Gesellschaftlicher Wandel als Lernprozess. (II)

30.03.2017 | Michael Narberhaus
article_1895_micha_narberhaus_cut_150.png Die sozial-ökologischen Herausforderungen unserer Zeit erfordern einen Wandel der gesellschaftlichen Organisation und kulturellen Narrative. Im Teil II der Artikelserie von Michael Narberhaus (Smart CSOs Lab) wird ein Lernansatz für die Rolle der Zivilgesellschaft im gesellschaftlichen Wandel skizziert.

Ein systemischer Ansatz.

Eine systemische Herangehensweise erfordert zunächst vor allem eine konsequente Auseinandersetzung damit, wie ein grundlegender Systemwandel unterstützt werden kann, der nicht auf der Ebene der Krisensymptome ansetzt, sondern das Gesamtsystem in den Blick nimmt, welches die Krise hervorbringt.

Dabei wird sichtbar, dass die hinter den Krisen liegenden strukturellen systemischen Ursachen nicht weiter ignoriert werden können. Ein auf Wachstum, Konkurrenz und Eigennutz basierendes Wirtschaftssystem fordert die Ausbeutung von Menschen und die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen.

Wende zur „lebensdienlichen“ Ökonomie.

Notwendig ist die Wende hin zu einer lebensdienlichen Ökonomie. Das nicht zukunftsfähige westliche Zivilisationsmodell ist eingebettet in das kulturelle Paradigma der expansiven Moderne, die Fortschritt und zweckrationale Effizienz idealisiert. Demgegenüber ist eine Kultur der globalen Solidarität gefragt, eine Gesellschaft, die auf das Gemeinwohl und das gute Leben ausgerichtet ist.

Ein solcher Wandel kann nur aus dem Zusammenwirken einer Vielzahl von AkteurInnen und Kräften entstehen. Die 'Global Scenario Group' (vgl. Raskin 2002) prägte den Begriff der 'Great Transition', der auf eine solche grundlegende Veränderung in Wirtschaft, Kultur, Lebensweise und gesellschaftlicher Organisation abzielt, ähnlich in seiner Tragweite der industriellen Revolution.

Gesellschaftlichen Wandel lernen.

Ausgehend von der Notwendigkeit eines systemischen gesellschaftlichen Wandels stellt sich die Frage, was zivilgesellschaftliche Organisationen tun können, um hierzu einen Beitrag zu leisten?
Mit dieser Fragestellung setzt sich das 'Smart CSOs Lab' auseinander, ein Netzwerk von AktivistInnen sowie WissenschaftlerInnen, die die Entwicklung von wirksamen zivilgesellschaftlichen Strategien für einen systemischen Wandel zum Ziel haben.

Das Smart CSOs Lab arbeitet mit einem Drei-Ebenen-Modell für systemischen gesellschaftlichen Wandel. In diesem Modell befinden sich die drei Ebenen Kultur, Regime und Nischen in einem dynamischen Wirkungszusammenhang. Das Modell hilft als Werkzeug des systemischen Denkens dabei, zu prüfen, auf welcher Ebene eine zivilgesellschaftliche Aktivität, Strategie oder Kampagne wirkt, und ob sie dabei den Wandel auf einer anderen Ebene hemmt oder bestärkt.

Drei-Ebenen-Modell für systemischen gesellschaftlichen Wandel.

Die Ebenen lassen sich folgendermaßen beschreiben:

1)    Kultur: Zur Entstehung einer zukunftsfähigen Gesellschaft können wir beitragen, indem wir neue sinnstiftende Narrative entwickeln, die nicht-eigennützige Werte zum Ausdruck bringen. Wenn wir den Wandel anstoßen wollen, ist es essentiell, dass wir als Personen und Organisationen selbst diese Werte leben. Es gilt zu beachten, dass Strategien und Kommunikation nicht systemstabilisierende Werte wie Wachstum, Konsumdenken und Eigennutz reproduzieren, sondern Werte wie Gemeinschaftlichkeit und Solidarität stärken.

2)    Regime: Anstatt durch Lobbying kleine Veränderungen innerhalb der Institutionen des alten Systems anzustreben und sich diesen Institutionen möglicherweise anzupassen und sie weiter zu stabilisieren, ist kritische Distanz zum „alten Regime“ angesagt. Alternative Institutionen eines neuen Systems entstehen erst allmählich und entwickeln sich zunächst in den Nischen. Politische Forderungen auf der institutionellen Ebene sollten in neue sinnstiftende Narrative (siehe Kultur) eingebettet sein, um eine Stärkung nicht zukunftsfähiger Institutionen und Denkmuster zu vermeiden.

3)    Nischen: Die Modelle solidarischen und genügsamen Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens werden in vielfältigen dezentralen Initiativen experimentell erprobt. Schenk- und Gemeinschaftsökonomien wie Nachbarschaftsgarten, 'Repair Cafés', ökologische Lebensmittelkooperativen und solidarische Finanzinstrumente sind Keimzellen des neuen Systems. Damit aus diesen sozialen Innovationen ein neues System emergieren kann, gilt es: 1.) die PionierInnen des Wandels zu entdecken und zu benennen; 2.) sie miteinander zu vernetzen; 3.) sie durch Erfahrungsaustausch und gemeinsame Lernräume zu stärken und 4.) sie in der breiten Öffentlichkeit als inspirierende, praktizierbare alternative Lebensweisen sichtbar zu machen (vgl. Wheatley & Frieze 2006).

Ausgehend von diesen Ebenen des Wandels gilt es nun zu klären, welche Kernrollen von AkteurInnen im Prozess des Wandels von Nöten sind.

***Lesen Sie hierzu Teil III der Artikelserie!***


 

Der Autor ist Mitbegründer von 'Smart CSOs Lab' und arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft und zivilgesellschaftlicher Arbeit für ein nachhaltiges Wirtschaften. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

Zum Teil I der Artikelserie: http://www.pfz.at/article1891.htm

Smart CSOs Lab: http://www.smart-csos.org/

 


 

Foto: © Michael Narberhaus