Insbesondere die radikale Abkehr von Entwicklung als Leitmotiv und praktische Zusammenarbeit löste weitreichende Diskussionen aus. Gerade in der Entwicklungszusammenarbeit fand der neue Ansatz kaum Anklang, denn seine Konsequenz bestünde ja darin, jegliche Entwicklungszusammenarbeit einzustellen. Damit würde der Kampf gegen Armut, Hunger, fehlende gesellschaftliche Teilhabe und anderes nicht überflüssig, sondern womöglich sogar dringlicher werden, argumentierten viele in die EZA involvierte Personen.
In dieser Linie der Kritik wurden häufig die fehlenden Alternativen kritisiert. Erst wenn das Post-Development realistische Alternativmodelle zur Verringerung der Armut vorweisen kann, würde es auch ernst genommen werden, so der Tenor der Kritik. Doch das Post-Development beabsichtigt keineswegs alternative Entwicklungspfade aufzuzeigen. Stattdessen will es Alternativen zur Entwicklung befördern. Diese sollen an die jeweils eigenen kulturellen Traditionen anknüpfen und keinem universalistischen Modell von gesellschaftlicher Entwicklung folgen.
Gegen die Moderne und für kulturellen Widerstand
Die durchaus vorhandenen Verbindungen der Entwicklungs-NegiererInnen zu den unterschiedlichsten Widerstandsbewegungen mussten ebenfalls zu einem Angelpunkt der Kritik werden. In der theoretischen Legitimation und Unterstützung jeglichen kulturellen Widerstandes zur Zurückdrängung von Entwicklung, Universalismus und nicht-traditionellen Praktiken aus westlich-industriellen Ländern, sehen KritikerInnen wie Ray Kiely ein maßgebliches Problem des Post-Development. Denn keine gründliche Untersuchung der tatsächlichen Mittel und Ziele von lokalen und partikularen Akteuren scheine dem Post-Development ein Anliegen zu sein. Vielmehr reiche der deklarierte kulturelle Widerstand einer Bewegung aus, um als legitimer Akteur im Kampf gegen Universalismus, Aufklärung und westeuropäischer Moderne betrachtet zu werden.Daneben fiel Luuk Knippenberg und Frans Schuurman schon frühzeitig der anti-moderne Charakter der Theorie auf. Denn Aufklärung und Universalismus erhielten vom Post-Development eine radikale Absage. Der Moderne wird grundsätzlich ein unterdrückerisches Potential zugeschrieben, das sich insbesondere im Umgang der Industrieländer mit ihren ehemaligen Kolonien und den anderen Entwicklungsländern offenbart. Das eurozentrische Entwicklungskonzept suggeriere so das Post-Development ein Machtverhältnis, das in den Begriffen entwickelt und unterentwickelt zum Ausdruck kommt. Es spielt auf die westliche Überlegenheit an, die schon zur Kolonialzeit durch vielfältige Mechanismen reproduziert wurde und konstruiert eine prinzipielle und nie aufhebbare Asymmetrie zwischen entwickelten und unterentwickelten Individuen und ganzen Gesellschaften.
Entwicklung und Verwestlichung
Daneben lässt sich ein weiterer markanter Kritikpunkt nennen, der sich auf die Gleichsetzung von Entwicklung und Verwestlichung bezieht. Jan Nederveen Pieterse führte aus, dass mit dieser formallogischen Gleichsetzung unterschiedliche historische Entwicklungen ausgeschlossen und verneint werden. Präzise historische Aussagen über Interaktionen und Verflechtungen erscheinen so beinahe unmöglich. Keineswegs lasse sich alles historisch Geschehene als eine Makrogeschichte der Verwestlichung verstehen. Gerade einige verflechtungs- und globalgeschichtliche Analysen wie sie beispielsweise von Sebastian Conrad, Andreas Eckert oder Arif Dirlik vorgestellt wurden, bieten dafür überzeugende Gegenargumente. Sie brechen eurozentrische Perspektiven über Geschichte auf und betrachten Europa nicht mehr als Nabel und Ursprung der Welt, von dem aus alle anderen Regionen erklärt und verurteilt werden. Damit vermögen sie den Blick auf unterschiedliche Regionen der Welt zu legen und differenzierter die Interaktionen und Verflechtungszusammenhänge zwischen Nord und Süd zu untersuchen.Zwei Formen des Post-Development?
Aram Ziai, der die Debatte über das Post-Development im deutschsprachigen Raum maßgeblich beförderte, erkennt in ihm eine neo-populistische und eine skeptische Strömung. Letztere würde neben den Bestrebungen um kulturelle Differenz und Autonomie gegen die westlich industrielle Entwicklungsvision kulturelle Traditionen nicht verklären und auch Herrschaftsverhältnisse und Unterdrückung innerhalb der eigenen Kultur anprangern. Die neo-populistische Variante hingegen setze sich ebenfalls für Autonomie und das Recht auf kulturelle Differenz ein, ziehe allerdings regressive politische Konsequenzen aus der Analyse und bleibe grundsätzlich einem binären Denken verhaftet.Die genannte Unterscheidung versetzt Ziai in die Lage, die Kritik am Post-Development vor allem auf die neo-populistische Variante zu konzentrieren. Dabei wird dann auch der Kulturrelativismus nur mehr als ein Problem der neo-populistischen Variante gedeutet. Denn dieser, so Ziai, ermögliche die Legitimation von Unterdrückung in einer Kultur mit dem Hinweis, das sei eben dieser Kultur zugehörig. Doch dem Kern des Post-Development liege ein konstruktivistisches Kulturverständnis zugrunde, das einem kulturrelativistischen entgegengesetzt sei.
Dass dieser Verweis unzureichend ist und dass das Post-Development in seiner Thematisierung von universalistischer Entwicklungsidee und kulturrelativistischen culture economy-Modellen ein gewichtiges Thema aufwirft, das sowohl für das Verständnis des Post-Development als auch für seine Vision eines post-Entwicklungszeitalters der culture economies unabdingbar ist, wird im folgenden dritten Teil gezeigt.
Lesen Sie auch Teil 3 der Artikelserie.
Die Autorin studierte Internationale Entwicklung, Sozialwissenschaften und Arabistik an der Universität Wien. Die Artikelserie basiert auf ihrer kürzlich veröffentlichten Diplomarbeit "Entwicklung ist tot, es lebe die Entwicklung. Eine analytische Kritik des Kulturrelativismus in den Post-Development Theorien".
DA Elisabeth Lambrecht.pdf (1.24 MB)





