Hochwertig? Für alle? – Eine kritische Analyse des Ziel 4 der Agenda 2030. (II)

26.01.2017 | Helmuth Hartmeyer
article_1874_har-403_cut_150.jpg Bildung für alle – ein hehres Ziel der neuen Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Doch welche Wege führen zum Ziel, wie ist der Boden beschaffen und wie trittfest sind die Annahmen und Maßnahmen des neuen Entwicklungsziels? Im zweiten Teil seines Artikels nimmt Helmuth Hartmeyer eine kritische Analyse des Ziel 4 vor und zieht konkrete Schlussfolgerungen.
Als eines der 17 nachhaltigen Entwicklungsziele befasst sich das Ziel 4 mit Bildung:
Inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens fördern.

Besonders das Unterziel 4.7 ist für die entwicklungspolitische Diskussion von Bedeutung:
Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und nachhaltige Lebensweisen, Menschenrechte, Geschlechtergleichstellung, eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit, Weltbürgerschat und die Wertschätzung kultureller Vielfalt und des Beitrags der Kultur zu nachhaltiger Entwicklung.“

1. Geht es um zukünftiges Wissen oder um das Wissen um die Zukunft?

Im Ziel wird von der Annahme ausgegangen, dass es gleichsam ein fixes Sortiment an Wissen und Fertigkeiten gibt, das wir uns aneignen müssen, um eine nachhaltige Zukunft herzustellen. Aber wissen wir, wie die Welt 2030 aussehen wird? Das Ziel ignoriert die Unsicherheit, mit der wir konfrontiert sind.
Die Zukunft wurde noch nicht geschrieben:
Wohin wird sich das Weltwirtschaftssystem, das Weltfinanzsystem bewegen? Welche Folgen wird die Klimaerwärmung tatsächlich haben?
Wohin wird der Unterschied zwischen reich und arm führen- lokal, regional, global?

2. Belehren oder lernen?

Es wäre umso vieles wichtiger, einen weniger vorschreibenden Zugang zu wählen und stattdessen einen Zugang zu verfolgen, der Bildung als etwas selbst zu Erwerbendes versteht. Außerdem gilt es, den vielerorts immer noch ungebrochenen Glauben an die Allmacht einer linearen Informationsvermittlung in scheinbar leere Köpfe hinein (Paulo Freire nannte das „Bankierskonzept“) zu hinterfragen.
Mehr als die Aneignung von Fertigkeiten ist jene von Kompetenzen erforderlich. In unseren Gesellschaften ist es zentral die Fähigkeit zu haben, das eigene Denken und Verhalten kritisch reflektieren zu können, individuell aber auch als Gesellschaft, und damit im Stande zu sein, es auch verändern zu können.

3. Stellen wir etwas Bestimmtes her oder lassen wir auch Unbestimmtes zu?

Das SDG4 ist getragen von der Ansicht, dass Bildung ein Schlüssel zur Produktivität einer Gesellschaft ist. Ausgebildete Fachkräfte sind deshalb wichtiger als autonome Persönlichkeiten.
In den Unterzielen 3 und 4 geht es um den Zugang zu erschwinglicher und hochwertiger technischer, beruflicher und tertiärer (Aus)Bildung sowie um die relevanten Fertigkeiten, die man für eine Beschäftigung, menschenwürdige Jobs und Unternehmertum braucht. Die Frage bleibt unbeantwortet, wie das im Lichte von 25 Millionen jungen Menschen in Afrika funktionieren kann, die jährlich neu in den Arbeitsmarkt eintreten (möchten). Die Ausweitung des Bildungsziels von der Grundstufe auf die Sekundarstufe reicht dafür nicht aus.
Lernen wird als „um zu“ definiert. Das funktionalistische Konzept dahinter ist, dass Menschen an die Entwicklungen sich rasch ändernder Bedingungen am Markt und eine technologische Erneuerung, die auf Rationalisierung setzt, angepasst werden müssen. Die neoliberalen Trends, die auch die Bildung erreicht haben, fordern Menschen, die gebrauchsfertig sind. Ich nenne das eine Technologie der Herstellung, eine Produktionspädagogik, anstelle einer Kultur der kritischen (sachgerechten) Analyse und einer Kultur, die das Lernen eröffnet für Experiment und auch Versagen. Eine Pädagogik der Ermächtigung wäre die erforderliche Alternative.

