Nachhaltige Entwicklungsziele, Klimapakete und Co: Möglichkeiten, Grenzen und Alternativen. (II)

10.04.2017 | Marina Naomi Noack
article_1898_dscf0892_150.jpg Zwischen Polanyis „Großer Transformation“ und den Sustainable Development Goals (SDGs) bewegten sich die Inhalte des  Workshops im Rahmen des “Gutes Leben für Alle”- Kongresses am 10. und 11. Februar 2017. Am zweiten Tag wurde Diskussionsraum zu Transformationen jenseits der SDGs geboten.
Der gemeinsame Workshop von Dreikönigsaktion, Paulo Freire Zentrum, Südwind, AG Globale Verantwortung, KOO und dem Ökobüro führte als Vorveranstaltung zur 7. Entwicklungstagung (November 2017) in Themen rund um den sozial-ökologischen Wandel ein. Nach einer Begrüßung durch Julia Günther (Paulo Freire Zentrum) folgten auch an diesem zweiten Tag Vorträge von VertreterInnen verschiedener Organisation, sowie Murmelrunden und offene Debattenräume.

Lob den SDGs, Kritik ihrer Verwirklichung.

Daniel Bacher (Dreikönigsaktion) erläuterte einleitend, dass die SDGs grundsätzlich wichtig seien, da sie konkrete Lebensrealitäten im Norden und Süden betreffen. Ihr transformatives Potential sehe er aber vorerst nur als "kleine Pflänzchen der Hoffnung". Besonders hob Bacher hervor, dass eine Transformation, wie sie die SDGs vorschlagen, nicht ohne eine Transformation der Wirtschaft möglich sei. Dass das Erreichen der Ziele auf Freiwilligkeit und politischem Wille basiere, sieht Bacher kritisch. Da außerdem eine öffentliche Finanzierung der SDGs fehle, beleuchtete er die Rolle privater InvestorInnen und den Trend von "Private Public Partnerships" (dt.: öffentlich-private Partnerschaften). Der Einfluss der Privatwirtschaft auf die finanzielle Verwirklichung der SDGs sei äußerst vorsichtig zu betrachten, denn große Konzerne könnten die SGDs zu reinen Marketingzwecken verwenden.

Eine feministische Perspektive.

Eva Lachkovics (WIDE) bot anschließend eine feministische Sicht auf das Thema Geschlechtergleichstellung in den SDGs, die in Ziel 5 verankert ist. Kritisch sehe sie hier die Bearbeitung neuer Probleme mit alten Lösungsansätzen und die Einbettung der SDGs als neue, transformative Maßnahme in bestehenden politischen Systemen. Lachkovics erklärte, dass Frauen und Mädchen besonders von neuen Krisen und der Sparpolitik betroffen seien. Eigentlich sei eine Ursachenbeseitigung notwendig, so Lachkovics. Das bestehende Wirtschaftssystem sei von Neoliberalismus geprägt, werde diesbezüglich jedoch nicht hinterfragt.
Eine Transformation der Wirtschaft sei aber grundlegend - und zwar unter Einbeziehung einer feministischen Perspektive.

Transformation als spiritueller Wandel.

Als Vertreterin der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz (KOO) stellte Hilde Wipfel die Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus vor. Die Schrift, die sich mit Umwelt- und Klimaschutz auseinandersetzt, vereine ökonomische und soziale Ansätze, so Wipfel. Spirituelle Werte, wie Sorge für die Welt, seien in dieses Konzept eingebettet. Die Laudato Si sei zwar genderblind, bezogen auf ökologische Grenzen und Machtfragen werde sie jedoch konkreter als die SDGs. Daher sehe Wipfel in der Enzyklika einen grundlegenden Ansatz zur Transformation, hin zu einem neuen Paradigma.

Reichtum als Herausforderung für einen Systemwandel.

Stefan Grasgruber-Kerl (Südwind) verband den Aspekt Transformation mit NGO-Arbeit. Er merkte kritisch an, dass die SDGs die NGOs weitere 15 Jahre an das bestehende Wirtschaftssystem binden. Als eigentliches Problem des globalen Wirtschaftssystems sehe er den Faktor Reichtum. Er finde es problematisch, dass permanent Armut als Problem dargestellt werde, während Reichtum und transnationale Konzerne unbenannt blieben.
In einer lebhaften Diskussionsrunde wurde die Frage laut, warum NGOs das bestehende System akzeptieren und ihre Arbeit fortführen. Grasgruber-Kerl beantwortete dies mit etablierten Finanzierungswegen in deren Abhängigkeit NGOs stünden. Bestehende neoliberale Hegemonien wären also nur durch eine Systemtransformation der weltweiten Wirtschaftsordnung umzugestalten.

Den Systemwandel mitgestalten: Ideen und Ansätze für einen Wandel.

Abschließend sprach Michael Narberhaus über zivilgesellschaftliche Strategien für einen systemischen Wandel. Die Organisation Smart CSOs Lab, die von Narberhaus gegründet worden ist, hat ein neues Wirtschaftssystem zum Ziel. Eine zentrale Problematik des bestehenden Wirtschaftssystems sei Beschleunigung, welche die Krisen verursache. Das "immer weiter und immer größer"-Prinzip des internationalen Wirtschaftssystems sei nicht zielführend.
Eine bedeutende Rolle messe Narberhaus der Funktion von Sprache zu. In der Vermittlung von Problemen sehe er eine gestörte Wertekommunikation. Kritisch sehe er gängige Arbeitsmuster von NGOs: Diese hätten vor allem Symptome im Fokus, nicht aber die Ursachen von Problematiken. Spezialisierungen in der Arbeit von NGOs seien schwierig, da diese sie im System gefangen hielten. Es sei Aufgabe der Zivilgesellschaft zu kommunizieren, dass systemstringent agierende Organisationen und Ämter nicht ausreichen. Das bestehende "Wir-gegen-Die-Narrativ" zeige sich vor allem in sozialen Bewegungen der heutigen Zeit. Es sei zu hinterfragen, ob solch polarisierende Narrative für eine Transformation förderlich seien.

Den Systemwandel mitdenken.

Während der abschließenden Diskussionsrunde herrschte weitgehende Einigkeit über die Notwendigkeit eines Wandels des globalen Wirtschaftssystems. Der zuvor kritisierten Spezifizierung von NGOs wurde Berechtigung eingeräumt, jedoch solle in einer transformativen Organisationsarbeit das System und dessen Wandel mitgedacht werden.
Wie bereits am ersten Tag wurde eine Unterstützung der Politik für die Vorhaben der Zivilgesellschaft gefordert. Besonders die Notwendigkeit von Vernetzung wurde hervorgebracht und der Workshop als Raum für solche gelobt.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 



Weiterführende Links:


MitveranstalterInnen:
- Dreikönigsaktion: www.dka.at/home
- Südwind: www.suedwind.at
- AG Globale Verantwortung: www.globaleverantwortung.at
- Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz: www.koo.at
- Ökobüro: www.oekobuero.at

Mehr zum Thema:

- Zum Artikel über Tag 1 des Workshops: http://www.pfz.at/article1893.htm
- Artikelserie von Michael Narberhaus: http://www.pfz.at/article1891.htm
- Link zur 7. Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

 


 

Fotos: Marina Naomi Noack, © Paulo Freire Zentrum