Grauzonen der Arbeit im Fokus des Journals für Entwicklungspolitik.

01.12.2016 | Mareike Paulus
article_1865_jep_2015-4_cover_150.jpg Ein „Normalarbeitsverhältnis“ ist global gesehen längst nicht mehr „normal“. Grenzen zwischen formellem und informellem Sektor verschwimmen zunehmend. Mit diesen „Grauzonen“ beschäftigt sich Heft  4/2015 des Journals für Entwicklungspolitik (JEP), auf dessen Grundlage am 14. September 2016 in der Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags diskutiert wurde.

Arbeit: Globale Entwicklungen – oder Verwicklungen?

60 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse weltweit sind zumindest teilweise informell. Mit dieser erschreckend hohen Zahl begann Johanna Sittel (Universität Jena, Schwerpunktredakteurin des Hefts) das aktuelle JEP vorzustellen. Ziel des Heftes sei es, genauer hinzuschauen, was diese Zahl bedeute. Weltweit seien Informalisierungsprozesse festzustellen, die das „Normalarbeitsverhältnis“ zunehmend unterwanderten. Gründe dafür seien zum einen zunehmendes Outsourcing (dt.: Auslagerung)  und ein Abbau der Regulierungsmechanismen in  Wohlfahrtsstaaten. Informelle Arbeit könne aber auch eine Überlebensstrategie sein, oder um ein wenig Geld dazu zu verdienen. Weltweit gebe es sehr unterschiedliche Artikulationen informeller Arbeit.

Frauen, MigrantInnen und Menschen mit Behinderung besonders von Ausbeutung betroffen.

Herausfordernd für Forschende und PolitikerInnen sei die starke Verzahnung von formellen und informellen Bereichen. Beispielsweise gebe es zwar einen formalen Arbeitsvertrag, informell gebe es aber weitere Absprachen. „Diese informellen Möglichkeiten sind gerade in kleinen Betrieben oft die einzige Option, um dem Kostendruck gerecht zu werden“, so Sittel im Hinblick auf ihre eigene Forschung in Argentinien. Politisch gegen diese Form der Informalität vorzugehen sei sehr schwierig, Inspektionen würden von den Betrieben entsprechend vorbereitet. Am Beispiel der Arbeitsbedingungen in China werde deutlich, dass von prekären Arbeitsverhältnissen ohne Arbeitsvertrag und ohne Sozialversicherung vulnerable Gruppen wie Frauen, MigrantInnen oder Menschen mit Behinderung in besonderem Maße betroffen sind. Für sie gibt es weniger Möglichkeiten, ihre Rechte einzufordern. Das gilt auch für illegalisierte MigrantInnen, die in Spanien Tomaten pflücken und dafür fast keinen Lohn bekommen. Diese Beispiele zeigen die globalen Verflechtungen auf. Um gegen diese prekären Arbeitsverhältnisse vorzugehen, sei ein Dialog notwendig, der über nationale oder regionale Diskurse hinaus gehe.

Situation informell Arbeitender in Österreich.

Philip Taucher (UNDOK – Anlaufstelle zur gewerkschaftlichen Unterstützung UNDOKumentiert Arbeitender und Beiratsmitglied im Paulo Freire Zentrum) beleuchtete nach dieser globalen Einordnung die konkrete Situation in Österreich. Er ging dabei hauptsächlich auf die Situation von Personen ein, die sich an die Anlaufstelle für undokumentiert Arbeitende des Österreichischen Gewerkschaftbundes (ÖGB) wenden. „Illegalität ist keine inhaltliche Qualität der Arbeit. Illegalität entsteht durch die Gesetze, die den Zugang zur Arbeit regulieren“, stellte er zunächst klar. In Österreich gebe es 28 verschiedene Aufenthaltstitel, aber nur vier davon erlaubten den unbeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. So könne es sein, dass durch eine Änderung im Aufenthaltsstatus ein bis dahin "legales" Arbeitsverhältnis plötzlich "illegal" werde. Notwendig sei es also, die Betroffenen zu den geltenden Arbeitsrechten zu informieren. Oft wüssten die ArbeitnehmerInnen gar nicht, welche Rechte ihnen zustünden. Die Anlaufstelle führe zum einen Workshops mit MultiplikatorInnen durch, beteilige sich an Kampagnen und mache Beratung & Begleitung.

