Bildung als Schlüsselfaktor der Agenda 2030?

26.01.2017 | Isabella Wagner
article_1872_041_150.jpg Anlässlich der Präsentation des jährlichen Bildungsberichts zur Lage globaler Bildungsmöglichkeiten wurde die Rolle von Bildung als Entwicklungsziel diskutiert. Fragen danach, wie Bildung in Zukunft aussehen soll und welchen Beitrag sie zu globaler Entwicklung leisten kann, standen dabei im Zentrum.
Ein Jahr ist es nun her, dass die Millenniums-Entwicklungsziele (engl.: Millennium Development Goals - MDGs) von den Nachhaltigen Entwicklungszielen (engl.: Sustainable Development Goals - SDGs) abgelöst wurden. Anlässlich der Vorstellung des jährlichen Bildungsberichts der UNESCO (engl.: Global Education Monitoring Report) wurde das Potential dieser Neuauflage und im Besonderen die Rolle von Bildung als viertes Nachhaltiges Entwicklungsziel (SDG 4) im C3 - Centrum für Internationale Entwicklung diskutiert.

Veranstaltet wurden die Präsentation und anschließende Podiumsdiskussion am 29. November 2016 von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), der Österreichischen UNESCO Kommission, dem Institut für Internationale Entwicklung (IE) sowie dem Zentrum für LehrerInnenbildung, dem Bundesministerium für Bildung und der Plattform Globale Bildungsgerechtigkeit, zu der auch das Paulo Freire Zentrum gehört. Nach einer Begrüßung durch Gabriele Eschig (UNESCO), Petra Dannecker (IE) und Margarita Langthaler (ÖFSE) wurde das Mikrofon an Katarzyna Kubacka übergeben, die als Forschungsbeauftragte der UNESCO den Bericht vorstellte.

Ein Jahr SDG 4 – eine erste Bilanz.

010_bearbeitet.jpgEine prinzipielle Neuerung der SDGs gegenüber den MDGs sei die Tatsache, dass sich erstmals auch Länder des globalen Nordens zur Umsetzung bereiterklären müssen, erklärte Kubacka einleitend.
Auch ein verstärkter Fokus auf qualitative Aspekte von Bildung ist neu und wird im SDG Ziel 4 formuliert: „Inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle fördern“.

Das Anliegen des Global Education Monitoring Reports sei es nun, die Umsetzung des Bildungsziels zu evaluieren, sowie Empfehlungen zu Verbesserungen und Möglichkeiten der Messung von globaler Bildungsbeteiligung abzugeben, so Kubacka.
Im Hinblick auf die bisherigen Erfolge stellte der Bericht in vielen Bereichen Handlungsbedarf fest. So beschrieb Kubacka beispielsweise in Bezug auf Unterziel 4.4., welches die Versorgung von Jugendlichen und Erwachsenen mit berufs- und fachspezifischen Kompetenzen vorsieht, dass nur ein Drittel über Lese- und Schreibfähigkeiten verfügt, obwohl dies eine wesentliche Voraussetzung für Berufsaussichten darstellt.

Bildung als Schlüsselfaktor.

Ausgehend von den Ergebnissen des Berichtes ging Kubacka dann auf die Rolle von Bildung in wichtigen Schlüsselsektoren der Entwicklungspolitik ein. Dabei betonte sie, dass Bildung sowohl im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit, wie auch im Gesundheitswesen und der globalen Ernährung einen zentralen Schlüsselfaktor ausmache. Fortschritte in diesen Bereichen könnten nur mithilfe von Verbesserungen in der Bildungsbeteiligung erlangt werden, so Kubacka. Auch im Sektor Landwirtschaft sei Bildung ein wesentliches Instrument zur Entwicklung. Dessen Potential liege vor allem darin, Fähigkeiten und Wissen zu vermitteln, welche nachhaltigere Wirtschaftsweisen fördern sollen. Die derzeitigen Strategien zur Umsetzung des SDG 4 sehe sie jedoch kritisch: Bei Beibehaltung dieser könnten zentrale Verpflichtungen erst im Jahr 2084 erfüllt werden. Eine Aufstockung des Budgets für Entwicklungsziele und ein verstärkter politischer Wille seien unumgänglich, so Kubacka.

Allheilmittel Bildung?

034_bearbeitet.jpgAuch Tarald Brautaset, norwegischer Botschafter, betonte die Notwendigkeit von politischem Willen und erhöhter Finanzierung der Entwicklungsziele. Norwegen beispielsweise, habe die Finanzierung von Bildung als Entwicklungsziel im Jahr 2016 verdoppelt. Brautaset wünschte sich eine stärkere Ausrichtung von Bildung an nachhaltiger Entwicklung und machte damit deutlich, dass Bildung als Motor für wirtschaftliche Entwicklung fungieren solle. Bildung sei ein Schlüsselfaktor, ohne den Entwicklung und Wachstum nicht umzusetzen seien, so Brautaset.

Bildung als Motor für Wachstum oder als transformativer Akt?

Helmuth Hartmeyer, Lektor am Institut für Internationale Entwicklung und Beiratsmitglied des Paulo Freire Zentrum, nahm schließlich die Frage nach der Zweckwidmung von Bildung auf. Während Kubacka und Brautaset einen Bildungsbegriff verwendeten, der in erster Linie an wirtschaftlichen Anforderungen orientiert ist, forderte Hartmeyer einen Paradigmenwechsel in der Ausrichtung von Bildung.

040_bearbeitet.jpgDer Bildungsbegriff innerhalb der SDGs sei zu eng gefasst und durch seine ökonomische Zweckwidmung problematisch. Es sei ein grober Fehler, Bildung als Mittel zur Ausbildung von gelernten Fachkräften, anstelle von mündigen, selbstbestimmten Bürgern zu begreifen, betonte Hartmeyer gegenüber Brautaset. Bildung solle nicht als Antriebsmotor für Wachstumsparadigmen dienen (welche er hinter dem Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ vermutet), sondern als transformativer Akt, der emanzipatorische und partizipative Aspekte fördere. Dies könne nur gelingen, wenn Bildung in erster Linie als Menschenrecht, nicht aber als Motor für Wachstum verstanden werde. Auch die fortschreitende Standardisierung von Bildung sehe er als problematisch an, sie könne nicht angemessen auf gesellschaftliche Entwicklungen und vielfältige Bildungslagen reagieren, so Hartmeyer.

Zusammengefasst wurde die Diskussion schließlich von einem Gast aus dem Publikum, der Bildung als einen wesentlichen Faktor entwicklungspolitischer Transformationen betonte, ihr jedoch nicht die Rolle als Allheilmittel zuschrieb. Grundlegende Veränderungen könnten nur durch politischen Veränderungswillen und finanzielle Zugeständnisse in allen Schlüsselsektoren der Entwicklungspolitik erreicht werden. Bildung könne nur dann eine transformative Rolle spielen, wenn sie auch als transformativer Akt begriffen werde.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at 

 


 

Weiterführende Links:

- Bildungsbericht 2016: http://gem-report-2016.unesco.org/en/home/

- Geschlechterspezifischer Report: http://unesdoc.unesco.org/images/0024/002460/246045e.pdf

- World education blog: https://gemreportunesco.wordpress.com/

- Sustainable Development Goals: https://sustainabledevelopment.un.org/?menu=1300

 


 

Fotos: © Paulo Freire Zentrum

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