Bildung inklusive! Bildung für alle als nachhaltiges Entwicklungsziel.

26.01.2017 | Stefanie Beßler
article_1875_4f_discussion_langthaler__150.jpg Vor dem Hintergrund der Ergebnisse des jährlichen Bildungsberichts der UNESCO, wurde am 30. November 2016 im Zentrum für Translationswissenschaften diskutiert, welchen Ansprüchen inklusive Bildung gerecht werden sollte und wie dies im nachhaltigen Entwicklungsziel Nr. 4 der UNO aufgegriffen wird.

Wie bereits die erste Veranstaltung am 29. November 2016, wurde die zweite Diskussion in Kooperation mit der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), der Universität Wien (diesmal mit dem Institut für Bildungswissenschaften), dem österreichischen Bildungsministerium für Bildung und der Plattform Globale Bildungsgerechtigkeit, zu der auch das Paulo Freire Zentrum gehört, veranstaltet.

Bildungsgerechtigkeit evaluieren.

1a_Welcome_Eschig_cut.jpgAls Generalsekretärin der österreichischen UNESCO Kommission erklärte Gabriele Eschig einleitend, dass der Bildungsbericht jedes Jahr erscheint und sowohl für die Umsetzung, als auch in der Aufzeichnung der Ergebnisse der nachhaltigen Entwicklungsziele (engl.: Sustainable Development Goals -SDGs), sehr wichtig ist.

Katarzyna Kubacka von der UNESCO-Kommission aus Paris und Mitglied des Datenerhebungsteams für die Indikatoren-Messung des SDG 4, klärte auf, dass nun nicht nur die sogenannten „Entwicklungsländer“, sondern auch die Länder des globalen Nordens bis 2030 angehalten seien, die Forderungen des SDG 4 zu ermöglichen - nämlich qualitativ hochwertige, gleichwertige und inklusive Bildungschancen für alle zu schaffen. Jedoch fiele die bisherige Bilanz ernüchternd aus. Im Falle einer Fortführung der bisherigen Bildungsstrategie würde das SDG 4 wohl erst 2084 erreicht werden könnte. Außerdem seien dafür 49 Milliarden Dollar notwendig. 

Ging es bei der ersten Präsentation des Bildungsberichts (engl.: Global Education Monitoring Report) um die grundsätzliche Bedeutung des SDG 4 für entwicklungspolitische Strategien, so fokussierte die zweite Veranstaltung den Aspekt der inklusiven Bildung.

Bildung als exklusives Gut – Die Ergebnisse des Bildungsreports 2016.

Dabei konstatierte der Bildungsbericht, den Inklusionsaspekt von öffentlicher Bildung betreffend, einen großen Nachholbedarf hinsichtlich der Benachteiligung von Mädchen, Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund. Zudem sei der Zugang zu Bildung sehr von der jeweiligen „Klassenzugehörigkeit“ abhängig. Um einige wichtige Zahlen aus dem Bericht zu nennen: weltweit seien 479 Millionen erwachsene Frauen Analphabetinnen und vor allem der dritte Bildungsweg sei weit von einer Geschlechtergleichheit entfernt.

Als zwe3a_Presentation_Kubacka_cut.jpgite große Hürde bezeichnete der Bericht die Tatsache, dass 40% der globalen Bevölkerung nicht in der Muttersprache ausgebildet wird und dies vor allem für „ärmere“ Gruppen zu Bildungslücken führe. Zudem sei der Zugang zu Bildung auch für weitere, bereits benachteiligte Gruppen mit vielen Hindernissen verbunden: „Für Flüchtlingskinder ist es fünfmal wahrscheinlicher als für Nicht-Flüchtlinge, dass sie nicht zur Schule gehen können“, so Kubacka.

In ihrer Präsentation wies sie jedoch wiederholt auf die Schwierigkeit der genauen Datenerhebung hin, vor allem, wenn es um qualitative Daten gehe, die von den jeweiligen Ministerien der Länder eingeholt werden müssten.

Relevanz inklusiver Bildung für angehende Lehrkräfte.

