Die bisherige Kritik der Ideen und Visionen des Post-Development geht weit auseinander. Eine Mehrheit der KritikerInnen befindet die Strömung aufgrund ihres fehlenden konstruktiven Charakters, ihrer Romantisierung sozialer und indigener Bewegungen, ihres antimodernen Charakters und ihrer Gleichsetzung von historischen Entwicklungen mit Verwestlichung als wenig hilfreich für die Armutsbekämpfung als auch für die differenzierte Untersuchung der Genese von globalen Ungleich- und Verflechtungsverhältnissen in historischer Dimension.
Dennoch kommen viele KritikerInnen zu dem Punkt, dass eine eingehende Beschäftigung mit dem Post-Development fruchtbar sein kann. So führt gerade Aram Ziai den radikaldemokratischen Charakter und das Streben nach Autonomie und Selbstbestimmung als einen wesentlichen Faktor zumindest einer Strömung des Post-Development an. Doch die zentrale Frage, ob das Post-Development eine plausible Zukunftsperspektive für das Zusammenleben der Kulturen und Nationen untereinander bereitstellt, kann erst nach einer Untersuchung des Kulturverständnisses des Post-Development beantwortet werden.
Was ist Kulturrelativismus?
Die Ablehnung von Entwicklung und die Forderung nach neuen endogenen Formen von gesellschaftlicher und kultureller Reproduktion ist für das Post-Development eine Frage von Universalismus und Kulturrelativismus. Der Begriff Kulturrelativismus ist wie viele andere Termini umstritten. Unter ihm lässt sich jedoch in analytischer Perspektive nach John W. Cook zweierlei zusammenfassen: Der Kulturrelativismus geht zum einen davon aus, dass es unterschiedliche Moralvorstellungen gibt, die durch verschiedene anthropologische Feldstudien belegt sind. Weiter führt der Kulturrelativismus an, dass es innerhalb einer Kultur zum Prozess der enkulturellen Konditionierung kommt, der es gar nicht erst erlaubt, dass Moral durch die Mitglieder einer Kultur rational angeeignet werden könne, noch dass diese Moral auf andere Kulturen übertragbar sei.Diese Vorstellung vertreten auch in leicht veränderter Form wichtige TheoretikerInnen des Post-Development wie Arturo Escobar, Wolfgang Sachs oder Gustavo Esteva. Für sie bringt jede Kultur ihre eigene Praxis zur gesellschaftlichen Regulierung und Reproduktion hervor, die eng an kulturelle Traditionen und Bräuchen orientiert ist. Entwicklung, sei eine universalistische Idee, die ihren Ursprung in Westeuropa habe oder gar ganz heimatlos und ohne Wurzeln sei (Wolfgang Sachs), deswegen dürfe sie für die Entwicklungsländer auch keine Anwendung finden. Entwicklung sei gescheitert, weil ein Konzept in den Entwicklungsländern angewendet wurde, das aus einer anderen, der westeuropäischen Kultur der Aufklärung stamme. Aus diesem Grunde sollten neue endogene Praktiken, die auf vor Ort ansässigen kulturellen Traditionen basieren, (wieder-)entdeckt und gegen die universelle Entwicklungsidee, die seit mehreren Jahrzehnten von den Gesellschaften des Südens übernommen (und ihnen aufoktroyiert) wurde, gerichtet werden.
Paradoxien aus dem Post-Development
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, worin denn die Implikationen der Vision von unterschiedlichen an die eigene Kultur geknüpften culture economies bestünden, die sich allein aus den eigenen Traditionen reproduzierten und für die nur die eigenen Bräuche und Moralvorstellungen Gültigkeit hätten. Im Hinblick auf eine weltweite Anwendung wären sogar einige paradoxe Konsequenzen zu bedenken. Dazu gehört ein Ende der transkulturellen Kritik an Ereignissen, Gegebenheiten und Praktiken in anderen Gesellschaften, weil nur die jeweils eigenen Vorstellungen und Praktiken aus der Kultur Gültigkeit hätten. Im Weiteren vermittelt die kulturrelativistische Post-Development Theorie eine anti-emanzipatorische Auffassung von Moral innerhalb einer Kultur, die individuelles Verhalten und Aufbegehren gegen Unterdrückung in der eigenen Kultur nicht erklären kann und es sogar als irrgeleitet oder moralisch falsch deklariert.In der praktischen Entwicklungszusammenarbeit kann das kulturrelativistische Regelwerk sogar Leben kosten, indem es Intervention von außen ungeachtet der realen Lage und erkennbaren Ziele als ethnozentrisch ablehnt. Im Angesicht ethnozentrischer und kolonialer Expansionen und Unterdrückung im 19. und 20. Jahrhundert erscheint das kulturrelativistische Bestreben, jede Kultur autonom und unter dem Credo der Selbstbestimmung zu betrachten, als durchaus verständlich. Allerdings führt es auch dazu, jedwede Eingriffe, die die Verhinderung von Gewalt, Unterdrückung oder Korruption beabsichtigen, abzulehnen. Indem jede endogene Entwicklungspraxis, die an die kulturellen Traditionen anknüpft, gleichermaßen gültig ist, geht es aus der kulturrelativistischen Perspektive nicht darum, was eine Kultur verurteilt oder annimmt, sondern darum, dass die jeweilige Kultur und ihre endogene Entwicklungspraxis ungestört von außen gelebt werden kann.
Damit bietet das Post-Development gerade vor dem Hintergrund globaler Verflechtungen kein überzeugendes Modell für das Zusammenleben der Gesellschaften. Zwar verweist die Theorie auf Fragen der kulturellen Differenz, Selbstbestimmung und auf Machtverhältnisse in der EZA, doch sie bietet nicht mehr als eine isolationistische oder autarke Perspektive auf die internationalen Beziehungen an, in denen transkulturelle Kritik und Diskussion über Praktiken obsolet geworden sind.
Die Autorin studierte Internationale Entwicklung, Sozialwissenschaften und Arabistik an der Universität Wien. Die Artikelserie basiert auf ihrer kürzlich veröffentlichten Diplomarbeit "Entwicklung ist tot, es lebe die Entwicklung. Eine analytische Kritik des Kulturrelativismus in den Post-Development Theorien".
DA Elisabeth Lambrecht.pdf (1.24 MB)





