Ein kritischer Dialog zu Ernährungssouveränität

24.08.2015 | Katrin Aiterwegmair
article_1777_food_sovereignity_150.jpg Am 23. und 24. Juni 2015 fand ein Symposium zu Ernährungssouveränität an der Universität für Bodenkultur (BOKU) statt, das mit Vorträgen, Workshops und einer Podiumsdiskussion vielfältige Perspektiven und spannende Debatten zu Theorie und Praxis eines alternativen Lebensmittel- und Agrarsystems bot.
Das Symposium wurde von Studierenden in Kooperation mit Lehrenden und agrarpolitischen Organisationen im Rahmen einer Lehrveranstaltung organisiert.

"Weiter wie bisher ist keine Option"

- lautete die Conclusio des Weltagrarberichtes, an dem der Vortragende Hans Herren maßgeblich mitgewirkt hat. Wir produzieren weltweit 4.600 Kalorien pro Kopf, dennoch seien 742 Millionen Menschen unterernährt, während 1,5 Milliarden übergewichtig oder fettleibig seien, so der Schweizer Landwirtschafts- und Entwicklungsexperte. Dieses Verhältnis verweise auf die Ursache des Problems: Ungleichheit. Herren forderte einen radikalen Paradigmenwechsel weg von der industriellen Landwirtschaft, hin zu einer lokalen kleinstrukturierten und biologischen Landwirtschaft. Mit dieser nachhaltigen Landwirtschaft könnten die Erträge verdoppelt werden - bei einem Zehntel des Energie-Inputs der industriellen Landwirtschaft. Und während letztere für vierzig Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich sei, könne die ökologische Landwirtschaft die eineinhalb-fache Menge an Kohlendioxid speichern. Mit der von ihm gegründeten Stiftung für Ökologische Entwicklung "biovision" fördere er deshalb Projekte der ökologischen Landwirtschaft in Ländern des Südens.

Demokratisierung statt Feudalwirtschaft

Maria Vogt, Bäuerin, Kabarettistin und Aktivistin der ÖBV-Via Campesina, bot nach der globalen Perspektive Herrens lokale Impressionen der landwirtschaftlichen Realität im südlichen Weinviertel. Das BäuerInnensterben habe dort exorbitante Ausmaße angenommen: 36% der Betriebe hätten im Bezirk Mistelbach innerhalb von zehn Jahren geschlossen. Übrig blieben fast nur Riesenbetriebe um die 100 Hektar, die an Feudalwirtschaft erinnerten. Trotz dieser düsteren Illustration einer "fortgeschrittenen Fehlentwicklung" wirkte Maria Vogt selbst wie der Optimismus in Person. Sie lebe bereits seit 25 Jahren eine andere Form der Landwirtschaft, die sich nicht nur am Ertrag orientiere, sondern an Fragen der Suffizienz, der Solidarität und der Ökologie - und vor allem an der Vision, wie ein gutes Leben für möglichst viele gelingen kann.

Die Vision des guten Lebens für alle teilen viele andere Menschen, die sich in der Bewegung für Ernährungssouveränität engagieren. Einige VertreterInnen der Bewegung berichteten im Laufe des Symposiums von aktuellen Kämpfen, Erfolgen und Forderungen. Franziskus Forster von AgrarAttac betonte, dass die Ernährungssouveränität eng verwoben mit einer Demokratisierung des Ernährungssystems sei. Ernährungssouveränität bedeute, dass die Menschen vor Ort selbst über Produktion, Konsum und Verteilung der Lebensmittel bestimmen könnten, erklärte Iris Frey von der Nyeleni-Bewegung. Trotz der kritischen Bestandsaufnahme der konventionellen Landwirtschaft und der Resignation vieler BäuerInnen hinterließ der Auftritt der jungen AktivistInnen und BäuerInnen die Hoffnung, dass eine andere Landwirtschaft möglich sei.

"Über den Tellerrand schauen"

Eine Podiumsdiskussion bot Gelegenheit, das Thema Ernährungssouveränität und gesellschaftliche Transformationsprozesse aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren und sich dabei der essentiellen Frage anzunähern: Wie gelangen wir zur Utopie? Lisa Bolyos (Redakteurin, Nebenerwerbsbäuerin) moderierte die Diskussion zwischen Hans Herren (Weltagrarbericht), Irmi Salzer (ÖBV-Via Campesina), Heidi Porstner (Global 2000) und Gerhard Riess (Gewerkschaft - Pro-Ge).

Irmi Salzer stellte klar, dass die Ernährungssouveränitätsbewegung auch einen gesamtgesellschaftlichen Wandel anstoßen wolle. Dafür müssten wir aber "über den Tellerrand hinaus schauen" und uns mit anderen Kämpfen (z.B. für Wohnraum, Bewegungsfreiheit...) solidarisieren. Ebenfalls zu weit am Rande der Bewegung ortete Gewerkschafter Gerhard Ries die Anliegen der LandarbeiterInnen. Er warnte vor einer Romantisierung der landwirtschaftlichen Arbeit, denn "Millionen von Bauern, die vom Land flüchten, können nicht irren". Die steigende Verantwortung der Unternehmen wertete der Gewerkschafter als einen Erfolg der Bewusstseinsbildung der KonsumentInnen, die die Pro-Ge etwa mit den Kampagnen "Bittere Orangen" und "Make Chocolate Fair" betreibe.

Das Lob auf die wachsende "Corporate Social Responsibility" entfachte eine kontroverse Diskussion darüber, ob die gesellschaftliche Transformation über "Reform oder Revolution" zu erreichen sei und über die Vereinnahmung politischer Anliegen durch Marketing. Die Bäuerin Salzer provozierte mit der Aussage, dass es im Prinzip egal sei, was man im Supermarkt kaufe. Damit wehrte sie sich gegen die von PolitikerInnen gern betriebene Degradierung von BürgerInnen zu KonsumentInnen und zitierte dazu die Aussage von Ex-Landwirtschaftsminister Berlakovich: "Agrarpolitik wird an der Supermarkt-Kassa entschieden". Im Anschluss disqualifizierte sie aber die dichotome Frage nach Reform oder Revolution. Ein gesellschaftlicher Wandel müsse an vielen Fronten erkämpft werden und brauche daher alles gleichzeitig: Widerstand, Transformation und Aufbau von Alternativen. Die Frage nach Handlungsempfehlungen beantwortete sie mit einem Zitat von Susan George: "Der richtige Weg muss immer der sein, wofür dein Herz brennt."

Bei der Suche nach diesem Weg konnte womöglich auch der zweite Tag des Symposiums unterstützen, an dem interaktive Workshops angeboten wurden. Nach dem Schema Kritik - Utopie - Realisierung wurden die Themen partizipativ erarbeitet und dabei ein Fokus auf die Generierung von Forschungsfragen gelegt. Die spannende Lehrveranstaltung war auf jeden Fall ein Gegenstück zu der am Podium kritisierten Privatisierung der Wissenschaft und ein Lehrstück dafür, wie Bildung durch Eigeninitiative anders gestaltet werden kann.



Die Autorin studierte Internationale Entwicklung an der Uni Wien und Umwelt- und Bioressourcenmanagement an der BOKU. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at



Links
- Nyéléni-Bewegung Österreich: www.ernaehrungssouveraenitaet.at
- Östereichische Klein- und BergbäuerInnen Vereinigung: www.viacampesina.at
- Biovision - Stiftung für ökologische Entwicklung: www.biovision.ch




Fotos: Verena Wallner