Nachhaltige Entwicklungsziele, Klimapakete und Co: Möglichkeiten, Grenzen und Alternativen. (I)

22.03.2017 | Stefanie Beßler
article_1893_dsc07237_cut_150.jpg Zwischen Polanyis „Großer Transformation“ und den Sustainable Development Goals (SDGs) bewegten sich die Inhalte des Workshops im Rahmen des “Gutes Leben für Alle”- Kongresses am 10. und 11. Februar 2017. Wie werden die SDGs in Österreich umgesetzt und trägt dies zum Wandel bei? So die zentrale Frage am ersten Tag.

Der gemeinsame Workshop von Dreikönigsaktion, Paulo Freire Zentrum, Südwind, AG Globale Verantwortung, KOO und dem Ökobüro führte als Vorveranstaltung zur 7. Entwicklungstagung (November 2017) in Themen rund um den sozial-ökologischen Wandel ein und fand am Campus der Wirtschaftsuniversität statt. Etwa 60 TeilnehmerInnen und zahlreiche Podiumsgäste aus Politik, Forschung und Zivilgesellschaft diskutierten die spannenden Fragen.

Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) leitete den Workshop mit den Worten „Bereits 1944 sprach Karl Polanyi von der „großen Transformation“ und warnte vor den fatalen Auswirkungen einer entfesselten Marktwirtschaft“ ein. Dieser Begriff von Polanyi habe sich zum Schlagwort der 'Sustainable Development Goals' (dt.: nachhaltige Entwicklungsziele - SDGs), sowie der EU Klima- und Energiepakete stilisiert, erklärte Faschingeder weiter. Doch wie steht es eigentlich um die „große Transformation“ in Österreich?

Die Agenda 2030 und die „große Transformation“ in Österreich?

Nach einer kurzen Vorstellung des 2-tägigen Workshop-Programms stellte Elfriede Anna More vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW) den Entstehungsprozess der nachhaltigen Entwicklungsziele der Agenda 2030 vor. Sie betonte, dass Österreich noch keinen nationalen Aktionsplan für die Umsetzung der SDGs ausarbeite. Momentan sei man damit beschäftigt, einen Maßnahmenplan unter Einbindung verschiedener Interessensgruppen wie Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) und Dachverbände zu konzipieren.

Jakob Mussil (AG Globale Verantwortung) kritisierte daraufhin aus Sicht der Zivilgesellschaft: „Das business as usual (dt.: Tagesgeschäft) wird nicht langfristig funktionieren“. Laut Mussil werde das Wachstumsparadigma mit den SDGs nicht durchbrochen und keine systemischen Fragen angesprochen. Die Agenda 2030 bleibe unverbindlich und verlasse sich zu sehr auf den Privatsektor. Somit plädierte Mussil für einen Bewusstseinswandel und eine Zusammenführung gemeinsamer Anstrengungen. Doch: „Bei aller Kritik: der kleinste gemeinsame Nenner wurde gefunden“, so Mussil, „und eine gemeinsame Vision ist wichtig.“

Auch Anne Erwand (Ökobüro) kommentierte die Implementierung der SDGs und stellte die Frage: „Wie fest entschlossen ist Österreich?“. 30 Jahre für die Umsetzung einer „großen Transformation“ sei wenig Zeit. Sie bemängelte, dass durch Österreichs Strategie, bereits bestehende Maßnahmen den SDGs zuzuordnen, keine neue Zielsetzung entstehen könne. Erwand berichtete, dass 144 NGOs einen gemeinsamen Brief an das Bundesministerium geschrieben hätten, in dem eine zentrale Koordinierungsstelle für SDGs, eine nationale Strategie und eine Evaluierung bereits bestehender Politiken gefordert wurde.

EU-Klima- und Energiepakete: der Weg zu einer post-fossilen Gesellschaft?