Margarita Langthaler (ÖFSE) moderierte die anschließende Diskussion. Sie stellte die Frage, was das SDG 4 für angehende Lehrkräfte bedeute. Professor Gottfri1b_Welcome_Biewer_cut.jpged Biewer, Institutsleiter der Bildungswissenschaft an der Universität Wien, sah die gezielte Ausbildung angehender Lehrkräfte im Hinblick auf den Umgang mit Kindern mit speziellen Bedürfnissen, sowie mit Fluchthintergrund als besonders wichtig an. Laut Biewer sei die Relevanz inklusiver Bildung präsenter denn je.

Schule sollte kein Instrument sozialer Trennung sein.

„Das österreichische Schulsystem ist nicht sehr gut, was die Inklusionsfrage angeht“, bemängelte jedoch Rüdiger Teutsch vom Bildungsministerium. So werde bereits im Alter von 6 Jahren anhand von speziellen Bedürfnissen oder fehlenden Sprachkenntnissen aussortiert, wem der Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung gewährt und wem dieser verwehrt bleibe, erläuterte Teutsch. Es sei vor allem im Interesse der elitären Oberschicht, diese Struktur der unterschiedlichen Bildungsstränge aufrecht zu erhalten. Daran werde sich auch nicht viel ändern, bis Bildung endlich als öffentliches Gut, als Instrument für sozialen Zusammenhalt gesehen werde und individueller Erfolg nicht mehr vor ein kohärenteres Schulsystem gestellt werde. Für Teutsch stehe fest, dass Schule auch Gesellschaft bilde und nicht nur Individuen und ihren Erfolg.

Zumindest4c_Discussion_Teutsch_cut.jpg in Bezug auf die Inklusion von Flüchtlingen in das Bildungssystem erklärt er erfreut, dass es 6-15-jährigen Flüchtlingen in Österreich ermöglicht werde, auch im Falle einer noch nicht bewilligten Aufenthaltsgenehmigung in die Schule gehen zu können. Zudem gäbe es sogenannte „Transitionsklassen“ oder „Übergangsstufen“ in Berufsschulen, in welche 2000 Jugendliche integriert seien. Allerdings, so Teutsch, bleibe die Integration ins Bildungssystem von über 15-Jährige eine große Aufgabe.

Inklusive Bildung führt zu einer inklusiven Gesellschaft.

Welche Herausforderungen stellt nun die SDG-Agenda dar? Daniel Bacher (Dreikönigsaktion und Vertreter der Plattform für Globale Bildungsgerechtigkeit) ist vor allem die Inklusion der weltweit über 50 Millionen Kinder, die aufgrund von Behinderungen aus dem Bildungssystem ausgeschlossen sind, ein Anliegen. Denn nicht die Beeinträchtigung der Kinder sei ein Hindernis, sondern die Umgebung und das System, das nicht an sie angepasst wäre. Kubacka stimmte zu, dass die Inklusion beeinträchtigter Kinder eine Hauptherausforderung für inklusive Bildung sei.

Bildung sei höchst politisch und immer mit der Frage nach dem Zugang zu Bildung verbunden, betonte Bacher schließlich zusammenfassend. Er riet zu einem notwendigen „Bildungsaktivismus“, welcher Regierungen unter Druck setzen solle, um mehr Investitionen in den Bildungssektor zu garantieren.
Nur so könne „inklusive Bildung letztendlich zu einer inklusiven Gesellschaft führen“, schloss Teutsch die Diskussion.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at


Bemerkung: Die Veranstaltung fand in englischer Sprache statt. Die Zitate wurden von der Artikelautorin selbst ins Deutsche übersetzt.

 


 

Weiterführende Links:

- Bildungsbericht 2016: http://gem-report-2016.unesco.org/en/home/

- Geschlechterspezifischer Report: http://unesdoc.unesco.org/images/0024/002460/246045e.pdf

- World education blog: https://gemreportunesco.wordpress.com/

- Sustainable Development Goals: https://sustainabledevelopment.un.org/?menu=1300

 


 

Fotos: © ÖUK/eSeL.at - Joanna Pianka

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