4. Linearität in der Entwicklung oder Diversität im Wandel?

Die Vorstellung ist, dass die (vage) Vision einer nachhaltigen Entwicklung 2030 erreicht werden kann, wenn wir uns das richtige Wissen und die richtigen Fertigkeiten aneignen. Das übersieht, dass es eines viel radikaleren und vielseitigeren Wechsels bedarf, wenn die 17 SDGs tatsächlich in 14 Jahren erreicht werden sollen.
Es ist außerdem eine Illusion zu meinen, dass das was wir lehren zu unmittelbaren Ergebnissen führt.
„Richtiges“ Wissen erzeugt nicht per se „richtiges“ Handeln. Bewusstsein verändert sich bedeutend langsamer und die einzige Konstante ist der konstante Wandel. Ihm in Offenheit und Neugier zu begegnen ist viel wichtiger als sich in Messbarkeitsgrößen zu verlieren. Vielfalt ist die Normalität, Differenzen sind anzuerkennen.
So ist auch Demokratie keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Herausforderung im Umgang mit Ungewissheit und Kritik.

5. Die Macht den Reichen oder die Ermächtigung der Armen?

Viele Lernende (auch im globalen Norden!) sind von den Errungenschaften dessen, was wir „Entwicklung“ nennen, und der Globalisierung ausgeschlossen; sind marginalisiert, sind keine Weltbürger. Für sie ist nicht die Frage, wie ihre Lebensweisen nachhaltiger werden können, sondern wie sie sich überhaupt eine Lebensweise leisten können.
Das Unterziel 4.5. definiert marginalisiert als „behindert“, indigen oder als Kind in einer prekären Situation. Dies widerspiegelt den traditionellen Zugang, um wen wir uns besonders annehmen sollen. Es umfasst aber nicht jene, die um ihre ökonomischen sozialen Rechte gebracht werden (und nicht zuletzt deshalb nationalistischen, rassistischen, autoritären Wegen und Eliten folgen).
Das Unterziel 4.7. erwähnt soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit nicht. Und damit auch nicht die Notwendigkeit einer Veränderung in den Machtverhältnissen. Diese müssten aber ein zentraler Bildungsinhalt sein, wenn Bildung tatsächlich zu einer nachhaltigen Welt beitragen soll.

Einige Schlussfolgerungen

Es braucht vor allem eine rechts-basierte Perspektive: das Recht aller (!) auf Lernen, Verstehen, Handeln. Bildung soll sich aber nicht nur an Individuen (und deren individuell erfolgreiche Zukunftsgestaltung) richten; es geht auch um das Verstehen und Gestalten komplexer Strukturen.
Im SDG 4 gibt es keinen kritischen Zugang zum Begriff „Entwicklung“; er wird verbrämt durch das Wort „nachhaltig“. Das Konzept dahinter ist unverändert: Entwicklung definiert als ökonomisches Wachstum.

Ja, viele brauchen Wachstum (engl.: growth), andere brauchen Schrumpfun (engl.: degrowth). In diesem Zusammenhang ist Bildung auch eine Chance, Entwicklungszusammenarbeit in eine angemessene Perspektive zu rücken.
Der Erwerb von Kompetenzen ist zentraler als die Aneignung von Fertigkeiten. Wenn freilich lesen lernen (Paulo Freire benennt es umfassend „die Welt lesen lernen“) zentral bleibt. Im SDG 4 stehen materielle Inhalte im Vordergrund; es gibt jedoch auch immaterielle Bedürfnisse. In Bildung steckt ein großer „Mehrwert“: Bestehendes wahrnehmen und verstehen, ihm Sinn geben; es geht um Selbstreflexion, Selbstrespekt, Ermächtigung zu Alternativen und Veränderung.

Der Autor ist Lehrbeauftragter am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien und Senior Policy Advisor bei GENE (Global Education Network Europe). Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

- Sustainable Development Goals: https://sustainabledevelopment.un.org/?menu=1300

  Sustainable_Development_Goals_Karte_Wikimedia_Creative_Commons.jpg

Bild von MariaGershuni (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

 


 

Fotos:

1) © Helmuth Hartmeyer

2) SDGs: MariaGershuni (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASustainable_Development_Goals.jpg

 


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