Wo bleibt die Schule für alle?

21.12.2016 | Barbara Groß
article_1869_03_150.jpg Zum 40-jährigen Jubiläum der Zeitschrift „Schulheft“ fand am 16. November 2016 eine kritische Podiumsdiskussion in der ÖGB-Fachbuchhandlung statt. Die TeilnehmerInnen diskutierten über Herausforderungen des aktuellen Schulsystems in Österreich und die Idee der Gesamtschule.
Seit 1976 setzt sich das Schulheft kritisch mit bildungspolitischen Themen auseinander - so auch das aktuelle Schulheft Nr. 162 mit dem Titel "Neue Mittelschule NMS: Reform von oben für die da unten", das den Ausgangspunkt der Diskussion darstellte. Manfred Arthaber (ÖGB Fachbuchhandlung) begrüßte die etwa 60 Anwesenden im Publikum, die vier Podiumgsgäste Jürgen Czernohorsky (Präsident des Stadtschulrats für Wien), Gertrude Nagy (Erziehungswissenschaftlerin, ehemalige HS-Direktorin), Heidi Schrodt (Bildung Grenzenlos, ehemalige AHS-Direktorin) und Helmut Breit (NMS-Lehrer, Personalvertreter) sowie die Moderatorin Eveline Christof (Schulheft, Erziehungswissenschaftlerin).

Keine Chancengleichheit im österreichischen Schulsystem.

Zu Beginn der Veranstaltung nahmen alle vier DiskutantInnen Stellungnahme zum aktuellen Schulsystem in Österreich.
Helmut Breit kritisierte aus seiner Position als Lehrer einer Neuen Mittelschule (NMS), dass im österreichischen Schulbildungssystem nach Sparpaketen und Kürzungen nur noch "kosmetische Reformen" übriggeblieben seien, die viele unterschiedliche Schultypen hervorgebracht hätten. Keine der Reformen hätte aber den Schritt in Richtung einer gemeinsamen Schule unternommen. Aus eigener Erfahrung finde Breit jedoch eine Lerngemeinschaft zwischen sozio-ökonomisch benachteiligten und "besser" gestellten SchülerInnen wichtig.
Gertrude Nagy machte daraufhin deutlich, dass die soziale Zusammensetzung der SchülerInnen in den Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS) und den Neuen Mittelschulen (NMS) nicht miteinander vergleichbar seien. Diese weiterhin nach Leistung und sozialem Hintergrund gegliederte selektive Sekundarstufe würde keine Chancengleichheit ermöglichen.
Nach der Einschätzung von Heidi Schrodt werde es aber in nächster Zeit keine Entscheidung zur Gesamtschule geben, da das Schulsystem in Österreich noch immer "systemisch-ständisch" geprägt sei. Zudem kritisierte sie die OECD-Orientierung Österreichs, bei der eine ökonomische Ausrichtung und Output-Orientierung im Vordergrund stünde. Dabei stellte Schrodt in Frage, dass soziale Gerechtigkeit über das Lernen für den Pisa-Test erreicht werden könne.
Auch Jürgen Czernohorsky bemängelte zwar, dass es in Österreich keine gemeinsame Schule für alle gibt. Er nahm jedoch den Versuch einer optimistischeren Einschätzung vor, indem er anerkannte, dass sich schon einiges verändert habe: So zum Beispiel die Einführung eines gemeinsamen Lehrplans. Schwieriger sei es hingegen, "an den ganz großen Rädern zu drehen", meinte Czernohorsky.

Gesellschaftsbild hinter dem Bildungsverständnis.

Im Anschluss an die Beiträge des Podiums hatten die Anwesenden im Publikum die Möglichkeit zur Meinungsäußerung und Diskussion.
Ein Veranstaltungsteilnehmer warf die Frage auf, welches Gesellschaftsbild hinter der Bildungsgestaltung stehe: Möchten wir durch die Schule eine inklusive Gesellschaft und eine Solidarisierung mit Anderen erreichen? Oder befürworten wir ein neoliberales Verständnis, das mit Individualisierung einhergeht?
Daraufhin benannte eine weitere Publikumsteilnehmerin die Neue Mittelschule als Beispiel für eine solche Dominanz des neoliberalen Menschenbilds. Dieses Menschenbild sei durch Konkurrenzdenken geprägt; und kritisches Denken habe keinen Platz mehr. Das führe zur "Verschlechterung einer kritisch-pädagogischen Sicht", so die Teilnehmerin.
Schließlich schloss eine Besucherin, dass eine inklusive Schule nicht möglich sei, solange die AHS-SchülerInnen an die NMS "abgeschoben" werden könnten, wenn diese nicht den Erwartungen entsprechen. Deswegen gelte es, diese Problematik im Sinne einer gerechten und inklusiven Schule anzugehen.

Was macht Bildung eigentlich aus?

In einer Abschlussrunde nahmen die vier PodiumsdiskutantInnen nochmals eine Stellungnahme vor.
Nagy befand eine Personalisierung anstelle einer Individualisierung als wichtig also dass LehrerInnen auf alle SchülerInnen und deren spezifischen Bedürfnisse individuell eingehen müssten. Denn ihrer Meinung nach mache Bildung mehr aus, als das Lernen von Mathematik, Deutsch und Englisch.
Auch Czernohorsky betonte, dass er Individualisierung so verstehe, dass sich die Schule an den Lernenden orientieren muss. Dabei dürfe kein monotoner, frontaler Unterreicht gehalten werden, bei dem SchülerInnen wie ein "Gefäß" mit Wissen befüllt werden. Vielmehr sei eine persönliche Beziehung zwischen den SchülerInnen untereinander und zu den LehrerInnen wichtig. Schrodt fügte hinzu, dass dafür eine bloße Ausbildungspflicht nicht ausreiche, sondern eine Systemveränderung nötig sei.
Und Breit forderte schließlich sehr pointiert, den "neoliberale Wahnsinn", SchülerInnen nach der vierten Klasse zu trennen, durch Maxime wie Gerechtigkeit und Solidarität anstelle von UnternehmerInnentum zu ersetzen.

Nach den vielseitigen Diskussionsbeiträgen bedankte sich die Moderatorin Eveline Christof bei den Gästen des Podiums und dem Publikum und Manfred Arthaber lud zur Vertiefung der Auseinandersetzungen beim Buffet ein.

Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

Link zur Zeitschrift: Schulheft

Fotogallerie zur Veranstaltung vom ÖGB Verlag: http://foto.oegbverlag.at/web/V01/Neue-Mittelschule-Webalbum/ 

 


 Fotos: Daniel Flamme © ÖGB Verlag