Nord und Süd zusammendenken: Bildungsdiskussion im C3

22.03.2012 | Lilli Malin Röth
Im Rahmen des Themenschwerpunktes Bildung im C3ntrum lud das Centrum für Internationale Entwicklung am 13. März 2012 zur Podiumsdiskussion mit Niki Glattauer (Buchautor und Lehrer), Barbara Herzog-Punzenberger (bifie Salzburg, Migrationsforscherin) und Margarita Langthaler (ÖFSE).

P1000786.JPG

















Brain Drain auch im Norden

Andreas Novy, Kuratoriumsvorsitzender der ÖFSE und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Paulo Freire Zentrums, betonte einleitend, dass Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit nicht nur ein Thema innerhalb des C3 sein solle, sondern auch darüber hinaus. Bildungs- und Migrationsfragen sowie soziale Ungleichheit müssen im globalen Zusammenhang gesehen werden. Diese Perspektive sei bedeutend, da Migration meistens sofort mit Problemen assoziiert und zu stark kulturalisiert würde. Vor 60 Jahren, so erinnerte Novy, war Europa aufgrund von Kriegen und sozialen Verwerfungen ein Auswanderungskontinent. Heute sei zu beobachten, dass die Abwanderung ausgebildeter Menschen aus einem Land das so genannte Brain Drain nicht mehr nur ein Phänomen des globalen Südens sei. Auch Länder des Nordens, beispielsweise Portugal oder Spanien, sehen sich vermehrt mit diesem Problem konfrontiert.

Prä-blaue Zeit kannte keine Migrationshintergründe

Glattauer.JPGIm Anschluss an seine Lesung verglich Glattauer die bestehenden Bildungsrealitäten in Nord und Süd mit jenen der Wiener Schulen, wobei für ihn das Gymnasium den Norden und die Hauptschule den Süden darstelle. Nach Glattauer sei das Problem, dass heute im Gegensatz zur prä-blauen Zeit (also vor dem Aufschwung der FPÖ) eine Unterscheidung in Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund stattfinde, die zu Stigmatisierung und Diskriminierung führe. Die Tatsache, dass jeder fünfte Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren mit einer nicht-deutschen Muttersprache weder in schulischer Ausbildung noch Beschäftigung sei, liege nicht an weniger Klugheit, Verlässlichkeit oder Disziplin, sondern an der schlechteren Kenntnis von Doppel-s und Dehnungs-h, an schwarzen Haaren und Akzent, erklärte Glattauer.
    

Globalisierung bringt auseinander

Langthaler.JPGNach Margarita Langthaler führe Globalisierung zu vermehrter Internationalisierung und vor allem Supranationalisierung von Bildung, wobei vor allem die Länder des Südens oft der offenen Konditionierung durch die Weltbank unterworfen seien. Kommodifizierung und Standardisierung von Bildung durch die OECD und Weltbank sowie der Handel mit Bildungsdienstleistungen haben gerade im Süden starke Auswirkungen auf nationale Bildungssysteme. Fragmentierung und Elitenbildung, soziale Differenzen und Brain Drain seien die Folgen. Zusätzlich überschreibe eine gewisse Entkopplung des Bildungsprozesses von den klassischen Institutionen dem Individuum zunehmend die Verantwortung für sein Lernen. Die Globalisierung der Bildung führt nicht zusammen, sondern auseinander, schlussfolgerte Langthaler deshalb.

Politischer Wille und Weiterbildung

Die Darstellung der österreichischen Bildungssituation von Niki Glattauer und vor allem die Tendenz zur Homogenisierung der SchülerInnen und Schulen in Wien betrachtete Barbara Herzog-Punzenberger als problematisch. Aus den Statistiken sei erkennbar, dass die Erstsprache keinen aussagekräftigen Indikator darstellt, weil sie keinen Rückschluss auf die Leistung bieten könne. Es mache hingegen Unterschiede in den Leseleistungen, ob zuhause Universitätsabschlüsse vorliegen oder nicht. Außerdem sei der politische Wille nicht stark genug, alle 15-Jährigen dabei zu unterstützen, sinnerfassend lesen zu lernen.

Punzenberger.JPGDie PISA-Studie sieht die Migrationsforscherin sehr wohl als ein Instrument für gute Analysen an. Sie diene dazu, Schwächen aufzuzeigen, um dann nach Lösungen zu suchen. Dabei müssen Diskriminierung und Migrationshintergrund allerdings offen thematisiert werden. LehrerInnen sollten über die Grundlagen der Migrationsgeschichte, Ethnizität und Nationalität Bescheid wissen: Das Wissen darum, dass ich bei einer mehrsprachigen Klasse didaktisch auch anders vorgehen kann, ist relevant, betonte Herzog-Punzenberger.

Diskussion und Ausblick: Soziale Kohärenz

Es stellte sich die Frage, wie viele in diesem elitären Bildungssystem Österreichs überleben können, wenn die Unterstützung von Zuhause fehlt. Bezüglich der sozialen Frage sei es für Glattauer notwendig, die Trennung von Gymnasium und Hauptschule endlich aufzuheben. Dies werde vom Bildungsbürgertum aber nicht akzeptiert. Kinder bleiben in sozial schwachen Schichten, weil ihnen MitschülerInnen aus anderen sozialen Umfeldern zum Lernen fehlen. Nach Langthaler müssten auf politischer Ebene die gegenwärtigen Trends und ihre Auswirkungen grundlegend überdacht und umgekehrt werden. Sie plädierte für eine Repädagogisierung und Repolitisierung der Bildung.

Global gesehen sei in Afrika das Phänomen der Mehrsprachigkeit seit jeher Realität und mit drastischen Sprachhierarchien und Schulproblemen verbunden. Langthaler erzählte von Projekten, in denen es um die Valorisierung der Mehrsprachigkeit gehe. Auch in Lateinamerika seien Bildungsprojekte innerhalb des ALBA-Regionalisierungsprozesses entstanden, die eine Neudefinition von Bildungsqualität anstreben. Es gehe nicht um Leistungsstandards, sondern um soziale Kohärenz und Veränderung. Möglicherweise kann der globale Norden diesbezüglich einiges vom Süden lernen.


Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
.





Weitere Informationen zum Themenschwerpunkt "Bildung im C3ntrum" sowie die nächsten Veranstaltungen finden Sie hier.
Die Podiumsdiskussion wurde gefilmt und ist nun als 30-minütiger Dokumentarfilm auf der Homepage von okto-TV zu finden.

Für einen näheren Einblick in die Thematik "Migration und Schule in Österreich", lesen Sie den Länderbericht zu Österreich des OECD-Projekts "Migrant Education".

Themenrelevanter Artikel: "Bildungsdiskriminierung und die rechtliche Situation von MigrantInnen in Österreich", basierend auf der OECD-Studie 2011 zu "The Labour Market Integration of Immigrants and their Children in Austria".

Sidebar - Allgemein

C3

article_1170_c3-centrum_logo_rgb_160.jpg

Das Paulo Freire Zentrum auf

article_1243_facebook_160.jpeg

Filme

article_1112_kamera_160.jpg

Eigene Publikationen

article_1111_books130_160.jpg

Buchempfehlungen

article_1370_gep_160.jpg
           Alle Bücher »»

Vielfalt der Kulturen - ungleiche Stadt

article_1109_logo_160.gif

Fünfte Entwicklungstagung

article_1104_logo_entwicklungstagung_160.jpg