Im zweiten Teil des Workshops ging es um die Verbindung der SDGs mit Übereinkommen zur Energiewende und Klimaverträgen. Elfriede Anna More skizzierte das Kyoto-Protokoll von 1997 als wichtigstes Instrument für quantitative Zielsetzungen der Industriestaaten bis 2020.  Sie hob auch die Errungenschaft des Pariser Abkommens von 2015 hervor: Die Staatengemeinschaft beschloss, den Treibhausgasausstoß so zu beschränken, dass die globale Temperatur um nicht mehr als 1,5 Grad steigt. More sieht dies als historischen Meilenstein, da die Staaten sich erstmals rechtsverbindlich zur Einhaltung dieses Ziels verpflichteten.  

In diesem Zusammenhang stellte Fritz Hinterberger (Sustainable Europe Research Institute - SERI) Forschungsprojekte im Bereich Nachhaltigkeit vor. Bisherige Forschungsergebnisse zeigen, dass die Ziele des Pariser Abkommens nur erreicht werden können, wenn ein breites Bündnis von Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft  zusammen arbeite, so Hinterberger.

Norbert Rainer (Klimabündnis) fragte daraufhin: „Wer glaubt, dass es den Großeltern besser ging? Wer glaubt, dass es uns heute besser geht als früher? Und wer glaubt, dass es der kommenden Generation besser gehen wird als uns?“. Da die Handmeldungen nach jeder Frage weniger wurden, rief Rainer das Publikum auf, die Vision von Veränderung nicht zu verlieren. „Starrheit verhindert eine große Transformation“, meinte er.  „Man sollte versuchen, sich von althergebrachtem Denken zu lösen und offen für Neues zu sein.“ Konkret bezog er sich dabei auf das eigene Konsumverhalten und einen nachhaltigen Lebensstil – Faktoren die ausschlaggebend für den Weg hin zu einer post-fossilen Gesellschaft seien.

Nach diesem appellierenden Podiumsbeitrag kam die Rückmeldung aus dem Publikum nicht überraschend: Es sei wohl notwendig, bei sich selbst anzufangen, aber die Politik dürfe damit keinesfalls aus der Verantwortung genommen werden.

Transformative Bildung und Bewusstseinsbildung für globale Ziele.

Im letzten Themenblock ging Andrea Schmölzer (Bundesministerium für Bildung) auf das Nachhaltigkeitsziel zu Bildung (SDG 4) und die Bildungsreform ein. Dabei hob sie hervor, dass das Schulcurriculum mit Hinblick auf Nachhaltigkeitsaspekte überarbeitet und neue Lehrgänge zu Nachhaltigkeit geschaffen worden seien.
„Es braucht aber nicht nur nachhaltige Bildungsziele, sondern auch Bewusstseinsbildung“, stellte Eva Lachkovics vom entwicklungspolitischen Netzwerk für Frauenrechte und feministische Perspektiven (WIDE) fest. Über das Netzwerk „reloading Feminismus“ (dt.: Feminismus neu laden) werde Bewusstseinsbildung mit Fokus auf die Überwindung von Geschlechterstereotypen- und Diskriminierung initiiert. Lachkovics betonte die enge Verwobenheit zwischen Geschlechtergleichstellung im SDG 5 mit anderen SDGs.

Abschließend betonte auch Angelika Gerstacker (Jugend Eine Welt) die Wichtigkeit von Bewusstseinsbildung für globale Ziele, um der „Gefahr, dass die SDGs in der Schublade verschwinden“ vorzubeugen.

 

Welche Wege der Transformation es jenseits der SDGs geben könnte, war am zweiten Tag des Workshops das zentrale Thema.

***Hier geht's zum Artikel über Tag II des Workshops!***


Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

- Gutes Leben für alle-Kongress: http://www.guteslebenfueralle.org/de/

- SDGs: https://sustainabledevelopment.un.org/?menu=1300

- PFZ Artikel zu SDGs und Bildung:

http://www.pfz.at/article1872.htm

http://www.pfz.at/article1873.htm

http://www.pfz.at/article1874.htm

http://www.pfz.at/article1875.htm

- Brief der AG Globale Verantwortung an die Bundesregierung: http://www.globaleverantwortung.at/sdgs-umsetzen-brief-von-144-organisationen-an-bundesregierung

- SERI- Projekte: http://polfree.seri.at/

 


 

Fotos: Stefanie Beßler, © Paulo Freire Zentrum