Schattenwirtschaft als „Inländerproblem“.

Es gebe nach Taucher nur sehr vage Schätzungen, wieviele Personen in Österreich in informellen Beschäftigungsverhältnissen tätig seien. Nach einer Studie der Universität Linz seien etwa 100 000 Personen aufgrund ihres Aufenthaltstitels „illegal“ beschäftigt. Insgesamt würden etwa 800 000 Personen „schwarz“ arbeiten und erwirtschafteten dadurch 8,5 Pozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Nach dieser Schätzung sei also der Anteil von MigrantInnen in der Schattenwirtschaft niedriger als in der sonstigen Wirtschaft. Anders als oft dargestellt, sei informelle Arbeit somit hauptsächlich ein „Inländerproblem“. MigrantInnen seien jedoch viel verletzbarer, ein unsicherer Aufenthaltsstatus könne von Arbeitgebern ausgenutzt werden, um sich beispielsweise vor Sozialabgaben zu drücken. Informelle Arbeitsverhältnisse seien nach Einschätzung von Taucher vor allem in sehr arbeitsintensiven Sektoren wie der Landwirtschaft, auf dem Bau, in der Hotelerie oder in haushaltsnahen Tätigkeiten sowie im Bereich der Sexarbeit zu finden. Diese Bereiche seien durch sehr lange Arbeitszeiten, starke körperliche Anstrengung und einen niedrigen Lohn gekennzeichnet.

Beendigung von Ausbeutung muss an Institutionen ansetzen.

In der anschließenden von Clemens Pfeffer (Mattersburger Kreis) moderierten Diskussion wurde vor allem über Möglichkeiten zur Beendigung von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen geredet. Für Johanna Sittel war klar, dass ein neoliberales Model nicht funktioniere. Nach diesem Model sei die Deregulierung von Arbeitsverhältnissen die Lösung. Auch mehr Kontrollen funktionierten in den wenigsten Fällen. Zum einen gebe es immer Mittel und Wege, die Kontrollen zu umgehen. Zum anderen führten die Kontrollen oft zu einer Bestrafung der ArbeitnehmerInnen, die eigentlichen Verantwortlichen würden jedoch nicht zur Rechenschaft gezogen. Als dritte Lösung bleibt, an den Institutionen anzusetzen. So gelte es, zu schauen, welche Regulierungen Ausbeutung förderten und diese zu verändern. Das könne beispielsweise bedeuten, den Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt für „AusländerInnen“ zu vereinfachen.

Klar wurde im Verlaufe des Abends, dass der Blick für die Grauzonen der Arbeit geschärft werden muss. Diese Grauzonen beinhalten jedoch sehr unterschiedliche Phänomene, somit gibt es keine einfachen Antworten für dieses komplexe Phänomen. Der JEP-Band liefert Anstöße zum Weiterdenken und -forschen.


Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weitere Informationen:

- Link zum Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik

- Link zum Journal für Entwicklungspolitik: http://www.mattersburgerkreis.at/site/de/publikationen/jep

- Linl zum Heft "Grauzonen der Arbeit": http://www.mattersburgerkreis.at/site/de/publikationen/jep/alleausgabenartikel/article/151.html

  - Link zur Anlaufstelle zur gewerkschaftlichen Unterstützung UNDOKumentiert Arbeitender (UNDOK): https://undok.at/

  - Link zu Weltumspannend Arbeiten: http://www.weltumspannend-arbeiten.at/

  - Link zur Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags: http://www.diefachbuchhandlung.at/cms/V01/V01_20.0

 


 

Fotos: Mareike Paulus © Paulo Freire Zentrum