäre möglicherweise die Reproduktion der „unteren“ Gesellschaftsschichten des globalen Nordens seit der Wirtschaftskrise 2007 viel schwieriger gewesen.

Krisen als Manifestation der Widersprüchlichkeit.

Die Basis der imperialen Lebensweise sei die Verlagerung von Kosten auf ein „Außen“ und der Verzicht anderer auf ihren proportionalen Anteil, stellen Brand und Wissen klar. Da aber immer mehr Ökonomien auf Externalisierungsprozesse zurückgreifen und immer weniger Menschen auf ihren Anteil verzichten können oder wollen, schwinde dieses „Außen“ – wodurch die imperiale Lebensweise wiederum ihre Grundlage verliere und zum Opfer ihrer selbst werde. Das Resultat dessen seien einerseits ökoimperiale Spannungen, andererseits werden auch aktuelle Flucht- und Migrationsbewegungen dadurch hervorgebracht. Kapitalistische Zentren versuchen durch Ausgrenzung und Abschottung ihre Lebensweise zu sichern, bringen dadurch rassistische und nationalistische Bestrebungen hervor und tragen somit zum aktuellen Rechtsruck bei, so die Autoren.

Klare Anforderungen an Alternativen!

Um die ökologische Krise zu bekämpfen, müsse auch die Sphäre der politischen Ökonomie mit einbezogen werden, denn sie zeige die Probleme der globalisierten Produktions– und Konsumnormen des globalen Nordens deutlich auf. Diese bauen auf Gewalt, ökologische Zerstörung und menschliches Leid. Demnach sei es nicht ausreichend, eine „grüne Revolution“ zu fordern. Diverse Bewegungen, die Alternativen zu vorherrschenden Entwicklungen bieten, sollten vielmehr bezüglich ihrer Verallgemeinerungsfähigkeit und ihres demokratischen Charakters befragt werden, um letztendlich ein neues gesellschaftliches Ordnungsprinzip, das gegensätzlich zur imperialen Lebensweise steht, zu finden und aufzubauen.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

  


 

Weiterführende Links:

 - oekom Verlag: https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/imperiale-lebensweise.html

 

Informationen zum Buch:

- Brand, Ulrich/Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. München: oekom Verlag. 224 Seiten. ISBN-13: 978-3-86581-843-0.



 

Foto: Cover des Buches.

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