Gesellschaftlicher Wandel als Lernprozess. (I)

22.03.2017 | Michael Narberhaus
article_1891_micha_narberhaus_cut_150.png Die sozial-ökologischen Herausforderungen unserer Zeit erfordern einen Wandel der gesellschaftlichen Organisation und kulturellen Narrative. Doch es fehlt an entsprechenden Strategien für systemische Veränderung. Michael Narberhaus (Smart CSOs Lab) weist in seiner Artikelserie einen Weg zum Wandel als Lernprozess.

Das 'Smart CSOs Lab' ist ein internationales Netzwerk von mehr als 1000 zivilgesellschaftlichen Führungskräften, ForscherInnen, AktivistInnen und UnterstützerInnen mit dem Ziel, effektive zivilgesellschaftliche Strategien für systemischen Wandel zu entwerfen, umzusetzen und zu verbreiten. Michael Narberhaus, Mitbegründer des Labs und für die strategische Entwicklung und Forschung zuständig, war zunächst in der Privatwirtschaft tätig und arbeitet seit 2004 an der Schnittstelle von Wissenschaft und zivilgesellschaftlicher Arbeit für ein nachhaltiges Wirtschaften. In diesem ersten Teil seiner Artikelserie benennt Narberhaus die Wurzeln der globalen Krisen und die Rolle der Zivilgesellschaft für den notwendigen Wandel:

Globale systemische Krisen.

Die weltweite ungleiche Verteilung des Reichtums hat sich in den letzten Jahren zum wichtigsten Thema der sozialen Bewegungen entwickelt. Die zivilgesellschaftliche Protestbewegung 'Occupy Wallstreet' hatte 2011 den Anstoß für den öffentlichen Bewusstseinswandel in Fragen der Verteilungsgerechtigkeit gegeben. Seitdem hat sich die Umverteilung nach oben weiter verschärft. Wie Oxfam (2016) kürzlich errechnete, besitzen die weltweit 62 reichsten Individuen jetzt so viel wie die 50 Prozent der Ärmsten zusammen. 2010 waren es noch 388 Einzelpersonen.

Die Unzufriedenheit mit dieser Situation wächst weltweit. Während Aufmerksamkeit und Sorgen in Bezug auf die zunehmende soziale Ungleichheit zunehmen, haben grundsätzliche Fragen nach den Ursachen bisher kaum ihren Weg in das politische Tagesgeschäft und in die Medien gefunden. Untermauert durch die Thesen von Wirtschaftswissenschaftlern wie Joseph Stiglitz, Paul Krugman oder Thomas Piketty scheint die Lösung für die politische Linke in der Ankurbelung des Wirtschaftswachstums durch höhere Staatsausgaben und in der Umverteilung durch Besteuerung der Reichen zu liegen. Doch die sich immer weiter zuspitzenden ökologischen Krisen, allem voran der Klimawandel, spielen bei dieser Diskussion selten eine Rolle.

Die Wurzeln der Krisen.

Dagegen macht zum Beispiel Naomi Klein (2014) sehr deutlich: Eine Bewältigung des Klimawandels ist nicht mit dem gegenwärtigen auf Wachstum basierenden Wirtschaftssystem vereinbar. Selbst wenn wir jetzt endlich ernsthaft und entschieden in technische Lösungen gegen den Klimawandel investieren würden, wäre dies unzureichend, wenn damit nicht auch fundamentalere Aspekte in unserem Wirtschaftssystem angegangen und insbesondere die Abhängigkeit vom Wachstum beendet wird.

Auch die wachsende Anzahl an Menschen, die aus Krisen- und Kriegsregionen nach Europa fliehen, ist trotz aller Komplexität der Fluchtursachen auch auf die Ungerechtigkeit des globalisierten Wirtschaftssystems zurückzuführen. Fremdenfeindlichkeit in Europa ist zwar vordergründig Resultat der Wirtschafts- und Finanzkrise der vergangenen Jahre, die von populistischen rechten Gruppierungen geschickt genutzt wird. Letztendlich handelt es sich bei diesen Bewegungen aber auch um Menschen, die sich als VerliererInnen der Globalisierung sehen.

