Auf der Suche nach der guten Zusammenarbeit in österreichischen Foodcoops.

27.02.2017 | Isabella Wagner
article_1881_p1100553_150.jpg Erstmals wurde in Österreich ein Reflexionsprozess nach der Methode „Systematisierung von Erfahrungen“ durchgeführt. Erfahrungen in österreichischen Foodcoops standen dabei im Zentrum und wurden am 17. November 2016 im C3 präsentiert. Interessierte bekamen einen Einblick in den spannenden Prozess.
1,5 Jahre hat sich der Reflexionsprozess „Systematisierung von Erfahrungen in österreichischen Foodcoops“ erstreckt. 1,5 Jahre, in denen sich TeilnehmerInnen aus verschiedenen Foodcoops zu regelmäßigen Workshops und Plena trafen, um kollektive Erfahrungen auszutauschen und zu reflektieren. Angeleitet von zwei BegleiterInnen (Elisabeth Schmid, Petra Herout) und fünf FazilitatorInnen (Maria Legner, Anna Voggeneder, Ingrid Schacherl, Traude Kotek, Martin Engelmaier) wurde nach Wegen gesucht, die Zusammenarbeit in Foodcoops zu strukturieren und zu verbessern. Die Grüne Bildungswerkstatt sowie das Paulo Freire Zentrum unterstützten sie dabei. Am Ende dieses Prozesses stand gesammeltes Erfahrungswissen  in Form von „Erfahrungsschatzkarten“, die am 17. November im C3 - Centrum für Internationale Entwicklung vorgestellt wurden.  

Ziel: Gute Zusammenarbeit in Foodcoops

Eine Vielzahl von kreativ gestalteten Plakaten hieß die rund 50 BesucherInnen im Alois-Wagner Saal im C3 - Centrum für Internationale Entwicklung willkommen. Nach der Begrüßung durch Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) übernahm Anna Voggeneder, eine der FazilitatorInnen, das Wort. Sie erzählte vom ersten Schritt des Prozesses, in dem sich die Gruppe auf ein Thema einigte, das sie in den folgenden Monaten bearbeiten wollte:
Welche Kooperationsformen braucht es damit Foodcoops langanhaltend funktionieren? Und wie können Wissen und Erfahrungen so weitergegeben werden, dass vor allem auch Neumitglieder einen leichten Einstieg in die Foodcoop haben?

Was sind Foodcoops?

Foodcoops sind Zusammenschlüsse, die kollektiv und selbstorganisiert Lebensmittel direkt von regionalen ProduzentInnen beziehen, erklärte Cordula, eine der Teilnehmerinnen am Systematisierungsprozess im Folgenden. Regionalität, ökologische Nachhaltigkeit und Selbstbestimmtheit sollen auf diesem Weg gefördert werden. Auch die Unabhängigkeit von globalen Konzernen der Nahrungsmittelproduktion ist ein wichtiges Ziel von Foodcoops. Daraus ergibt sich für die meisten Foodcoops auch eine politische Agenda.

Systematisierung von Erfahrungen.

Welches Potential die Methode „Systematisierung von Erfahrungen“  für den Reflexionsprozess von Kollektiven wie Foodcoops mit sich bringe, davon berichteten Herout und Schmid, die beiden BegleiterInnen im Prozess. Die Methode sei ein gutes Handwerkszeug, das es Gruppen ermöglichen soll, Erfahrungen im Kollektiv zu verstehen und Veränderungen für die Praxis zu bewirken, so Schmid.  Die Methode stammt aus Brasilien und hat sich dort aus der "educación popular" ("Volksbildung" nach Paulo Freire) entwickelt, erzählten sie anhand der liebevoll gestalteten Plakate, die die Schritte der Systematisierungs-Methode abbildeten. Ein wesentlicher Punkt dabei sei, dass Erfahrungen zunächst ohne Bewertung und ohne nach dem „Warum?“ zu fragen gesammelt werden, so Schmid. Erst in einem nächsten Schritt sollen die Dynamiken aus den Blickwinkeln der Gruppenmitglieder analysiert werden. Ziel ist es im Kollektiv gemachte Erfahrungen zu reflektieren, den Weg für Lernprozesse offen zu legen und implizite Wissensbestände bewusst zu machen, so die beiden BegleiterInnen. Diese können dann Lernprozesse anregen und Transformationen im Kollektiv anstoßen.

