Energiewende – Warum, wie und für wen?

04.05.2016 | Barbara Groß
article_1826_img_0681_150.jpg Am 18. April 2016 lud die Dialogreihe „Gutes Leben für alle“ zur Auseinandersetzung mit der Frage „Energiewende – Warum und für wen?“ ein. Im Zentrum der Veranstaltung stand die Notwendigkeit eines grundlegend neuen Verhältnisses von Gesellschaft und Natur, um die Energiewende zu realisieren.

Die Dialogreihe „Gutes Leben für alle“ wird von mehr als 20 Partnerorganisationen, darunter auch das Paulo Freire Zentrum, getragen. Die Veranstaltungen der Dialogreihe unterstützen bestehende wissenschaftliche und praktische Bemühungen, kleine und große sozialökologische Veränderungen wirksamer einzuleiten. Zu Beginn der Veranstaltung zum Thema Energiewende in der VHS Urania hielt Nick Hildyard, Gründer und Leiter der britischen Nichtregierungsorganisation „Corner House“, einen Vortrag.  Im Anschluss folgte ein Kommentar von Leonore Gewessler, Geschäftsführerin der Umweltorganisation Global 2000. Die Veranstaltung schloss mit einer Diskussionsrunde mit den etwa 35 TeilnehmerInnen.

Energie der Ungerechtigkeit.

Die Energiewende verfolgt das Anliegen, eine nicht-nachhaltige Energieversorgung mittels fossiler, atomarer Energieträger durch eine ökologische, nachhaltige Energieversorgung mittels erneuerbarer Energien zu ersetzen. Technologien zur alternativen Energiegewinnung durch erneuerbare Energie seien hierfür zwar bedeutsam – Nick Hildyard warnte jedoch vor einem „naiven Glauben an die Technologie“. Gleich zu Beginn seines Vortrages betonte er, dass die Energiewende mehr als technologische Innovation erfordere: Nicht nur fossile Brennstoffe, sondern den Kapitalismus an sich müsse hinterfragt werden.
Dies verdeutlichte Hildyard anhand der ungleichen globalen Vermögensverteilung im Kapitalismus. Es gebe heute eine extreme Konzentration von Reichtum bei sehr wenigen Reichen. Aber wie hängt diese Akkumulation durch die Reichen mit der Energieproduktion zusammen?  Der Vortragende erklärte dies so:  Unser heutiges Wirtschaftssystem erfordere einerseits einen hohen Ressourcenverbrauch, andererseits aber auch zahlreiche ArbeiterInnen, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, um die Profite der Reichen zu maximieren. Das aktuelle kapitalistische System sei somit auf fossile Energien und Profitmaximierung, aber auch auf die Kontrolle von ArbeiterInnern angewiesen. Angesichts dieser Ausbeutungsstrukturen und nicht-nachhaltigen Wirtschaftsweise unterstrich Hildyard die Notwendigkeit einer grundlegenden sozialen Neuorientierung.

Neues Naturverständnis als Basis der Energiewende.

Als wesentliche Komponente einer solchen Energie-und Gesellschaftswende benannte der Vortragende die Neuorientierung unseres Gesellschaft-Natur-Verhältnisses. Hildyard bezeichnete die Trennung von Gesellschaft und Natur als Charakteristikum der Moderne, das es zu überwinden gelte. Er setzte diesem Verständnis entgegen, dass sich Natur und Mensch doch gegenseitig bedingen würden. Somit sei Respekt vor der Natur ganz zentral – und hier könnten wir viel von bäuerlichen Gesellschaften lernen, so Hildyard.
Ein neues Verhältnis zwischen Gesellschaft und Natur impliziere in der Folge auch politische und wirtschaftliche Veränderungen hin zu einer demokratischen, gerechten Verteilung von Reichtümern.
Doch wie lassen sich derartig grundlegende Veränderungen durchsetzen?

Energiewende als individuelle, kollektive und politische Wende.

Zur praktischen Umsetzung einer umfassenden, ganzheitlichen Energiewende gebe es laut Hildyard keinen konkreten Masterplan. Diese sei  vielmehr als Prozess zu begreifen oder als Ergebnis vieler kleiner Handlungen. Als Ausgangspunkt benannte der Referent individuelle Erfahrungen von Ungerechtigkeit. Aus diesen könne eine Bewusstseinsbildung erfolgen, welche schließlich in die Organisation von sozialen Bewegungen für mehr soziale Gerechtigkeit münde. Darüber hinaus seien jedoch auch politische AkteurInnen relevant, denn Energiefragen könnten nicht isoliert von Politik betrachtet werden.

AkteurInnen der Energiewende.

Auch Leonore Gewessler ( „Global 2000“), die Hildyards Vortrag aus Sicht einer österreichischen Umweltorganisation kommentierte, machte deutlich, dass politische Rahmenbedingungen entscheidend für die Wirkmacht einer Energiewende seien.. Deswegen wäre es notwendig, politische AkteurInnen zu ermächtigen und diese darin zu bestärken, eine „mutigere Politik“ zu machen. Außerdem erfordere eine Transformation auch die Veränderung von politischen Strukturen. Ebenso wie Hildyard vertrat Gewessler die Ansicht, dass hierfür soziale und ökologische Themen zusammengedacht werden müssten.

Weiters verdeutlichte Gewessler die Rolle von Nichtregierungsorganisationen im Prozess der Energiewende. Als wesentliche Aufgabe benannte sie das Aufzeigen globaler Zusammenhänge und die damit einhergehenden Problematiken unseres „Energiehungers“. In einem nächsten Schritt müssten NGOs die Menschen mobilisieren und in ihnen die Lust nach politischen Veränderungen wecken. Die Vortragende betonte in diesem Zusammenhang auch, dass neben erneuerbarer Energiegewinnung auch eine drastische Reduktion des Energieverbrauchs erforderlich sei.

Wer ist für die Energiewende verantwortlich?

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde die Frage nach der Verantwortung verschiedener AkteurInnen für die Energiewende aufgegriffen.  Eine Besucherin betonte nochmals, dass sie sowohl individuelle Denk- und Verhaltensänderungen, aber auch eine Veränderung des politischen und wirtschaftlichen Systems für notwendig erachte. Hildyard ergänzte, dass wir Politik jedoch nicht als abstraktes, statisches  System, sondern als Bewegung begreifen sollten. Somit sei eine veränderte Rolle des Staates erforderlich, bei der die Bevölkerung mehr in politische Entscheidungen eingebunden werde. Um einen solchen „partnerschaftlichen Staat“ zu ermöglichen, sei Druck von der Bevölkerung wichtig.
Die Veranstaltung schloss mit der Bemerkung Gewesslers, dass es außerdem mehr Zeit und Raum für die Diskussion über das Thema Energiewende geben solle.


Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 

Foto: Barbara Groß © Paulo Freire Zentrum