Hochwertig? Für alle? – Das Ziel 4 der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. (I)

26.01.2017 | Helmuth Hartmeyer
article_1873_har-403_cut_150.jpg Bildung für alle – ein hehres Ziel der neuen Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Doch welche Wege führen zum Ziel, wie ist der Boden beschaffen und wie trittfest sind die Annahmen und Maßnahmen des neuen Entwicklungsziels? Der erste Teil des zweiteiligen Artikels von Helmuth Hartmeyer bietet eine Einführung in die Beschaffenheit und Hintergründe des Ziel 4.

Die Nachhaltigkeitsziele, die unter dem Titel „Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ im September 2015 von den 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossen wurden, sind eine Weiterentwicklung der Millenniumsentwicklungsziele, die 2015 ausliefen. Sie sind ein umfangreicher Ziel- und Maßnahmenkatalog, der auf universelle Gültigkeit pocht und auf eine ganzheitliche Entwicklung unter gleichrangiger Berücksichtigung der Wirtschaft, des Sozialen und der Ökologie setzt.

Auch Österreich muss „sich nachhaltig entwickeln“.

Neben der gleichrangigen Berücksichtigung von Wirtschaft, Sozialem und Ökologie, ist an diesen nachhaltigen Entwicklungszielen (engl.: Sustainable Development Goals – SDGs) hervorzuheben, dass nun erstmals auch die Staaten des globalen Nordens angewiesen werden, „Entwicklungsziele“ zu verfolgen.

Die Staaten haben sich mit dem Beschluss zur Umsetzung der Agenda 2030 verpflichtet. In Österreich wurden per Ministerratsbeschluss vom 12. Jänner 2016 alle Bundesministerien mit der Umsetzung beauftragt; in einem ersten Schritt werden ab nun alle Gesetze auf ihre Wirksamkeit (Wirkungsorientierte Folgenabschätzung) hin überprüft.
In der österreichischen Bevölkerung sind die Ziele, akronymisch unter Insidern SDGs genannt, jedoch noch nicht angekommen. Es gibt kaum ein Wissen darüber und auch kaum relevante zivilgesellschaftliche Initiativen dazu.

Fokus Bildung: inklusiv, hochwertig, lebenslang.

Als eines der 17 Ziele befasst sich das Ziel 4 mit Bildung: „Inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens fördern.“
Eine wesentliche Änderung gegenüber dem Bildungsziel in den vorangegangenen MDGs (Millennium Development Goals) „Primärschulbildung für alle“ stellt die Ausweitung auf den Sekundarschulbereich und den tertiären Bildungsbereich dar. Bildungserfolge werden damit nicht mehr in erster Linie an Einschulungsraten gemessen. Des Weiteren rückt die Frage der Qualität stärker in den Mittelpunkt. Sie soll etwa durch eine verbesserte LehrerInnen-Ausbildung herbeigeführt werden.
Ein wichtiger Baustein am Weg zum neuen Bildungsziel war das Lobbying multilateraler Organisationen und NGOs im Vorfeld. Die UNESCO hatte im Mai 2015 zu einem Weltbildungsforum nach Korea geladen, wo ein umfangreicher Maßnahmenkatalog formuliert wurde. Er wurde als „Incheon Deklaration“ bekannt. Das Ziel 4 in den SDGs griff auf diesen zurück, blieb aber in Summe hinter ihm zurück. Der Qualitätsbegriff wurde verwässert und konkrete Ansagen zur Finanzierung des ausgeweiteten Bildungsansatzes blieben aus.

Dennoch: Die Einigung dazu ist positiv, insbesondere weil Bildung als Menschenrecht und öffentliches Gut bestätigt wird und der Fokus auf Gerechtigkeit, Inklusion und Qualität der Bildung liegt. Doch ein genauerer Blick verrät eigentlich wenig Neues. Der Subtext bleibt der Wunsch, Lernergebnisse messen zu wollen und Bildung weiter zu standardisieren.
In Österreich trifft das Ziel, das Inklusion fördern möchte, auf Exklusion. Die jüngsten PISA Ergebnisse zeigen erneut, dass das duale Schulsystem, welches Kinder mit 9 oder 10 Jahren trennt, zu viele Kinder und später Jugendliche von Möglichkeiten gleichberechtigter Bildung ausschließt.

B wie Bildung wie Bessere Welt

Für die entwicklungspolitische Diskussion ist vor allem das Unterziel 4.7. von Bedeutung:
Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und nachhaltige Lebensweisen, Menschenrechte, Geschlechtergleichstellung, eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit, Weltbürgerschat und die Wertschätzung kultureller Vielfalt und des Beitrags der Kultur zu nachhaltiger Entwicklung.“

Inwiefern dieser Bildungsbegriff seinem Anspruch gerecht werden kann und ob die Annahmen, Maßnahmen und Interessen im Hintergrund dieses Bildungsziels eine sozial-ökologische Transformation „nachhaltiger Entwicklung“ ermöglichen, ist zu hinterfragen.

Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Fragen finden Sie im zweiten Artikel von Helmuth Hartmeyer, zum Thema: Hochwertig? Für alle? – Eine kritische Analyse des Ziel 4 der Agenda 2030.

 

Der Autor ist Lehrbeauftragter am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien und Senior Policy Advisor bei GENE (Global Education Network Europe). Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

- Sustainable Development Goals: https://sustainabledevelopment.un.org/?menu=1300

  Sustainable_Development_Goals_Karte_Wikimedia_Creative_Commons.jpg


 Bild von MariaGershuni (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

 


 

Fotos:

1) © Helmuth Hartmeyer

2) SDGs: MariaGershuni (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASustainable_Development_Goals.jpg

 


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