Alternativen für eine rohstoffbasierte Entwicklung? – Workshop mit Eduardo Gudynas.

21.12.2016 | Stefanie Beßler
article_1871_dsc07138_cut_150.jpg Diese Frage war der Fokus des Workshops am 10. Oktober 2016 im C3 - Centrum für Internationale Entwicklung, zu dem Eduardo Gudynas aus Uruguay eingeladen war um in einem kleinen, dialogischen Rahmen mit Interessierten über Probleme und Alternativen der Ressourcenausbeutung zu diskutierten. 

Als Chefsekretär des „Centro Latino Americano Ecología Social (CLAES)“ hat sich Eduardo Gudynas intensiv mit dem Thema des Ressourcenextraktivismus und alternativen Entwicklungsmodellen beschäftigt und schreibt in verschiedenen Medien über sozial-ökologische Herausforderungen. Der Workshop wurde von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) und der Dreikönigsorganisation (DKA) organisiert, sowie von der Universität Wien und dem Lateinamerikainstitut unterstützt. Karin Küblböck (ÖFSE) und Herbert Wasserbauer (DKA) moderierten die Veranstaltung.

Negative sozial-ökologische Folgen des Extraktivismus.

Unter Extraktivismus verstehe man, laut Eduardo Gudynas, diejenigen ausbeuterischen landwirtschaftlichen Aktivitäten, die im Bergbau, in der Ölindustrie und im Anbau von Monokulturen in einem großen, intensiven Maß erfolgen und an globale Märkte angebunden sind. Anhand einiger eindrücklicher Bilder vom Sojaanbau in Argentinien und Eisenabbau in Brasilien verdeutlichte Gudynas, welche ökologischen Folgen solche Eingriffe in die Natur mit sich bringen. Oftmals tragen vor allem die unterstützenden Aktivitäten, die für extraktive Projekte notwendig sind, noch schlimmere Auswirkungen mit sich: Beispielsweise werden Wasserkraftwerke für die Stromversorgung oder Highways für Transportwege errichtet und flexiblere (Umwelt-)Gesetze im Schnellverfahren erlassen, um diese Projekte zu ermöglichen, kritisierte Gudynas.

Vom Neo-Extraktivismus zum Post-Extraktivismus!

Vor allem seit den 2000er Jahren haben sich die progressiven Regierungen Lateinamerikas mit dem Konzept des Neo-Extraktivismus eine Legitimationsbasis für eine intensivere Rohstoffausbeutung geschaffen, so Gudynas. Durch Investition der eingenommenen Renten in Sozialprogramme werde dieses ökonomische Entwicklungsmodell als Instrument zur Armutsbekämpfung und für soziale Gerechtigkeit vermarktet. Obwohl die Form der Rohstoffaneignung sich von Land zu Land unterscheide (beispielsweise befördern in Bolivien hauptsächlich staatliche Firmen und in Kolumbien dagegen transnationale Firmen die Rohstoffe aus dem Boden), so belaufen sich die negativen sozio-ökologischen Effekte auf dieselben. Eduardo Gudynas erklärte, dass der gegenwärtige Rohstoffpreisverfall zu einer Intensivierung extraktiver Aktivitäten in Lateinamerika geführt habe und die Antwort auf soziale Bewegungen gegen diese Projekte oft gewaltsame Unterdrückung sei. Er rate deshalb zu einer dringenden Abwendung vom Extraktivismus hin zum Post-Extraktivismus. Dabei betonte er, dass Post-Extraktivismus gleichzeitig einen Post-Development-Ansatz darstelle und ein Nachdenken über Alternativen zur Entwicklung erfordere.

Von der Utopie zur konkreten Transformation.

Um zu einem Post-Extraktivismus-Szenario zu kommen, sei die Übergangsphase entscheidend. Man müsse die extraktiven Aktivitäten drastisch reduzieren und die Konsumgewohnheiten ändern. Genauso bräuchte es eine selektive Abkopplung von Globalisierungsprozessen. Dies könne durch eine Stärkung lokaler Ökonomien und interregionalem Handel zwischen verschiedenen biologischen Regionen gelingen, wozu es auch bereits Übereinkommen zu Transitionsstrategien gäbe, so Gudynas.

(G)Lokale Perspektiven aus Brasilien, Kolumbien und Argentinien.

Im Anschluss warf Bernhard Leubolt von der Wirtschaftsuniversität ein, dass man sich auch bewusst sein sollte, dass deutsche Stiftungen, wie zum Beispiel die Rosa-Luxemburg-Stiftung, Forschung über Extraktivismus finanzieren. An einem konkreten Beispiel zum Bergbau in Kolumbien von Stefanie Beßler (Studentin der Internationalen Entwicklung und Praktikantin im Paulo Freire Zentrum) wurde klar, wie die kolumbianische Regierung den Bergbau als „locomotora minera“ (dt.: Entwicklungsmotor) forciert und transnationalen Firmen enorme Steuererleichterungen einräumt. Diese versuchen wiederum mit Programme zur „Corporate Social Responsibility“ (dt.: unternehmerischer Sozialverantwortung) die Konsequenzen des Tagebaus (Zwangsumsiedlungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen der AnwohnerInnen durch Luftverschmutzung und Wassermangel) zu kompensieren, so ihre Analyse.

Dennoch sei eine bessere Einbindung der lokalen Bevölkerung möglich und Alternativen zum extraktivistischen Modell durchaus denkbar. Es sollte mit konkreten Fallbeispielen gearbeitet werde, wie beispielsweise der Kohleabbauregion „La Guajira“, für die eine Herausbildung des handwerklichen Sektors denkbar wäre. In einem dritten Beitrag, erklärte Robert Hafner (Universität Innsbruck), dass Argentinien eine Privatisierungswelle des Landbesitzes durchlaufen habe und dass es unter der neuen Regierung Mauricio Macris sicherlich zu einer Ausweitung der Sojaproduktion kommen werde.

Gemeinsame Verantwortung exportierender und importierende Länder.

Aus den folgenden Diskussionen wurde schließlich klar, dass die Rolle der Akteure sich ändert und dass Machtverhältnisse analysiert werden müssen. Denn letztendlich sei die Diskussion über Extraktivismus als Entwicklungsmodell nicht nur eine Entscheidungsfrage für die lateinamerikanischen Regierungen, sondern auch für die Entscheidungen der EU zur Rohstoffpolitik, die momentan auf einen einfachen Ressourcenzugang abziele. Also müssen auch die Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten des globalen Nordens mitdiskutiert werden, so der gemeinsame Nenner der Diskussion.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 
Bemerkung: Die Veranstaltung fand in englischer Sprache statt. Die Zitate wurden von der Artikelautorin ins Deutsche übersetzt.

 



Weiterführende Links:

- Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE): http://www.oefse.at/

- Dreikönigsaktion: https://www.dka.at/home/

- Eduardo Gudynas Blog: http://accionyreaccion.com/

- CLAES (Centro Latina Americano Ecología Social): http://www.ambiental.net/

  - Beispiel zu Alternativen zum Bergbausektor in Kolumbien in Blickpunkt Lateinamerika: http://www.blickpunkt-lateinamerika.de/news-details/article/analyse-wirtschaftliche-entwicklung-ohne-rohstoffausbeutung.html?no_cache=1&cHash=5f574d42a12dbe0be28e7717ae597630


 

Fotogallerie der ÖFSE: http://www.oefse.at/service/fotogalerien/Fotogalerie-10-11-2016/