Klimawandel ist kein Klimaproblem

02.12.2014 | Charlotte Kottusch
article_1659_2014-17-11_system_change_150.jpg Am 17. November 2014 diskutierten vier ExpertInnen in der Universität Wien die Frage, was wir von den kommenden Klimagipfeln COP 20 und 21 erwarten können - oder auch nicht. Die Veranstaltung "System Change, not climate change" skizzierte ein düsteres Zukunftsszenario und forderte zum Umdenken auf.

Klimaverhandlungen - quo vadis?

Vor dem Hintergrund des im Dezember 2014 in Lima stattfindenden Klimagipfels COP 20 und der im Folgejahr in Paris geplanten COP 21, setzte sich die Podiumsdiskussion mit den Perspektiven für diese Verhandlungen auseinander. Das Ziel der COP 21 ist dabei kein geringeres, als die Einigung auf ein rechtlich bindendes Klimaabkommen durch alle Länder. Dass es dabei von Seiten der Regierungen kaum um eine kritische Betrachtung unseres Produktions- und Konsumsystem gehen wird, obwohl es genau das braucht, um gegen den Klimawandel vorzugehen, bildete den Ausgangspunkt für die folgende Diskussion, die Alexandra Strickner (Attac Österreich) moderierte.

Ist das Klima noch zu retten?

Einleitend umriss Helga Kromp-Kolb, Universitätsprofessorin am Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der BOKU und wohl renommierteste Klimaforscherin Österreichs, die Erkenntnisse über das Klimageschehen, die in den letzten IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) Berichten bekräftigt wurden: Der globale Temperaturanstieg von 0,9°C (gegenüber der präindustriellen Zeit), verursacht in erster Linie durch den Anstieg der Treibhausgasemissionen, was wiederum primär auf die Verbrennung von fossilen Brennstoffen und die Landnutzungsänderungen zurückzuführen sei. Wie wir darauf in Zukunft einwirken sollen, werde heiß debattiert, dass wir jedoch das Klima der nächsten 20 bis 30 Jahre nicht mehr beeinflussen können, sei ebenso klar wie die Aussicht, dass am Ende des Jahrhunderts (bei der Einhaltung des 2°C-Klimaziels) etwa 150 Mio. Menschen ihre Heimat an Ufern und Küstengebieten verlieren. Die größte Herausforderung des derzeitigen Systems sei daher die Überwindung der Kluft zwischen dem, was die Wissenschaft weiß, und dem, was die Politik umsetzt.

Fortschritt rückwärts

Diese "dark situation", in der wir uns befinden, so Palblo Solón (Focus on the Global South), ehemaliger Klimasprecher Boliviens, sei durch eine Rückwärtsbewegung weg von bindenden Abkommen zu freiwilligen Verpflichtungen der Länder, gekennzeichnet. Die Absurdität der Debatte äußere sich allein darin, dass das Marktsystem, das überhaupt erst zu den gegenwärtigen Problemen geführt habe, diese jetzt lösen solle. Die Unzulänglichkeit der bisher anvisierten "falschen Lösungen" der Politik liege also darin, dass sie auf der Fortsetzung des zerstörerischen Systems beruhen: Ohne Emissionen kein Emissionshandel, ohne Abholzung keine Mechanismen zu dessen Reduktion. Dieser funktioniere dabei wie jeder andere nach der Logik des kapitalistischen Systems mit dem Hauptziel, Profit zu maximieren. Die Lösung der Klimaprobleme sah er weder in den kommenden Klimagipfeln, noch durch diverse wirtschaftliche und technologische Ansätze, sondern durch eine Mobilisierung der Zivilgesellschaft. Das Problem seien nicht die Treibhausgasemissionen selbst, sondern das derzeitige wachstumsorientierte Entwicklungsmodell.

Helmut Hojesky, Abteilungsleiter für Klimaschutz im Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW), wies demgegenüber darauf hin, dass gerade die Klimaverhandlungen gesellschaftliche Transformationsprozesse angestoßen und neue Wirtschaftsbereiche, wie erneuerbare Energien, geschaffen hätten. Auch der Emissionshandel sei prinzipiell kein schlechter Lösungsansatz: Es fehle beim derzeitig niedrigen Preis pro Tonne Kohlenstoff schlicht jeglicher Reduktionsanreiz, setzte er Solón entgegen. Problematisch sei seiner Meinung nach vielmehr, dass das System kaum transformiert werden könne, wenn die Politik die systemtragenden Produktions- uns Konsumationsmuster nicht infrage stelle.

Der Klimawandel auf den Schultern der Frauen

Samantha Hargreaves (IANRA), ergänzte die Ausführungen um die Perspektive der Frauen in Südafrika. Diese bekämen die Folgen des energiegetriebenen extraktivistischen Entwicklungsmodells (der exportorientierte Abbau von Rohstoffen) verstärkt zu spüren, da ihr Leben zu großen Teilen von der Beschaffenheit der Umwelt abhinge. Wasserverschmutzung, Landnahmen oder Klimaveränderungen wirken sich direkt auf ihren Alltag aus. Daher könne es in den Klimaverhandlungen nicht länger um "falsche" Lösungen wie die Finanzialisierung der Natur gehen, die soziale Nebenwirkungen unbeachtet lassen. Vielmehr brauche es alternative bottom up Ansätze, die die Mensch-Natur Beziehungen neu denken und Frauen ins Zentrum der Klimadebatten stellen.

Gescheiterte Verhandlungen, motivierte Zivilgesellschaft?

Nach den erwartungssenkenden Aussichten auf die Klimaverhandlungen kam in der anschließenden Diskussion die Frage auf: Was kann die Zivilgesellschaft tun, vor allem, wenn die Auswirkungen unseres Handelns auf das Klima nicht unmittelbar sichtbar sind? Nicht ganz erfüllt worden seien die Hoffnungen, von dem Vortrag etwas Neues bezüglich des notwendigen Systemwandels zu erfahren. Christian Felber (Gemeinwohlökonomie) schlug ein "global people summit" anstelle der offiziellen Klimagipfel vor, als demokratisierte Form, mit der globalen Herausforderung des Klimawandels umzugehen.

Insgesamt übermittelte die Veranstaltung eine klare Botschaft: Klimawandel sei weniger ein Klima- oder Umweltproblem, sondern primär eine politische Frage, bei der es um Wirtschaftsmacht, Freihandel, Extraktivismus und Konsummuster geht. Damit es nicht weiterhin so scheint, als ginge es um ein rein naturwissenschaftlich behandelbares Umweltproblem, brauche es eine andere Art von Diskurs und Plattform, die gesellschaftliche Bewegungen global vernetzen, den BürgerInnen mehr Mitspracherechte erteilen und die Schwachstellen des derzeitigen Systems benennen, um dem Klimawandel angemessen zu begegnen. Das Positive am Scheitern der Klimaverhandlungen, so Kromp-Kolb, sei somit immerhin, dass die Zivilgesellschaft zum Handeln angeregt werde.

Die Autorin ist Mitglied des Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums und studiert Ökologie. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.


Weiterfürende Links:
- Webseite "System Change not Climate Change"
- Webseite von Focus on the Global South, wo Palo Solon tätig ist
- Webseite von Women in Mining, ein Projekt von Samantha Hargreaves zu Extraktivismus: WOMIN