Die Politik spricht gerne davon, dass die Wurzeln der Krisen beseitigt werden müssen. Weil aber das Versprechen von Freiheit und Wohlstand durch Wachstum und die globalisierte Marktwirtschaft immer noch als unantastbar gelten, wird die tatsächliche Auseinandersetzung mit den wahren systemischen Wurzeln gemieden.

Die Rolle der Zivilgesellschaft.

Obwohl sich eine Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Organisationen weltweit für eine gerechtere und ökologisch nachhaltigere Welt einsetzt, hat sie es bisher versäumt, die multidimensionalen, zusammenhängenden und sich gegenseitig verstärkenden globalen Krisen umfassend anzugehen. Die Gründe dafür sind vielfaltig:

Fokus auf Symptome statt Ursachen: In der Entwicklungszusammenarbeit setzen Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) z.B. auf ein größeres Budget zur Armutsbekämpfung anstatt in erster Linie wirtschaftspolitische Machtverhältnisse zwischen Süd und Nord zu adressieren. Im Umweltschutz werden technologische Lösungen zum Energiesparen gefordert anstatt die systeminhärente Wachstumslogik in Frage zu stellen.

Spezialisierung auf Einzelthemen: Durch ihre Spezialisierung in einem bestimmten Fachgebiet verlieren NGOs das Verständnis für die systemischen Verbindungen zwischen einzelnen Themen.

Politische Anpassung durch Professionalisierung und Lobbying: Die Advocacy-Arbeit gegenüber Regierungen, internationalen Institutionen und Konzernen schafft zwar Einfluss und Machtpositionen innerhalb der gegenwärtigen Strukturen - diese Eingebundenheit verhindert jedoch, dass die Spielregeln des Systems grundlegend in Frage gestellt werden.

Die Macht des 'framing' (dt.: Rahmensetzung) wird verkannt: Wann immer zivilgesellschaftliche Akteure kommunizieren und einen 'Frame' im Kopf des Publikums aktivieren, transportieren sie unbewusste Schlussfolgerungen zum benannten Sachverhalt mit. In der politischen Debatte wird dies meist nicht erkannt oder falsch eingeschätzt. Wer weiß, wie 'framing' funktioniert, beeinflusst die Werte und das Denken der Gesellschaft (vgl. Lakoff 2009).

"Wir-gegen-Die"-Ansatz: Kampagnen konzentrieren sich häufig auf Feindbilder. Komplexe Themen und systemische Zusammenhänge gehen dabei oft verloren und sinnvolle Lösungen werden verhindert. In den sozialen Medien und Netzwerken wird dieses Phänomen verschärft. Wir lesen vermehrt gefilterte Nachrichten und Meinungen, die unsere bestehenden Ansichten bestätigen. Dort wo Austausch stattfindet, ist er polarisiert.

Die Zivilgesellschaft ist jedoch die entscheidende Akteurin, die Impulse für eine sozial-ökologische Transformation geben kann. Ohne den Druck der Zivilgesellschaft und die Lernprozesse, die sie auslöst, werden weder Politik noch Wirtschaft den nötigen Veränderungswillen entwickeln. Es braucht Räume der Selbstreflexion und des Lernens, damit 'change agents' (dt.: AkteurInnen der Veränderung) aus der Zivilgesellschaft Ansätze und Strategien der Veränderung entwickeln und umsetzen können.

Im Teil II der Artikelserie skizziert Michael Narberhaus einen solchen Lernansatz für die Rolle der Zivilgesellschaft im gesellschaftlichen Wandel.

***Hier geht's zum Teil II der Artikelserie!***

 

Der Autor ist Mitbegründer von 'Smart CSOs Lab' und arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft und zivilgesellschaftlicher Arbeit für ein nachhaltiges Wirtschaften. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

Smart CSOs Lab: http://www.smart-csos.org/

 


 

Foto: © Michael Narberhaus