Erfahrungsschatz von Foodcoops.

Welche sichtbaren Ergebnisse der Systematisierungsprozesses für die Mitglieder der Foodcoops hervorbrachte, davon erzählte Anna im Folgenden. Im letzten Schritt des Prozesses wurden die Erfahrungen zu informativen „Erfahrungsschatzkarten“ ausgearbeitet. Diese Kärtchen beinhalten unterschiedliche Aspekte zum Wissens- und Erfahrungsaustausch und zur Aufgabenverteilung in Foodcoops und können den Alltag von Foodcoops vereinfachen, so die Fazilitatorin.  Um die Erfahrungsschätze mit den VeranstaltungsbesucherInnen zu teilen, wurden sie im Anschluss im Publikum verteilt.

Austausch von Erfahrungen in Foodcoops.

Nach der ersten Hälfte der Veranstaltung wurden dann Tische bereitgestellt, an denen sich TeilnehmerInnen und BesucherInnen über Methode und Gruppenprozesse in Foodcoops austauschen konnten. An einem Tisch wurden kreative Bildkarten mit Erfahrungen in Foodcoops assoziiert. An einem anderen wurden Abläufe in Foodcoops besprochen. Auch die politische Haltung von Foodcoops war Thema an den Tischen. Patrick, Mitglied einer Foodcoop, erklärte, dass es sowohl pragmatische, als auch ideologische Foodcoops gebe und dass es keine festen Regeln für das Engagement des Einzelnen gebe. Nicht in Ordnung sei es allerdings, Lebensmittel nur zu nehmen ohne etwas zur Gruppe beizutragen. Das entspräche nicht den Vorstellungen von guter Zusammenarbeit in Foodcoops, so Patrick.  

Aktion und Reflexion.  

In einer abschließenden Fishbowl-Runde zur Reflexion der Veranstaltung, wurde vor allem die politische Sprengkraft des Selbsterfahrungsprozesses und der Foodcoops reflektiert. So betonte Faschingeder (PFZ) im Hinblick auf die Methode, dass ihre politische Wirkmächtigkeit in erster Linie darin liege, dass Wissen im Kollektiv herausgearbeitet werde. Anstelle von Lernprozessen, die auf der Vermittlung von „Wissenden“ an „Unwissende“ basieren, seien im Systematisierungsprozess alle Lernende und Lehrende zugleich. Dabei könne ein Selbstermächtigungsprozess entstehen, der es möglich macht kollektive Erfahrungen zu reflektieren und Veränderungen zu bewirken.

Auch am Umgang der Foodcoops mit der Methode habe sich dieser Selbstermächtigungsprozess gezeigt. So betonte Faschingeder, sehr bald gesehen zu haben, wie sich die TeilnehmerInnen die Methode angeeignet und sie in ihrem Sinne umgesetzt haben. Entstanden ist dabei ein spannender Prozess, der es den Foodcoops ermöglichte Kooperationsformen in der Gruppe zu reflektieren und gute Zusammenarbeit in ihren Foodcoops auf den Weg zu bringen.

 


Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at 

 


 

Weitere Informationen:

- Mehr zum Projekt: http://www.pfz.at/article1858.htm

- Mehr zur Methode: http://www.pfz.at/article1859.htm

- Hier geht's zu den Schatzkarten: Erfahrungsschatzkarten.pdf 

- Hier geht's zur Publikation:  Aktion&Reflexion - Erfahrungsschatz von Foodcoops.pdf  (1.94 MB) 

 


 

Fotos: Isabella Wagner, © Paulo Freire Zentrum