Kann Wissenschaft global denken?

12.07.2016 | Redaktion
article_1837_rtemagicp_fgp-as-sid7_150.jpg Am 2. Juni 2016 wurde der neue Sammelband der Reihe „Salzburger interdisziplinäre Diskurse“ zum Thema „Wissenschaft und globales Denken“ präsentiert. Darin finden sich auch Beiträge von JungforscherInnen der Entwicklungstagung 2014 und ein Text von Gerald Faschingeder zur Frage: Kann Entwicklungsforschung global denken?

Ergebnis der Tagung „Wissenschaft und globales Denken“.

Am 27./28. November 2014 fand an der Universität Salzburg eine interdisziplinäre Tagung „Wissenschaft und globales Denken“ statt, veranstaltet vom Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen (Franz Gmainer-Pranzl) und vom Fachbereich Geschichte (Angela Schottenhammer, Außereuropäische und Globalgeschichte). Zentrale Fragestellung dieser Tagung war die Frage, was „globales Denken“ – in kritischem Kontrast zu Globalisierungsstrategien – in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen bedeute.
Aufbauend auf der Tagung wurde nun der neue Sammelband der Reihe „Salzburger interdisziplinäre Diskurse“ zum Thema „Wissenschaft und globales Denken“ herausgegeben und am 2. Juni 2016 präsentiert. „Was aber ist mit „Globalität“ gemeint?“  ist im Vorwort des Buches zu lesen, „was heißt globales Denken und inwiefern fordert der Bezug auf globale Zusammenhänge die gewohnten Muster  und Methoden der Wissenschaften heraus“? Im Sinne dieser Fragen möchte der Sammelband einen Beitrag zur „reflexiven Globalität“ in den Wissenschaften leisten.

Abstrakt, konkret, global, regional, disziplinär, interdisziplinär.

Die Vorträge, die im Rahmen der Tagung von WissenschaftlerInnen aller vier Fakultäten der Universität Salzburg gehalten wurden, bilden den ersten Teil des Buches, das im Frühjahr 2016 veröffentlicht wurde. Hier beschäftigt sich beispielsweise Helwig Schmidt-Glintzer (Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel Universität Göttingen) mit „Wissenschaft, globalem Denken und der Ungleichzeitigkeit von Modernisierungsprozessen“, oder Ulli Vilsmaier (Beiratsvorsitzende des Paulo Freire Zentrums, Universität Lüneburg) mit dem „Wirkungszusammenhang zwischen Forschungspraxis, Erkenntnisfeld und der Art zu denken“.
Zahlreiche weitere Beiträge aus verschiedenen Arbeits- und Forschungsbereichen zum Thema Wissenschaft und globales Denken finden sich im zweiten Teil des Buches. So zum Beispiel Auseinandersetzungen mit globalem Denken in den Rechtswissenschaften, in Philosophie und Theologie, Texte mit regionalem Bezug oder auch mit konzeptuellem Fokus (Beispiel: Globales Lernen).

„Kann Entwicklungsforschung global denken“?

Schließlich setzt das Band einen Schwerpunkt auf die Reflexion globalen Denkens in der Entwicklungsforschung. Drei Forschungsarbeiten zu diesem Thema, die von NachwuchswissenschaftlerInnen im Forum der JungforscherInnen im Rahmen der sechsten österreichischen Entwicklungstagung (14.-16.11.2014 an der Universität Salzburg) präsentiert wurden, sind in diesem dritten Teil des Buches abgedruckt. Eingeleitet werden diese durch einen Text von Gerald Faschingeder, in dem er fragt: „Kann Entwicklungsforschung global denken“?

Zum einen ließe sich argumentieren, dass Entwicklungsforschung über die Analyse  des Welthandels und der Weltpolitik schon immer Globalität untersucht habe. „Andererseits aber müssen sich auch Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik fragen, ob sie nicht selbst Träger des Eurozentrismus sind und Globalität in Denken und Handeln mehr verhindern als fördern“, so Faschingeder in seinem Beitrag.

Zu beiden Thesen findet Faschingeder Belege, wählt aber letztlich der Weg der persönlichen, biographischen Selbstbefragung, um eine ebenso persönliche Antwort zu geben: „Ich gestehe, ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie man „global denken“ kann. […] Mein Denken kann nur das umfassen, was ich in meinen Geist einbeziehen kann,  und dies wird niemals der gesamte Globus sein, alles andere zu behaupten erscheint mir anmaßend. Was mir aber sehr wohl möglich erscheint, ist ein Denken, dass sich jenen Ansprüchen stellt, die die Globalisierung von Wirtschaft, Politik, Umweltfragen und Migrationserfahrungen heute erheben. Der Komplexität und Interdependenz all dieser Phänomene kann ein einzelnes denkendes Subjekt aber niemals gerecht werden, vielmehr braucht es einen Polylog […]“.

Als Ort des globalen Denkens reflektiert Faschingeder daraufhin die sechste österreichische Entwicklungstagung. Die dortige kritische Auseinandersetzung, beispielsweise mit den globalen  „Nachhaltigen Entwicklungszielen“ oder  mit alternativen Konzepten wie „Buen Vivir“, werde zumindest dem Anspruch eines selbstkritischen Polyloges der Entwicklungsforschenden gerecht, schließt Faschingeder.

Globales Denken als selbstkritische Herausforderung.

Auch bei der Präsentation des Buches am 2. Juni 2016 im Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg kam das Anliegen der Tagung sowie der Publikation nochmals deutlich zur Sprache:„Globales Denken“ versteht sich nicht als Expansionsstrategie, sondern als (selbst-)kritischer Impuls, der „Globalität“ als Herausforderung und Anspruch begreift.

Dies betonten auch die drei Teilnehmerinnen am Podium, das von Sarah Dingler (Doktorandin am Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie) moderiert wurde: Angela Schottenhammer wies darauf hin, wie sich eine eher national ausgerichtete Sinologie immer mehr zu einer Wissenschaft entwickelte, die globale Zusammenhänge wahrnahm. Heidi Grobbauer (KommEnt Salzburg) zeigte die neuen Möglichkeiten „globalen Lernens“ auf, die in verschiedenen Schultypen, aber auch im universitären Kontext zu Veränderungen führt. Julia Schöneberg (European Association of Development Research and Training Institutes, Bonn) machte deutlich, dass „globales Denken“ keine „Vogelperspektive“ darstellt, sondern eine kritische Verbindung von lokalem Denken und globalem Bewusstsein.

 

 

AutorInnen: Franz Gmainer-Pranzl und Laura Magenau. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Informationen zum Sammelband:

Franz Gmainer-Pranzl/Angela Schottenhammer (Hg.) (2016): Wissenschaft und globales Denken (Salzburger interdisziplinäre Diskurse, 7). Frankfurt am Main 2016: Peter Lang Edition. (490 Seiten)

Informationen zur Reihe: Salzburger Interdisziplinäre Diskurse

Informationen zur Tagung: Wissenschaft und globales Denken

 


 

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