Der Ruf nach der Post-Entwicklungsära: Teil 1

26.07.2012 | Elisabeth Lambrecht
Die Post-Development Theorien formulierten erstmalig eine Fundamentalkritik an der Entwicklungszusammenarbeit und der Art, wie der Norden dem Süden "helfen" möchte. Über ihre Argumente, Visionen, aber auch paradoxe Implikationen ist in dieser Artikelserie zu lesen.
Wissen um Entwicklung gehört zu unseren Lebenserfahrungen und ist fester Bestandteil des Alltagsbewusstseins. Wir wissen, dass sich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene entwickeln, dass sich Natur entwickelt und dass sich auch ganze gesellschaftliche Gemeinwesen im Laufe der Zeit verändern. Wir wissen auch, dass nicht jede Entwicklung gut zu heißen ist, manche muss sogar aktiv bekämpft werden. Ziemlich unvorstellbar dagegen erscheint es, Entwicklung gänzlich abzulehnen.

Bisherige Entwicklungstheorien

Das Vorhaben, Entwicklung zu leisten, wurde seit jeher von verschiedenen Entwicklungstheorien und -modellen begleitet und immer wieder kritisiert. Von den Anfängen bis in die 1970er-Jahre waren modernisierungstheoretische Ansätze weit verbreitet und boten Erklärungsmuster für Unterentwicklung wie auch Strategien und Anleitungen, um diese zu überwinden. Unterentwicklung erklärte sich aus modernisierungstheoretischer Perspektive vornehmlich aus endogenen Gründen. Das heißt, dass die Faktoren, die Unterentwicklung verursachen und sogar verstärken, in den unterentwickelten Ländern selbst liegen. Das seien zum Beispiel Korruption, Aberglaube oder mangelnde Investitionsbereitschaft.

Die Modernisierungstheorie wurde insbesondere durch dependenztheoretische Ansätze seit Mitte der 1960er und vor allem in den 1970er-Jahren kritisiert. Die Dependenztheorie machte in der Regel exogene, also äußere Faktoren, wie die asymmetrische Einbindung der Entwicklungsländer in den Weltmarkt und ihre benachteiligte Stellung gegenüber den Industrieländern für die Unterentwicklung verantwortlich. Mit Strategien, wie der importsubstituierenden Industrialisierung, schlug die Dependenztheorie Wege zur nachholenden Entwicklung vor. Dabei verlor die Entwicklungsidee als Leitmotiv für die Gesellschaften in Nord und Süd nicht an Bedeutung; vielmehr sollte sich Entwicklung unter geschützten Bedingungen, das heißt unter temporärer Abkoppelung vom Weltmarkt in den Entwicklungsländern selbst vollziehen.

Scheitern von Entwicklung

Das Post-Development nimmt in der Entwicklungstheorie eine besondere Stellung ein. Weder ergänzt es die beiden bedeutenden Vorgänger, die Modernisierungs- oder Dependenztheorie, noch schlägt das Post-Development eine neue Strategie zur Bekämpfung von Armut und Unterentwicklung vor. Vielmehr formulierten TheoretikerInnen und PraktikerInnen des Post-Development die bislang radikalste Kritik an Entwicklung als zielgerichtetes Konzept für den ökonomischen take off nach dem Vorbild der Industriegesellschaften. Die Idee von Entwicklung sei zutiefst eurozentrisch und reproduziere Machtverhältnisse aus der Kolonialzeit auf einer anderen Ebene, so die Theorie.

Eine Mehrheit der aus unterschiedlichen Kontinenten kommenden TheoretikerInnen befindet Entwicklung darüber hinaus als gescheitert. Damit erhält der Entwicklungsbegriff erstmals (bis auf einige Ausnahmen, beispielsweise in der Dependenztheorie) eine ausschließlich negative Konnotation. Entwicklung wird nicht mehr als Weg oder Ziel in die Wohlstandsgesellschaft betrachtet, sondern als Durchsetzung eines universalistischen, westlich-industriellen Lebensmodells für alle Menschen gleich welches Hintergrundes oder welcher kultureller Identität.

In den 1980er-Jahren, der vierten Entwicklungsdekade, formierte sich im Angesicht des nicht aufgehenden Entwicklungskonzeptes für einen Großteil der Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika eine fundamentale Kritik an der Idee von gesellschaftlicher Entwicklung. Das Ausbleiben der Entwicklungsversprechen für viele Länder des Trikonts und die Erklärungsnot der unterschiedlichen Entwicklungstheorien für die zum Teil wachsende Ungleichheit zwischen Nord und Süd bestärkte die Theorieströmung des Post-Development in ihrer radikalen Kritik. Trotz unterschiedlicher regionaler und inhaltlicher Schwerpunkte, ist für eine Mehrheit der TheoretikerInnen Entwicklung kein Modell zur Sicherstellung des Wohlergehens der Entwicklungsländer. Entwicklung zu leisten sei ausschließlich eine Form des neo-kolonialen Systems zur Aufrechterhaltung von Abhängigkeitsverhältnissen zwischen den ehemaligen Kolonien und den Industrienationen.

Vielfalt statt Entwicklung

Diese Abhängigkeitsverhältnisse sind von einer neuen Qualität, da sie durch die Übernahme und Anerkennung der Idee von Entwicklung als Rezept gegen Unterentwicklung Eingang in das Denken und Handeln von Menschen in den Entwicklungsländern gefunden haben. Neben den neuen Abhängigkeitsverhältnissen sieht das Post-Development im Aufoktroyieren von Gesellschaftsmodellen und -ideen nach europäischem Vorbild eine Gefahr für die kulturelle Diversität auf der Welt.

In Akteuren wie Graswurzelbewegungen und neuen sozialen Bewegungen, die sich der Verteidigung der kulturellen Verschiedenheiten verschrieben haben, vermeint das Post-Development einen Weg zur Rückgewinnung der eigenen Traditionen zu sehen, die durch Kolonialismus und Entwicklungspolitiken beinahe ausgerottet oder zu Tode entwickelt wurden (Gustavo Esteva). In diesem Zusammenhang nimmt für sie auch die Wissensproduktion eine große Bedeutung ein. Alternatives, partikulares und lokales Wissen über die Organisierung und Reproduktion der eigenen Gesellschaft erhält eine Schlüsselfunktion in der Bekämpfung der universellen Entwicklungsidee.

In Projekten wie beispielsweise dem senegalesischen Chodak Experiment des Enda Graf Programms im Grand Yoff in der Peripherie von Dakar oder dem Karnataka State Farmers' Movement (KRRS) in Indien ein an die lokalen Bedürfnisse der Bäuerinnen und Bauern angelehntes Projekt zur Schaffung einer Village Republic versuchen sich vom Post-Development inspirierte oder den Vorstellungen des Post-Development nahekommende lokale Gruppen in Strategien gegen die universelle Entwicklungsidee.


Lesen Sie auch Teil 2 der Artikelserie.


Die Autorin studierte Internationale Entwicklung, Sozialwissenschaften und Arabistik an der Universität Wien. Die Artikelserie basiert auf ihrer kürzlich veröffentlichten Diplomarbeit "Entwicklung ist tot, es lebe die Entwicklung. Eine analytische Kritik des Kulturrelativismus in den Post-Development Theorien".

DA Elisabeth Lambrecht.pdf  (1.24 MB) 

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