Patizipative Ansätze im Umgang mit natürlichen Ressourcen in Lateinamerika und die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen

28.05.2014 | Gregor Giersch, Bettina Matzdorf, Angela Meyer, Claudia Sattler, Barbara Schröter
article_1533_civinet_150.jpg Partizipative Ansätze gewinnen für die nachhaltige Nutzung von Land und natürlichen Ressourcen zunehmend an Bedeutung. In einer Reihe von Fallbeispielen in Brasilien und Costa Rica wird untersucht, wie Zivilgesellschaftliche Organisationen lokale, community-basierte Lösungsansätze unterstützen können.

Foto: Santa Catarina, Brasilien; CiviNet

Ökosysteme auf lokaler Ebene managen

Im Spannungsverhältnis zwischen menschlicher Entwicklung und Umweltschutz finden partizipative Ansätze zum nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen zunehmend Beachtung. In einer Vielzahl von Untersuchungen und Studien hat sich herausgestellt, dass gerade lokale Bevölkerungen, in der Lage sind, die Umwelt so zu managen, dass natürliche Ressourcen und Ökosystemdienstleistungen auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben. Die Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Ellinor Ostrom etwa zeigte auf, wie auf lokaler Ebene ein nachhaltiger Umgang mit gemeinschaftlich genutzten, sogenannten Common Pool Ressourcen möglich ist. Dabei spielen unterschiedliche Nutzungsmodelle, sowie die Betonung von kollektiven gegenüber individuellen Interessen eine wesentliche Rolle.
Zu den Vorteilen partizipativen Umwelt- und Ressourcenmanagements (URM) gehört unter anderem die Förderung und Verankerung von Verantwortungs- und Umweltbewusstsein auf lokaler Ebene. Darüber hinaus wird durch lokale Entscheidungsfindungen traditionellem, oft evidenz-basiertem Wissen mehr Bedeutung eingeräumt. Die Bedürfnisse lokaler Bevölkerungen können damit stärker berücksichtigt werden.
Bei der Umsetzung gibt es jedoch vielschichtige Probleme: Neben verwaltungsrechtlichen und -technischen Problemstellungen fehlt es lokalen AkteurInnen im ländlichen Raum - gerade in Ländern des Südens - häufig an den nötigen finanziellen und technischen Mitteln und Kenntnissen. Auch können Interessenskonflikte innerhalb einer Gemeinschaft oder mit anderen politischen oder wirtschaftlichen AkteurInnen ein erfolgreiches, nachhaltiges URM blockieren. Schließlich fehlt es auf der lokalen Ebene in vielen Fällen auch an Durchsetzungskraft oder den entsprechenden Einflussmöglichkeiten, um spezielle Anliegen in politischen Entscheidungsprozessen vorzubringen.

Initiieren, begleiten, informieren, Konflikte lösen

Vor diesem Hintergrund können zivilgesellschaftliche Organisationen (engl. Civil Society Organisations - CSOs) lokales URM auf unterschiedliche Weise unterstützen. Im Rahmen des EU Projekts CiVi.net werden eine Reihe von Fallbeispielen in Brasilien und Costa Rica untersucht. Erhebung und Analyse fokussieren dabei u.a. auf verschiedene Rollen und Funktionen, die von CSOs im Rahmen von nachhaltigen kommunalen Lösungsansätzen wahrgenommen werden.

CSOs können...

...lokale Modelle für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Ökosystem initiieren und innovative Lösungsansätze entwickeln: Im zentralbrasilianischen Tocantins entwickelte eine CSO einen Standard für Klimakompensationszertifikate. Die von der CSO entwickelte SOCIALCARBON®-Methodologie berücksichtigt über die Zertifizierung von CO2-Gutschriften hinaus zugleich auch soziale Entwicklungsfaktoren.
...die Umsetzung nachhaltiger Ansätze durch Wissenstransfer und capacity-building unterstützen. Dies setzt allerdings voraus, das CSOs über technisches Know-How verfügen oder Zugang zu ExpertInnen haben. Ein Beispiel, das wir im Rahmen von Civi.net untersucht haben, ist die stark von studentischem Engagement getragene Voisin Group an der Universität von Florianópolis (Santa Catarina, Brasilien). Die Gruppe berät kleinlandwirtschaftliche Milchbetriebe in ländlichen Gemeinden bei der Umsetzung umweltschonender Intensivierungsmaßnahmen (System des Weideumtriebs).

...in bestimmten Situationen auch die Kommunikation zwischen AkteurInnen fördern. Sie können Vertretungsaufgaben für lokale Bevölkerungen übernehmen oder Möglichkeiten bieten, lokalen Anliegen in Entscheidungsprozessen Gehör zu verschaffen, wie die Assoziation AMOMAR der Dorfgemeinschaft von Marujá, Brasilien. Mit Hilfe von AMOMAR konnten sich die BewohnerInnen gegen ihre drohende Umsiedlung im Zuge einer Schutzgebiet-Erklärung zur Wehr setzen. Gemeinsam mit der Parkverwaltung haben sie einen Management Plan erarbeitet, der den Umgang mit natürlichen Ressourcen reguliert und der Dorfgemeinschaft dabei Aufgaben und Verantwortung überträgt.

...durch Qualifizierung dabei helfen, Erwerbsalternativen zu nicht nachhaltigen Aktivitäten zu finden. Beispiele aus der Projektforschung reichen von Ökotourismus über nachhaltige Landwirtschaft bis hin zur Beschäftigung in Klimakompensationsmaßnahmen.

...durch Vermittlung und Interessensausgleich zur Beilegung von Konflikten, die durch eine neue Ressourcenverteilung und -nutzung entstehen, beitragen. Die Fundación Neotrópica in Costa Rica etwa bemüht sich, lokale Interessen und Positionen in politische Entscheidungsprozesse einzubringen und gesellschaftlich tragfähige Kompromisse zwischen Naturschutz und sozialer Entwicklung auszuloten.

...zur Förderung des Umweltbewusstseins lokaler AkteurInnen beitragen. Als Beispiel aus dem Projekt CiVi.net kann unter anderem die partizipative Vorgehensweise von Fundación Neotrópica genannt werden, die auch Kinder und Jugendliche in Maßnahmen des nachhaltigen URM miteinbezieht.

Neben diesen nützlichen Beiträgen von CSOs werfen deren wachsende Rolle und insbesondere die Übernahme von staatlichen oder gesellschaftlichen Aufgaben im Management von Ökosystemdienstleistungen jedoch auch einige Fragen und Probleme auf. Insbesondere die Finanzierungserfordernisse können zu Abhängigkeiten und hiermit verbunden Misstrauen führen. Auch besteht die Gefahr, dass aus zivilgesellschaftlicher (Selbst-)Organisation ambivalente Instrumente des URM werden. Während also einerseits neue Partizipationsmöglichkeiten und vertikale gesellschaftliche Brücken entstehen, können andererseits klare Verantwortlichkeiten verloren gehen und politische Fragen auf Managementaufgaben reduziert werden.




Dr. Angela Meyer und Mag. Gregor Giersch sind GründungsmitgliederInnen und WissenschaftlerInnen an der außeruniversitären Forschungsorganisation IDC in Wien. IDC ist Partner im Europäischen Forschungsprojekt CiVi.net.
Dr. Bettina Matzdorf ist Forschungsbereichsleiterin und Wissenschaftlerin, Dr. Claudia Sattler und Dr. Barbara Schröter sind Wissenschaftlerinnen am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin. Sie leiten das Europäische Forschungsprojekt CiVi.net.

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