Wie systemischer Wandel gelingen kann – Workshop mit Michael Narberhaus.

22.03.2017 | Marina Naomi Noack
article_1892_20170209_153616_cut_2_150.jpg Neue Pfade der Transformation wurden mit Michael Narberhaus, Mitbegründer von 'Smart CSOs Lab', in einem interaktiven Workshop diskutiert. Der Experte war im Februar 2017 zu Gast im C3 - Centrum für Internationale Entwicklung, um zivilgesellschaftliche Strategien für einen Systemwandel vorzustellen. 

Zivilgesellschaftliche Strategien für systemischen Wandel - ein interaktiver Workshop.

Michael Narberhaus, Gründer und Koordinator des internationalen Netzwerks 'Smart CSOs Lab' (CSOs = civil society organisations, dt.: zivilgesellschaftliche Organisationen), wurde von der AG Globale Verantwortung, der Dreikönigsaktion (DKA), der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz (KOO), dem Ökobüro, der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) und vom Paulo Freire Zentrum am 9. Februar 2017 in den Alois Wagner-Saal des C3- Centrum für Internationale Entwicklung eingeladen.

Mehr als 20 VertreterInnen verschiedener Organisationen der Zivilgesellschaft setzten sich in dem interaktiven Workshop mit effektiven Strategien zur gesellschaftlichen Transformation auseinander.

Smart CSOs Lab - Pfade der Transformation.

'Smart CSOs Lab' will Diskurse um die Nachhaltigkeit des internationalen Wirtschaftssektors und Dialoge über die 'Theory of Change' (dt.: Theorie des Wandels) zusammenbringen. Wissenschaftliche Ansätze dieser Themenfelder und deren praktische Umsetzung seien wesentliche Elemente, erklärte Narberhaus.
Eine zentrale Forderung des Labs ist die fundamentale Änderung des internationalen Wirtschaftsmodells. Denn globale Probleme wie Ungleichheit, Umweltkrisen, Migrationsfragen und Rechtspopulismus seien maßgeblich durch das Streben nach Wirtschaftswachstum geprägt, so Narberhaus. "Die großen Fragen der Gesellschaft und der zivilgesellschaftlichen NGOs hängen eng mit dem Wirtschaftssystem zusammen", erklärte der Experte.

Blick auf die Wurzeln von Problemen statt auf ihre Symptome.

Für effektive Strategien empfahl Narberhaus, den Blick auf die Wurzeln von Dynamiken und Problemen zu richten. Hier seien die Ansätze für eine Transformation zu finden. "NGOs haben viel geleistet, ja. Aber insgesamt hat sich die Situation nicht verbessert", äußerte der Experte seine Kritik an den gängigen Strategien von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs). Er verglich die Arbeit von NGOs mit Siegen kleiner Kämpfe, die es aber nicht vermögen, den großen Krieg zu gewinnen.

So kritisiere er auch die Effektivität von Kampagnen, die über viele Jahre sehr spezifische Probleme thematisierten, jedoch den Kontext des Problems nicht einbezögen. Eine kritische Wortmeldung hierzu, dass spezifische Kampagnen besser seien als gar keine, beantwortete Narberhaus damit, dass er keinen Stopp von Kampagnen fordere. Vielmehr solle die Frage "Geht da nicht noch mehr?" in die Arbeit von NGOs einfließen. Er erklärte die Spezifizierung von NGOs und deren kurzfristige Zielsetzungen als Strukturproblem. So gerate das System als großes Ganzes aus dem Blickfeld.

Forderung nach positiven Narrativen.

Einen weiteren Kritikpunkt sehe der Smart CSOs-Gründer in weit verbreiteten "Wir-gegen-die-Narrativen". Diese in Kampagnen verwendeten Narrative führen laut Narberhaus zu Polarisierungen. Diese Polarisierungen hemmen den Wandel, da Probleme, wie zum Beispiel der Klimawandel, alle Menschen etwas angehe. Moralische Überlegenheit und die Konzentration auf ein Feindbild seien demnach nicht effektiv für eine positive Transformation.

Eckpfeiler der Transformation.

Als wichtigen Eckpfeiler der Transformation sehe Narberhaus eine Wirtschaft, die an den Bedürfnissen der Gesellschaft ausgerichtet sei und als Ziel des Systems das "gute Leben für alle" beinhalte. Ein kultureller Wandel mit sinnstiftenden Narrativen gehöre auch zu dieser Transformation.

Das Bestreben danach, das System zu verstehen und es reflektiert zu betrachten, sei die Grundlage für das systemische Denken in der Arbeit von NGOs. Als weiteren wichtigen Punkt für eine effektive Umsetzung der vorgestellten Ansätze sah der Gründer des Labs einen Wertewandel. Um diesen Wandel zu erreichen, erwarte der Experte ein wertebasiertes 'framing' (dt.: Rahmensetzung) für positive Narrative. Diesbezüglich forderte Narberhaus, dass zivilgesellschaftliche Organisationen von der sogenannten 'Frame-Forschung' und ihrer psychologischen Grundlage lernen sollten.

Weitere Punkte für effektiven Wandel lägen in der Demokratiestärkung, der Förderung und Einbindung von PionierInnen mit neuen Weltsichten, der Herausarbeitung von konkreten Hebeln in der traditionellen Kampagnenarbeit und der Vernetzung innerhalb globaler Bewegungen.

Langfristige Ziele nicht aus den Augen verlieren.

In der abschließenden Diskussion setzten sich die TeilnehmerInnen sehr selbstkritisch mit den von Narberhaus gegebenen Anstößen auseinander. So wurden Spezialisierungen von verschiedenen NGOs als Problem erkannt und Wege überlegt, wie die stark etablierte Arbeitsteilung auch eine Perspektive auf das System erlangen könne. Neben einer vereinfachten Kommunikation wurde auch die Erarbeitung von GeneralistInnenpositionen, als Gegensatz zur Spezialisierung, und die Entwicklung von Raum für Vernetzung als notwendig angesehen. Auch Narberhaus Überlegung der positiven Narrative wurde aufgegriffen und diskutiert, ob Feindbilder zielführend seien.

Die TeilnehmerInnen des Workshops äußerten jedoch auch, dass eine langfristig transformative Ausrichtung für zivilgesellschaftliche Organisationen schwer umzusetzen sei. Denn Organisationen seien häufig dazu verpflichtet, rasche Ergebnisse zu liefern.

Abschließend herrschte Einigung darüber, dass kurzfristige Ziele für die Arbeit von NGOs auch wichtig seien, eine neue Herausforderung jedoch darin bestehe, langfristige Ziele und eine "systemische Transformation" in den Fokus zu rücken.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

- AG Globale Verantwortung: www.globaleverantwortung.at

- Dreikönigsaktion: www.dka.at/home

- Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz: www.koo.at

- Ökobüro: www.oekobuero.at

- Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung: www.oefse.at

- Smart CSOs Lab: www.smart-csos.org



 

 Fotos: Marina Naomi Noack, © Paulo Freire Zentrum