Neue Perspektiven auf die Wirtschaft zu Gast in der Hofburg

Am 8. März 2012 fand im Rahmen der "Alpbach Talks" eine Doppelbuchpräsentation von Christian Felbers "Gemeinwohl-Ökonomie" (Neuauflage) und Tomas Sedlaceks "Ökonomie von Gut und Böse" statt. Dritter Gast am Podium war der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg.

Die einströmenden Anmeldungen in die Mailbox des Forum Alpbach bedingten einen Veranstaltungsortwechsels vom Belvedere in die Wiener Hofburg. Mehr als 900 ZuhörerInnen kamen, um dem Männer-Trio am Weltfrauentag ihr Ohr zu schenken. Die Geschäftsführerin der Hofburg wies unter anderem auf den Wiener Kongress 1814 hin, um auf die historische Bedeutung der Hofburg in Krisenzeiten aufmerksam zu machen. Nach den Eröffnungsstatements wurde das Podium in der ersten Runde zur Analyse der gegenwärtigen Wirtschaftskrise befragt.

Wer trägt die Verantwortung für die Entstehung der Krise?

Karel Schwarzenberg sieht die Krise als eine Konsequenz politischer Verantwortungslosigkeit. Man hätte in die Zukunft investieren müssen und nicht mehr ausgeben dürfen als man eingenommen hat. Als Beispiele nannte er die Konkurrenzfähigkeit europäischer Universitäten sowie die Rolle Europas bei Patententwicklungen. Wachstum und Wohlstand seien in Europa zu einer Art Naturrecht geworden. Christian Felber befindet hingegen nicht die Menschen selbst, sondern rechtliche Rahmenbedingungen und wirtschaftspolitische Entscheidungen als ausschlaggebend für die Krise. "Egoismus wird im Moment systematisch belohnt", fasste Felber zusammen.

Tomas Sedlacek, Chefökonom der größten tschechischen Bank, blieb hingegen bei einer ähnlichen Analyse wie Schwarzenberg. Mit der Metapher eines "manisch depressiven Wirtschaftssystems" erklärte er, dass wir Stabilität für Wachstum verkauft hätten und man in wirtschaftlich guten Jahren sparen hätte müssen. Menschen müssen die Ausrichtung der Wirtschaft aktiv mitgestalten, wenn diese dem Gemeinwohl dienen soll und nicht auf eine unsichtbare Hand des Marktes vertrauen. In seinem Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse", in Tschechien bereits 2009 erschienen, untermauert Sedlacek diese Erkenntnis mit zahlreichen Beispielen, die bis zum Gilgamesch Epos zurückreichen.

Vom Methodenfehler im System zur Rolle des Staates

Christian Felber zeigt in seinem Buch "Die Gemeinwohl-Ökonomie" einen fundamentalen Methodenfehler in der Wirtschaft auf. Im Moment messen wir auf nationaler Ebene das Bruttoinlandsprodukt und auf Unternehmensebene den Finanzgewinn. Diese Indikatoren spiegeln nicht unsere Ziele, also die Befriedigung von Bedürfnissen, sondern lediglich die Kapitalakkumulation wider. Das habe zur Konsequenz, dass Verhaltensweisen wie Gewinnstreben nicht mit dem Gemeinwohl rückgekoppelt seien. Schwarzenbergs Skepsis hinsichtlich Veränderungen am System begegnete Christian Felber mit folgendem Hinweis: "Es wäre kein Systemwechsel, die Indikatoren von monetär zu qualitativ zu verändern". Die von einer Gruppe von UnternehmerInnen ausgearbeitete Gemeinwohl-Bilanz würde zum Beispiel Werte wie Solidarität, demokratische Mitbestimmung und ökologische Nachhaltigkeit messen.

Was ist nun die Rolle des Staates? "Es handelt sich um Schizophrenie, wenn die Menschen im Bereich der Bereitstellung eine möglichst große Präsenz des Staates erwarten und bei der Regulierung und Einhebung von Steuern sich einen schlanken Staat wünschen", kommentierte Sedlacek. Was wir brauchen, ist eine differenzierte Debatte über sinnvolle Steuern. Felber verwies auf das Belohnungssystem und stellte die Frage in den Raum, wo die wirtschaftspolitischen Anreize für Kooperation und Gemeinwohlstreben bleiben. Gesetze seien dazu da, unser kollektives Verhalten zu steuern. Dabei sollten nicht die menschlichen Schwächen und Laster, sondern Fähigkeiten wie Vertrauen, Kooperation und Hilfsbereitschaft gefördert werden.

Die Gemeinwohl-Ökonomie in der Praxis

Felber appellierte: "Korrigieren wir das Wirtschaftssystem durch die Praxis, also unsere Erfahrungen!" Das versucht die Gemeinwohl-Ökonomie seit über einem Jahr. 550 Unternehmen unterstützen die Bewegung bereits und 250 Unternehmen wollen das Kernstück der Idee, nämlich die Gemeinwohl-Bilanz, bis Oktober 2012 erstellen. Die Gemeinwohl-Bilanz wurde bereits von 60 Pionierunternehmen getestet und in mehreren Feedbackschlaufen überarbeitet. Die Bewegung startete im Oktober 2010 und hat sich neben Österreich bereits in Deutschland, der Schweiz, Italien und Spanien verbreitet.

Auf die Einwände von Seiten des Publikums und Karel Schwarzenberg, dass eine Umsetzung einer solchen Wirtschaftsordnung auf rechtlicher Ebene unmöglich sei und der Mensch von Natur aus zu Egoismus neige, konterte Felber, dass es sich um eine Ideologie handle. In seinem Buch schreibt er: "So wie wir in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten Konkurrenz und Eigennutz kollektiv kulturell gelernt haben, können wir in der Zukunft systematisch Kooperation, Solidarität, Empathie und Großzügigkeit lernen, wenn es uns a) als ethisch vorbildlich und vielleicht sogar selbstverständlich in den Schulen und Elternhäusern vermittelt wird und b) wir endlich auch in der Wirtschaft für diese Verhaltensformen belohnt werden. (Felber 2010: 136)

"Back to Mesopotamia?"

Karel Schwarzenberg betonte, dass wir uns verändern müssen, nicht das System. Sedlacek spricht in seinem Buch von einem neuen Paradigma:"Wir müssen zunächst die ursprüngliche Methodologie völlig verwerfen und es wagen, an etwas ganz Neues zu denken. (Sedlacek 2012: 376)

Felber erwähnte in diesem Zusammenhang den Vorschlag der "Boston Consulting Group", eine der führenden Unternehmensberatungsfirmen weltweit. Für sie sieht das Neue so aus: eine einmalige, verhältnismäßig hohe Vermögenssteuer zum Schuldenschnitt. Die Publikation "Back to Mesopotamia? The looming threat of debt restructuring" bezieht sich auf das alte Mesopotamien, wo jedem Herrscher bei seinem Amtsantritt die gesamten Schulden erlassen wurden. Ist das neu genug, um die multiplen Krisen zu bewältigen? Diese und andere Fragen regten beim Nachhauseweg zum Weiterdenken an.


Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.




Felber, Christian (2010): Die Gemeinwohl-Ökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Wien: Deuticke Verlag

Sedlacek, Tomas (2012): Die Ökonomie von Gut und Böse. München: Carl Hansen Verlag