Das Ende einer progressiven Ära in Lateinamerika? – Konferenz mit Eduardo Gudynas.

21.12.2016 | Stefanie Beßler
Warum befindet sich ein Großteil der progressiven Regierungen in Lateinamerika in einer politischen Krise? Und welche Rolle spielen die sozialen Errungenschaften, die mit Hilfe der Rohstoffrenten erzielt wurden? Darüber wurde am 11. Oktober 2016 mit Eduardo Gudynas aus Uruguay diskutiert.

Mit etwa 100 interessierten ZuhörerInnen füllte sich der Alois Wagner-Saal im C3 - Centrum für Internationale Entwicklung für die zweite Veranstaltung mit Eduardo Gudynas (Chefsekretär des „Centro Latino Americano Ecología Social (CLAES)“, Uruguay), bei der sich alles um die Rolle des Extraktivismus für die progressiven Regierungen in Lateinamerika und deren gegenwärtige Krise drehte. Wie der Workshop am Vortag wurde auch diese Veranstaltung von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) und der Dreikönigsorganisation (DKA) organisiert, sowie von der Universität Wien und dem Lateinamerikainstitut unterstützt.

Das Ende der linken, progressiven Regierungen.

 „Da manche Leute meinen Worten nicht glauben, zeige ich Bilder.“ So begann Eduardo Gudynas Keynote-Vortrag, der von riesigen Tagebauwerken und kargen Landschaften szenisch untermalt wurde. Er berichtete von einer Intensivierung der Ausbeutung natürlicher, nicht-nachwachsender Ressourcen unter den linken, progressiven Regierungen Lateinamerikas: unter José Mujica in Uruguay, Hugo Chavez in Venezuela, Rafael Correa in Ecuador, Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien und Evo Morales Bolivien. Weiters führte er aus, dass unter dem Begriff „Neo-Extraktivismus“ die von der Rohstoffextraktion erwirtschafteten Renteneinnahmen in Sozialprogramme investiert wurden, um die Lebensbedingungen der ärmeren Bevölkerungsschichten zu verbessern. Allerdings würden sich in den letzten Jahren vermehrte Krisen dieser progressiven Regierungen abzeichnen, die gegenwärtig durch Regierungswechsel zugunsten konservativer Parteien abgelöst werden.

Paradigma der Armutsminderung auf Kosten der Umwelt.

Wussten Sie, dass unter der Führung von Lula und Dilma die schlimmsten Gewaltverbrechen gegen Indigene begangen wurden und Brasilien das größte Bergbau-Land ist?“ fragte Eduardo Gudynas weiter und wies außerdem darauf hin, dass NROs, die sich gegen extraktive Projekte engagieren, oftmals das Land verlassen müssen. Die Form der ökonomischen Modelle zur Ressourcenextraktion unterscheide sich zwar zwischen konservativen und progressiven Regierungen, ihre Mittel diese durchzusetzen seien aber dieselben: Subventionen und Steuererleichterungen für transnationale Unternehmen. Ganz zu schweigen von den verheerenden sozialökologischen Folgen der Rohstoffausbeutung. Für Eduardo Gudynas sei es zudem bedenklich, dass die progressiven Regierungen mit ihren Sozialförderungen die Lebensqualität de facto gemindert haben und die Kommodifizierung des sozialen Lebens und der Natur vorantreiben.

Nicht das Ende einer Ära, aber eine „konservativere“.

Am Ende war für Eduardo Gudynas klar, dass wir in Lateinamerika gegenwärtig weder das Ende einer progressiven Ära, noch eine neue Ausdrucksform neoliberaler Ideen erleben, sondern progressive Regierungen als das neue Regime.
Tobias Boos, Politikwissenschaftler der Universität Wien, entgegnete in seinem Konferenzbeitrag, dass für eine Analyse eines möglichen Endes der progressiven Ära vielmehr untersucht werden sollte, inwiefern die Lebensbedingungen verbessert und die entsprechenden Institutionen so verankert wurden, dass sie einen Regierungswechsel überstehen würden. In seiner Analyse der argentinischen Regierung kam er zu dem Schluss, dass unter Kirchner die Lebensbedingungen verbessert wurden, aber die Institutionen nicht gefestigt werden konnten.
Nach Auffassung Andreas Novys von der Wirtschaftsuniversität Wien, überstünden die tiefgreifenden Strukturen in der brasilianischen Gesellschaft auch einen Wandel des politischen Systems. Denn es herrsche großer Widerstand gegen die Überwindung der Vermächtnisse der brasilianischen Sklavenhalter-Gesellschaft. Laut ihm könne man in Brasilien also durchaus von einem Ende der Ära der sozialdemokratischen Regierung Lulas sprechen, da die Arbeiterpartei stark geschwächt sei und keine Nachfolge habe.

Am Ende der Diskussion mit dem Publikum wurde klar, dass die Krisen der gegenwärtigen linken Regierungen in Lateinamerika länderspezifisch seien, aber dennoch gemeinsam haben, dass unter den rechten Regierungen keinesfalls dem Ressourcenextraktivismus abgedankt werde. Das Wachstumsparadigma werde weiter und intensiver auf Kosten der Umwelt verfolgt werden – nur diesmal ohne Umverteilung und Sozialprogramme für die am stärksten benachteiligte Bevölkerungsschicht.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 
Bemerkung: Die Veranstaltung fand in englischer Sprache statt. Die Zitate wurden von der Artikelautorin ins Deutsche übersetzt.

 


 
Weiterführende Links:

- Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE): http://www.oefse.at/

- Dreikönigsaktion: https://www.dka.at/home/

- Eduardo Gudynas Blog: http://accionyreaccion.com/

- CLAES (Centro Latina Americano Ecología Social): http://www.ambiental.net/

 


 

Fotogallerie der ÖFSE: http://www.oefse.at/service/fotogalerien/Fotogalerie-10-11-2016/